29.03.2017

Druck von vielen Seiten

Die Gesellschaft nimmt das Thema Abtreibung auf die leichte Schulter. Das sagen zwei Ärzte, zwei Hebammen und eine Arzthelferin gegenüber der KichenZeitung. Wer sich für das ungeborene Leben einsetzt, gerät ihrer Ansicht nach verstärkt unter Druck.
 


Esther Tepper berät schwangere Frauen. Sie zeigt
ein Foto des kleinen Niklas, das ihr die dankbare
Mutter geschickt hat. Der Vater des Kindes hatte
die Mutter immer wieder zur Abtreibung aufgefordert.
| Fotos: Tillo Nestmann

Hebamme Esther Tepper (52) ist Beraterin in der überkonfessionellen Uelzener Schwangerenberatungsstelle „Hoffnung e.V.“. Diese Stelle hat sie mit dem Gynäkologen Thomas Börner (siehe seite 2)  vor 23 Jahren gegründet. Sie zeigt ein Baby-Foto: „Das ist Niklas, ein hart erkämpfter Sieg.“ Ein gutes Jahr liegt der Kampf zurück. Er ging um sein Leben und wurde meist nachts per Handy geführt. „Da klingelte es ständig“, sagt Esther Tepper. Auf der anderen Seite war Jessicas (27) verzweifelte Stimme zu hören: „Er hat mir schon wieder eine SMS geschickt! Ich soll Charakter zeigen und es jetzt endlich tun! Wenn ich mich weigere, würde ich sein Leben zerstören. Er droht sich umzubringen!“ Jessica soll das gemeinsame Kind abtreiben. Viermal hat sie bereits einen Abtreibungstermin platzen lassen. Zweimal war schon alles vorbereitet, doch sie ist weinend aus dem Wartezimmer gerannt.

Esther Tepper ist Mutter von fünf Kindern, seit über 28 Jahren freiberuflich als Hebamme tätig. Der Fall Jessica hat sie sehr berührt. Die Tochter einer Freundin aus Jugendtagen war nach einem kurzen Techtelmechtel mit einem Arbeitskollegen schwanger geworden. Weil sie in einer kleinen südniedersächsischen Stadt lebt,  konnte Esther Tepper nur telefonisch helfen. Sie riet, notfalls Rechtsmittel einzusetzen: „Was der Mann macht, ist strafbare Nötigung.“

Ihr Gewissen lässt sie bis heute nicht in Ruhe

Als junge Frau möchte Esther Tepper, eine Pastorentochter, in die Mission nach Afrika gehen, macht eine Ausbildung zur Krankenschwester und Hebamme. Sie erinnert sich an ihre Ausbildungszeit vor über 30 Jahren in Göttingen: „Ich war zwar nie direkt an Abtreibungen beteiligt, musste aber die Frauen auf den Eingriff vorbereiten. Heute tut mir das im Herzen weh. Mein Gewissen plagt mich und fragt: Warum warst du damals Handlanger und hast zugeschaut?“ Dass sie damals gegen Zeitdruck und Unterbesetzung gekämpft hat und den Erwartungsdruck der Kolleginnen, kann sie heute nicht wirklich beruhigen.

Esther Tepper ist freiberufliche Hebamme geworden. Sie kümmert sich um die Vor- und Nachsorge der Geburten. Eine Freundin ist heute eine von zwei Kreißsaalleiterinnen an einem großen Stuttgarter Krankenhaus. Diese Freundin will anonym bleiben und sagt: „Bei uns werden neben Früh- auch Spätabtreibungen vorgenommen. Ich bin gläubig und weigere mich. Aber seit dem Wechsel in der Klinikleitung vor einem Jahr werden hier die Zügel angezogen.“ Das bedeutet: Junge Ärzte, die sich im Vorstellungsgespräch nicht zur Mitwirkung an Abbrüchen bereit erklären, erhalten gar keine Anstellung mehr für eine Ausbildung zum Gynäkologie-Facharzt. Junge Hebammenschülerinnen werden über ihr Weigerungsrecht gar nicht informiert. Da gehe es forsch zu nach der Devise: „Du hast dir diese Ausbildung ausgesucht. Die Abtreibungen gehören zu den harten Seiten des Berufs. Da musst du durch!“

Nach Spätabtreibung überlebte der Fötus

Esther Teppers Freundin sagt: „Die Realität ist heute, dass eine Hebamme gleichzeitig in dem einen Raum eine Geburt, in einem anderen eine Spätabtreibung betreut. Die läuft nach Verabreichung eines Wehenauslösers genauso ab, wie eine richtige Geburt: Kindsbewegungen, Eröffnungswehen, Presswehen. Tagelang dauert das.“ Durch die Einstellungsänderungen zählen Esther Teppers Freundin und die wenigen sich weigernden Kolleginnen heute zu den Ausnahmen der Geburtsabteilung.

Dr. Andreas Hebestreit (52), Uelzener Kinderarzt und Kinderchirurg, ist katholisch, hat mit seiner kolumbianischen Ehefrau Rosa (48) acht Kinder und ist ebenfalls Mitglied der Lebensschutzorganisation „Hoffnung e.V.“. Er erinnert sich an seine Zeit als junger Assistenzarzt vor gut 20 Jahren am Universitätsklinikum Münster: „Schon damals bekamen wir, gemessen an der Gesamtzahl der Geburten, viel weniger Missbildungen als früher. Das betraf auch die leicht operablen Fälle. Uns wurde klar: Die wurden abgetrieben.“ Im Jahr 1995 dann ein besonderer Fall: Ein in der 29. Schwangerschaftswoche aufgrund einer Fehldiagnose abgetriebener Fötus hatte überlebt.
 

Skeptisch gegenüber Abtreibungen und ihren
Folgen: Dr. Andreas Hebestreit, Dr. Jens Neth
und Artzhelferin Monika Schab.

Dr. Andreas Hebestreit schildert die Situation: „Nach Ultraschall- und dann auch noch Röntgenuntersuchung waren die Kollegen sicher gewesen: thanatophore Dysplasie. Das ist eine Verkürzung von Armen und Beinen, verbunden mit Atemschwäche, die innerhalb weniger Stunden nach der Geburt zum Tod führt. Deshalb wurden die Wehen eingeleitet. Aber das Kind war gesund. Zum Glück gelang uns die Rettung im Brutkasten.“ Heute seien die vorgeburtlichen Untersuchungen zwar genauer, aber noch immer komme es zu Fehldiagnosen.

Monika Schab (52) ist Arzthelferin und Operationsassistentin. Seit dem Jahr 2003 arbeitet sie in Dr. Hebestreits Kinderpraxis. Davor hat sie drei Jahre lang auf 400-Euro-Basis in einer gynäkologischen Praxis in Uelzen gearbeitet. Sie ist evangelisch, verheiratet und Mutter von zwei jetzt erwachsenen Kindern. Sie sagt: „Meine Kinder waren acht und sechs Jahre alt. Ich wollte nach sechs Jahren Kinderpause in meinem Beruf wieder Tritt fassen. Bei meinem Frauenarzt er­gab sich damals die Gelegenheit. Hätte ich sie doch nur nicht ergriffen!“

„Die seelischen Probleme kommen später“

Dokumentieren, Abrechnen, Instrumente vorbereiten und danach säubern, die Frauen zwei Stunden nach der Narkose aus dem Aufwachraum führen – und ab und an auch vertretungsweise bei Operationen assistieren: Das war Monika Schabs Tätigkeit. „Ich dachte: Das verkrafte ich schon. Aber was ich sehen und hören musste, verfolgt mich jetzt noch nach 14 Jahren. Nach dem Aufwecken weinten die einen, andere blickten stumm vor sich hin, wieder andere redeten pausenlos. Für eine wohlsituierte Frau war der Grund für den Abbruch eine weite Urlaubsreise.“

Dr. Jens Neth (55) ist freier Narkosearzt, evangelisch, lebt in einer Patchwork-Familie. Er ist Vater von zwei eigenen und zwei zugeheirateten Kindern. Mit Abtreibungen hat er ethisch keine Probleme, wenn sie auf dem freien Willen aufgeklärter Frauen beruhen. 23 Jahre lang, bis vor vier Jahren, hat er mitgewirkt. Jetzt ist Schluss. Seine Bedenken sind medizinisch-fachlicher Art: „Eine normale Frühabtreibung dauert zwar nur fünf Minuten. Aber auch korrekt in einer Klinik ausgeführt, hat sie ihre medizinischen und vor allem psychischen Risiken.“ Es bestehe ein erhöhtes Risiko für Unfruchtbarkeit, Depressionen, Krebs und vieles mehr. „Viele junge Frauen scheinen zwar nach außen hin alles locker wegzustecken“, sagt Neth, weiß aber aus Erfahrung: „Zumindest die seelischen Probleme kommen später fast immer.“

Tillo Nestmann

Kommentare

„Junge Ärzte, die sich im Vorstellungsgespräch nicht zur Mitwirkung an Abbrüchen bereit erklären, erhalten gar keine Anstellung mehr für eine Ausbildung zum Gynäkologie-Facharzt.“ (sh. Artikel)

Ich bin 21 Jahre alt, Medizinstudentin im 2. Semester und habe kürzlich diesen Artikel gelesen. Die oben genannte Aussage hat mich zutiefst getroffen. Einerseits führt es mir die große Nachfrage nach Abtreibungsmöglichkeit vor Augen, andererseits erschreckt mich das Arztverständnis und Arztbild, das dahinter steckt. Ich habe mein Studium begonnen, um Menschen in Liebe zu begegnen, Ihnen zu helfen, beizustehen, sie zu unterstützen und sie nach dem Arztbesuch glücklicher zu sehen als davor. Das mag idealistisch und unrealistisch klingen... das ist es vielleicht sogar, doch was wäre denn ein Leben ohne Ideale und Träume, für die man zu kämpfen bereit ist?

In diesem Arztbild jedoch begegne ich einem Arzt, der nicht um das Wohl seiner Patienten besorgt ist. Ich begegne einem Arzt, der gesunde Frauen als Patienten empfängt. Ich begegne einem Arzt, der tötet. Der Babys tötet. Der in ein- und derselben Stunde einmal einem Baby auf die Welt helfen und ein anderes Mal genau das verhindern soll.

Ich frage mich, könnte ich dieses Baby, mit Namen Niklas, wie man ihn auf diesem Bild sieht, töten? Umbringen? Auslöschen? Und ich sage mir: Nein…. Nein! NEIN! Wie kann ich dann mit ein- und demselben Kind, nur jünger, genau das tun? Der einzige Unterschied besteht in dem Zeitpunkt der Tötung und vor allem in der unterschiedlich guten Möglichkeit, die Augen verschließen zu können. Doch dass ich meine Augen verschließe, ändert nichts an der Tatsache, dass dieser „dreimonatige Zellhaufen“ mich ein paar Monate später aus seinem Baby-Gesicht heraus anlächeln würde, hätte ich es nicht zu verhindern gewusst.

Und weiter die Tatsache, dass Tausende und Abertausende Frauen mit Post-Abortion-Syndromen(1), die auf meinen ärztlichen Eingriff folgen, erneut und gerade aufgrund meines Handelns einen Arzt aufsuchen müssen, zeigt mir die Abstrusität und Verdrehtheit des „ärztlichen Handelns“ der Abtreibung. Ich empfange und behandele gesunde Frauen und entlasse sie in Krankheit. In dem einen Raum führe ich eine Abtreibung durch: ich töte ein Baby, reiße Wunden an Leib und Seele der Mutter. Dann gehe ich in den Raum gegenüber, um gegensätzlich zu verfahren: Einer Mutter ein Baby schenken, ihr Glück erfahren, ihre Freude. Kein erneuter Termin wegen Depression, Unfruchtbarkeit, Angstzuständen.

Soll ich mir so ein Wirken als Ärztin vorstellen?

Wie soll ich vor diesem Gegensatz die Augen verschließen? Wie kann ich einerseits Babys und Kinder lieben, andererseits Abtreibungen durchführen?

Die Tatsache, dass dieses Arztsein von vielen geführt wird, ist schlimm, nicht zu fassen. Doch die Tatsache, dass ein Arzt, der nur den Raum mit den Geburten betreten möchte, keine Arbeit mehr findet, ist mehr als absurd, verdreht und unbegreiflich…

Wenn nun Abtreibung nicht die Lösung sein kann, was ist dann mit den vielen ungewollten Babys, den „Unfall-Babys“? Ich glaube das Problem liegt woanders. Es liegt darin, Babys als möglichst zu vermeidendes Übel und unangenehme Folge des Geschlechtsverkehrs zu sehen und zu behandeln. Ich muss mich fragen, bevor ich eine intime Beziehung eingehe, bevor ich Geschlechtsverkehr habe,bin ich bereit für ein Kind? Kein Verhütungsmittel der Welt ist 100% sicher. Auszublenden, dass ein Baby entstehen kann und mit der Annahme, es wird schon nicht, wird der entscheidende Kompromiss begangen. Der Kompromiss, der dann auf einmal doch zu der nun nicht mehr ausblendbaren Frage führt: Bin ich bereit für ein Kind? Nur hat nun diese vorher neutrale Frage auf einmal ein anderes Gewicht, nämlich das Gewicht eines menschlichen Lebens. So frage ich mich noch einmal, bin ich bereit für ein Kind? Wenn ich diese Frage mit Nein beantworte, dann ist das einzig Konsequente, enthaltsam zu bleiben und keinen Sex zu haben.

Alles Andere ist Spaß um jeden Preis, um den Preis meines Babys. Ich habe Spaß, und du stirbst.

… Beziehung ohne Sex?
Sex hat doch heute jeder und immer. Das gehört einfach dazu. Genauso wie die Abtreibung, das machen doch heute auch alle und das haben schon so viele gemacht.
…Doch sind das wirklich Argumente dafür, dass es okay ist? Dass es richtig und nicht schlimm ist, dass ich Babys sterben lasse und töte? Als wäre nichts gewesen? Soll ich deswegen mein Gewissen und alle Menschlichkeit in mir überwinden und abtreiben? Weil es alle machen?

Ich persönlich habe mich bewusst und in Freiheit dazu entschieden, enthaltsam zu leben und auf Sex zu verzichten, solange ich nicht für ein Kind offen und bereit bin und zwar aus vollster Überzeugung und mit großer Freude. Und ich möchte Mut dazu machen, allen Frauen und Männern, und aufzeigen, dass das möglich und auch eine reale Möglichkeit ist!

Ich möchte aber auch an das Gewissen eines jeden Einzelnen appellieren, sich mit dieser Thematik zu beschäftigen und einen klaren, gut begründeten Standpunkt bezüglich dessen einzunehmen. Es ist kein Thema, bei dem man neutral bleiben kann und darf. 100.000 Abtreibungen pro Jahr(2) sind auch nicht neutral.

Das soll wirklich der Preis sein, den wir für unseren Lebensstil zu zahlen bereit sind?

Möge sich jeder einmal persönlich, dem kleinen Niklas in die Augen blickend, seine Meinung dazu bilden.

Vielen Dank dem Verfasser für diese Stellungnahme und diesen Artikel und allen darin erwähnten Personen, die sich gegen die Abtreibung entschieden haben und dafür einstehen.
Cosima Kügler, Bad Bevensen
 
(1) Eine Studie unter Leitung von D. M. Fergusson des Jahres 2006, erschienen im Journal of Child Psychology and Psychiatry, kommt zu dem Ergebnis, dass fast jede zweite Frau nach einer Abtreibung psychisch erkranke und eine sehr enge Verbindung zwischen Depressionen, Angstzuständen, Suizidgefährdung, Suchtverhalten und
einer Abtreibung bestehe. Weiteres zu der Studie und Informationen zu dem „Post-Abortion-Syndrom“ unter: http://www.kath-info.de/pas.html
(2) Offizielle Abtreibungszahl des statistischen Bundesamtes in Deutschland im Jahr 2016. Unberücksichtigt bleiben Frühabtreibungen durch Einnahme von Ovulationshemmern und der „Pille danach“
http://www.cdl-rlp.de/Download/Abtreibungen-2016.pdf