08.09.2017

Wenn Freunde auf dem falschen Weg sind

"Du Besserwisser!"

Was tun, wenn man glaubt, dass Freunde oder Familienmitglieder den falschen Weg eingeschlagen haben? Mahnen? Warnen? Oder lieber sagen: „Na, wenn das dein Weg ist ...“? Was kann Gottes Forderung an Ezechiel heute bedeuten?


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„Das ist doch nicht richtig, was du da machst!“ Ein ernstes Gespräch ist keine leichte Sache. Aber manchmal wichtig. Foto: istockphoto

 

Neunmalschlauer, Klugscheißer, Besserwisser: Wer einen anderen ermahnt und auf den vermeintlich besseren Weg bringen will, gerät leicht in diesen Verdacht. Darum halten viele Menschen mit ihrer Meinung hinter dem Berg, auch wenn sie das Tun eines anderen nicht gut heißen. Laut Bibel erwartet Gott aber von seinem Volk etwas anderes.

Für Hiltrud Liedke ist es ein grundmenschliches Bedürfnis: das Interesse am anderen und die Aufmerksamkeit, für ihn und das, was ihn beschäftigt. „Ich möchte wissen, was den anderen umtreibt, was er an Verletzungen und vielleicht auch Erfahrungen von Scheitern und Fehlern in seinem Leben gemacht hat. Und ich betrachte das mit Respekt und Wertschätzung und großem Interesse für seine Motive.“ 

Hiltrud Liedke ist Leiterin der Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle der Caritas in Erfurt. Zu ihr kommen Menschen, die Probleme haben in ihrer Partnerschaft, die sich Hilfe erhoffen in Erziehungsfragen oder die in einer Sinnkrise stecken. Sie hinterfragt, zeigt verschiedene Wege auf, aber Tipps gibt sie nicht. Sie tritt nicht als Wächterin der richtigen Lebensweise auf.

„Du aber, Menschensohn, ich gebe dich dem Haus Israel als Wächter; wenn du ein Wort aus meinem Munde hörst, musst du sie vor mir warnen.“

Die babylonische Gefangenschaft – das frühe Trauma des Judentums. Tausende Menschen gehen 597 v. Chr. ins Exil. Darunter Beamte, Soldaten, Handwerker – und ein Mann namens Ezechiel. Er sollte zum Priester in Davids Tempel ausgebildet werden, doch das Exil machte diesen Traum zunichte. Stattdessen beruft Gott Ezechiel zum Propheten. Dieses Amt deutet Ezechiel als Wächteramt. Er hat von Gott empfangen, was das Volk tun muss, um den Bund mit Jahwe zu halten, und was sie im Gericht erwartet. Das muss von allen gehört werden.

„Wenn du nicht redest und den Schuldigen nicht warnst, um ihn von seinem Weg abzubringen, dann wird der Schuldige seiner Sünde wegen sterben.“

Der Bibeltext geht davon aus, dass der Wächter weiß, welches Verhalten gottgewollt ist. „Wir sind heute behutsam, denn es gibt in unserer Gesellschaft eine Wertepluralität“, meint Hiltrud Liedke. Unterschiedlichste Lebens- und Liebesmodelle sind akzeptiert. Dennoch gibt es, wie Liedke sagt, auch Grenzen. „Eine Frau oder eine ganze Familie, die geschlagen werden, da würde ich versuchen einzugreifen.“ Die Frage ist immer wie. „Was kann ich tun, was kann ich nicht tun, wo sind meine Grenzen, wo ist meine Verantwortung in einem solch schwierigen Fall?“ 

Im biblischen Text des Ezechielbuches sieht sie eine Form, die Aufmerksamkeit im Miteinander einzufordern, „die mir in diesem Befehlston selber nicht so von den Lippen käme. Ich habe aber auch nicht dieses Selbstverständnis, eine Botschaft übermitteln zu wollen.“ 

Ezechiel hat eine göttliche Botschaft. Er weiß (von Gott) ganz genau, was richtig und was falsch ist. Ein Verständnis, das Hiltrud Liedke und ihr Team nicht haben. Sie sagen dem Klienten nicht, ob er falsch oder richtig liegt in seinem Tun. „Ich schaue, ob es ein Leiden gibt und eine Unzufriedenheit und eine eigene Sorge um sich selbst. Dann stehe ich zur Verfügung mit meinem methodischen Repertoire und meiner menschlichen Aufmerksamkeit und Anteilnahme, um ein Stück Weg zu begleiten. Aber was da anders werden soll und wie das gehen kann, das werde ich dem anderen hier nicht sagen.“ Und genau damit würde sie sich laut Ezechiel schuldig machen:

„Von dir aber fordere ich Rechenschaft für sein Blut.“

Einem Menschen zuhören und ihm bei der Bewältigung einer Lebenskrise helfen, das tut Hiltrud Liedke täglich. Sie lenkt die Aufmerksamkeit der Klienten auf verschiedene Wege, die ihnen zur Veränderung der Situation möglich sind. Für welchen sich der- oder diejenige entscheidet, das kann und will sie nicht entscheiden. So wie der alttestamentliche Prophet. „Ezechiel ist da ja auch ganz realistisch – auch im Heute. Er betont ja, wenn man es gesagt hat und der andere es nicht tut, dann ist es seine Verantwortung.“

„Wenn du aber den Schuldigen vor seinem Weg gewarnt hast, damit er umkehrt, und wenn er dennoch auf seinem Weg nicht umkehrt, dann wird er seiner Sünde wegen sterben; du aber hast dein Leben gerettet.“

Dass man den anderen zurechtweist oder ihn auf den besseren Weg bringen will, um sich vor Gott und den Menschen gerecht zu fühlen, das ist der Ehe- und Familienberaterin fremd. „Ich würde das tun, weil der andere mir am Herzen liegt. Ich würde das tun, weil ich mir das auch von anderen wünschte, dass sie auf mich aufmerksam werden, wenn es mir schlecht geht, wenn ich mich irgendwo verrannt habe. Das als Norm zu sehen und zu sagen ‚und dann bin ich gerecht‘, dann kann ich mir auf die Schulter klopfen und sagen, ich habe alles richtig gemacht. Ich finde es schwierig, mit so einem Hintergedanken in ein Gespräch zu gehen. Das kommt mir ein bisschen egoistisch vor.“

Es gibt Situationen, da muss man sich einmischen, und andere, in denen man Toleranz gelten lassen sollte. Letztlich aber muss der, der in einer schwierigen Situation steckt, selbst für sich und sein Handeln Verantwortung übernehmen. Das weiß Hiltrud Liedke ganz genau. „Ich kann andere Menschen nicht retten. Ich kann mal einen Fingerzeig geben. Ich kann ein Stück begleiten, ich kann da sein, ich kann was aushalten. Das sind alles Dinge, die ich tun kann, aber einen Menschen retten, die Verantwortung für ihn übernehmen, das kann ich nicht.“

Von Diana Steinbauer