13.09.2012

Christlich laufen

Du hast noch einen weiten Weg

Frank Hofmann ist Chefredakteur der größten deutschen Laufzeitschrift „Runner‘s World“, Kenner der Laufszene und natürlich selbst (Marathon-)Läufer. Seine Läufe und seine Hinwendung zum christlichen Glauben haben ihn zu der Einsicht gebracht: Laufen kann eine Gebetshaltung sein.

"Ihr seid teuer erkauft. Darum preist Gott mit eurem Leibe!“ Dieser Satz aus dem Ersten Korintherbrief des Apostels Paulus ist Frank Hofmann (49) auf den Leib geschrieben. Im Interview äußert sich der Hamburger Journalist darüber, wie man beim Laufen Gott begegnen kann. 

Wie kamen Sie zum Laufen?

Frank Hofmann auf der Strecke. Der Laufexperte hilft auch Nicht-Marathonläufern, Sport und Spiritualität miteinander zu verbinden. Foto: runner's world
Frank Hofmann auf der Strecke. Der Laufexperte hilft auch Nicht-Marathonläufern, Sport und Spiritualität miteinander zu verbinden. Foto: runner's world

Angefangen habe ich 1995, da war ich 33 Jahre alt, habe viel geraucht und glaubte: Du musst etwas für deine Fitness tun! Ein Jahr später bin ich in Hamburg meinen ersten Marathon gelaufen, nach einem weiteren Jahr den Ironman in Roth (Triathlon-Wettkampf mit 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42,195 Kilometer Laufen) geschafft. Spirituelle Gründe hatte das gar nicht. Im Gegenteil: Ich hätte mich damals als Atheisten bezeichnet.

Das hat sich geändert. Wie kam das?

Mein Elternhaus war streng christlich. So streng, dass ich mich in der Pubertät völlig vom Glauben losgelöst habe. Allerdings blieben die großen Fragen des Daseins. Um Antworten zu bekommen, habe ich Philosophie studiert. In der „Analytischen Philosophie“, mit der ich mich vor allem beschäftigt habe, kam Gott nicht vor. Erst als ich 2005 meine Frau kennengelernt habe, wurde Gott wieder ein Thema. Der zweite Anstoß war ein Interview mit Margot Käßmann für Runner’s World. Sie ist Läuferin und hat mir die Perspektive eröffnet, dass Laufen und Glauben zusammengehören können.  

Der entscheidende Impuls war die Geburt meiner Tochter. Ich habe gespürt: Es gibt Dinge, die sich materialistisch nicht erklären lassen. Wie kann ich jemanden lieben, dessen Gesicht ich nie gesehen habe? So wie ein Kind vor der Geburt? Da wurde mir klar, welche Macht die Liebe hat.

Margot Käßmann läuft. Die Mehrheit der Kirchenvertreter dagegen, ab einem bestimmten Alter und Rang, glänzt nicht gerade durch besondere Sportlichkeit.

Sicher gibt es auch heute noch ein Misstrauen gegenüber dem Leiblichen. ,Vom Körper gehen Triebe, Hunger, Süchte aus. Der Geist allein zählt.‘ Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb heute so viele Leute Raubbau an ihrem Körper betreiben. Der menschliche Körper ist zum Laufen eingerichtet. Genetisch unterscheiden wir uns kaum von den Sammlern, Hirten und Jägern zur Zeit Abrahams. Damals ist jeder Mensch pro Tag rund 20 Kilometer weit gelaufen. Der heutige Aktionsradius beträgt im Durchschnitt 800 Meter. Wir tun unserem Körper Gewalt an, indem wir ihn nicht nutzen.

Die christliche Tradition hat vieles unter den Hut der Religion gebracht: Es gibt geistliche Musik, sakrale Kunst, rituelles Essen, Trinken und Fasten, alle Körperhaltungen spielen irgendwo eine Rolle. Warum entdeckt erst jetzt jemand das spirituelle Laufen?

Marathon zu Gott - Eine Einführung in den christlichen Glauben, aufgeteilt in 43 Kapitel: Für jeden Kilometer eines Marathonlaufes gibt Frank Hofmann Antwort auf eine Frage, die laufende (oder gehende) Zeitgenossen an das Christentum stellen. Im Anhang ein Interview mit Margot Käßmann und Ratschläge für Einsteiger.
Marathon zu Gott, 2011 Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-06570-0, 17,99 €.

So neu ist dieser Gedanke gar nicht. In der Bibel gibt es ständig Bewegung. Nur wo sich Menschen bewegen, tut sich auch geistlich etwas. Warum schickt Gott Abraham auf einen langen Weg? Warum geht das Volk Israel 40 Jahre lang durch die Wüste? Der Grund war nicht die große Entfernung.  Das Volk brauchte diese Zeit für eine innere Entwicklung. Die nomadischen Ursprünge Israels setzen sich fort bei Jesus, der als Wanderprediger unterwegs war, oder im Gedanken des „wandernden Gottesvolkes“ im Hebräerbrief. Dahinter steht das alte Wissen: Körperliche Bewegung setzt Entwicklungen frei.

Auf welchen Effekt kann ich hoffen, wenn ich anfange zu laufen?

Die meisten Menschen haben heute nie Zeit, über sich selbst nachzudenken. Wer täglich eine Stunde läuft, hat eine Stunde frei, genau das zu tun. Und zwar sehr effektiv. Wir wissen, dass der Körper bei der Ausdauerleistung in einen anderen Zustand versetzt wird. Der Hormonhaushalt, die Sauerstoffaufnahme, die Energieverbrennung verändern sich. Die Gehirntätigkeit wird angeregt. Mir hat das Laufen sehr geholfen in der Zeit, als ich mich mit christlicher Theologie zu beschäftigen begann. Vieles war für mich neu und musste erst einmal verarbeitet werden. Beim Laufen geht das besser als am Schreibtisch. Es gibt übrigens eine interessante Studie der Sporthochschule Köln. Die Forscher haben Menschen beim Beten und Laufen untersucht und festgestellt: Bei Betern laufen ähnliche mentale Prozesse ab wie bei Läufern. Es liegt also nahe, beides miteinander zu verbinden.

Bringt mich denn ein Dauerlauf schon Gott näher?

Es  funktioniert nicht wie ein Programm, das ich einschalte, und automatisch öffnet sich ein Fens-ter zu Gott. Christliche Spiritualität ist Gnade. Laufen kann ein Weg sein, der einen Raum für Spiritualität schafft. Ob sich ein spirituelles Erleben einstellt, da ist man auf den Heiligen Geist angewiesen. In der Regel aber kommen Sie mit einer besseren Stimmung aus dem Lauf heraus, als Sie hineingegangen sind. Beim Beten ist es genauso.

Gibt es ein bestimmtes Gebet oder eine Gebetsform, die zum Laufen passt?

Die Teilnehmer meines Kurses „Liturgie des Laufens“ entwickeln sehr individuelle Formen, die ihnen besonders zusagen. Oft verbinden sie Worte oder Silben mit dem Ein- und Ausatmen, was ja auch eine alte Gebetstechnik ist. Ich habe die besten Erfahrungen mit einem bestimmten Gebet gemacht – dem Vaterunser. Ich liebe das Vaterunser, seine innere Dynamik, den Wechsel zwischen Himmel und Erde, Gott und Mensch, Immanenz und Trans­zendenz. Das Vaterunser ist ein Gebet, in dem wahnsinnig viel in Bewegung ist. Für mich ist es ein Gefäß, in das ich ganz viel hineinlegen kann.

Nichtläufer werden jetzt sagen: Laufen ist doch anstrengend. Wie kann ich da noch beten oder meditieren?

Voraussetzung ist, dass ich etwas Laufroutine habe. Ich sollte 30 Minuten problemlos durchhalten können. Ich muss das Laufen so weit gelernt haben, dass die Bewegung keine geistige Ener­gie mehr erfordert. Das geht aber schnell. Nach vier bis sechs Wochen ist man so weit. Dann kann man die Zeit dazu nutzen, seinen Gedanken nachzugehen. Oder ein Gebet zu sprechen oder kurze prägnante Bibelzitate zu wiederholen.

Langstreckenläufer kennen den Effekt des „Runner’s High“. Das ist ein Hochgefühl, das sich nach stundenlangem Laufen einstellt. Gibt es so etwas auch beim spirituellen Laufen?

Ein „Prayer’s High“? Ich habe so etwas noch nicht erlebt. Das „Runner’s High“ dagegen auf jeden Fall. Aber es kommt vor, dass man beim Laufen eine neue Einsicht gewinnt und vor sich hinstrahlt, dass die Leute sich wundern. Das passiert mir öfter.

Ein Rat für Bewegungsmuffel – wie sollte man mit dem Laufen anfangen?

Ein ganz wichtiger Tipp: Laufen ist keine Frage der Geschwindigkeit, sondern der Technik. Man kann langsamer laufen, als man geht. Wichtig ist, frühzeitig Gehpausen einzulegen. Also nicht so lange laufen, bis man nicht mehr kann. Und dann: Regelmäßigkeit schaffen! Für die ersten Monate reicht es, sich zweimal in der Woche eine Stunde zu reservieren, und dann abwechselnd zu laufen und zu gehen.

Viele Anfänger beginnen mit Euphorie, starten vielversprechend, hören aber nach wenigen Wochen wieder mit dem Joggen auf. Was machen sie falsch?

Bekennende Christen im Leistungssport gibt es viele. Der berühmteste von allen ist der legendäre tschechische Läufer Emil Zatopek (vorne), der mitten im Ostblock seinen Glauben bekannte, im Prager Frühling 1968 für die Freiheit eintrat und in ein Bergwerk versetzt wurde. Zatopek: „Alle Bemühungen im Lebenskampf wären sinnlos, ohne Christus vor Augen zu haben. Für mich ist es wunderbar, dass Gott uns seine Liebe dadurch erwiesen hat, indem er Jesus Mensch werden ließ. Dieser Glaube an Jesus vervielfältigt die menschlichen Kräfte.“ Foto: Rössing/Deutsche Fotothek.

Dann hat sich noch keine Bindung entwickelt, die sich erst bei regelmäßigem Training einstellt. Dranbleiben ist wichtig. Denn je länger man pausiert, desto größer ist der innere Schweinehund, der mich vom Laufen abhält. Die positive Wirkung des Laufens ist ungeheuer groß, aber unspektakulär. Das heißt: Ich werde nicht auf einen Schlag gesund und fit, aber ich werde langsam fitter, manchmal ohne es zu merken.

Gibt es da nicht auch Parallelen zur christlichen Glaubenspraxis? Regelmäßigkeit im Gebet, das fordern ja auch die großen Gebetslehrer. Und das große Offenbarungserlebnis kommt auch nicht am ersten Tag.

Doch, es kommt schneller als beim Laufen. Ich bekomme zwar nicht schon auf alle Fragen sofort eine Antwort, aber auf die wichtigste Frage: Wer bin ich eigentlich? Wenn ich mich Christus zuwende, weiß ich, dass ich auf der Welt gewollt bin  und geliebt werde. Ich weiß, dass ich von Gott gehalten bin, auch wenn ich den Haltegurt nicht sehe. Das Christentum ist die Antwort auf diese große Frage, die jeden Menschen bewegt. Es ist die Bestimmung des Menschen, Christ zu sein. Er ist dafür geschaffen, ebenso wie der Körper dafür gebaut ist zu laufen.

Was sagen Ihre Gesprächspartner in der Läuferszene, wenn Sie solche Gedanken äußern? Halten sie Sie für übergeschnappt?

Zu Anfang hatte ich die Vorstellung, ich könnte Läufer zu Gläubigen machen. Inzwischen will ich nur noch Gläubige zu Läufern machen. Das ist einfacher (lacht). Eine allgemeine Vorstellung von Spiritualität lässt sich noch ziemlich gut vermitteln, weil das Meditative des Laufens dem entgegenkommt. Aber wenn es dann an Vorstellungen wie Auferstehung oder Jungfrauengeburt geht, tun sich die meisten schwer. Vielen fehlt auch die Geduld, sich über etwas Gedanken zu machen, dem sie nicht sofort zustimmen können.

Ihre Lieblings-Bibelstelle mit Blick auf das Laufen?

Da gibt es viele. Einige wenig bekannte Paulusworte gehören dazu, auf jeden Fall aber die Geschichte von Elija, der um sein Leben läuft, 100 Kilometer vom Karmel bis Beerscheba. Dort bricht er in der Wüste zusammen und wünscht sich den Tod. Und dann gibt Gott ihm Brot und Wasser und ein Engel sagt: „Steh auf! Du hast noch einen weiten Weg vor dir!“

Interview: Andreas Hüser

 

Stichwort: Liturgie des Laufens

Unter der Titel „Liturgie des Laufens“ leiten Frank Hofmann und Pastor Rolf-Dieter Seemann (Hauptkirche St. Petri) derzeit zum zweiten Mal einen Einführungskurs in das Spirituelle Laufen. Die Teilnehmer treffen sich sechsmal und laufen nach einem theologischen Impuls auf der Hamburger Elbinsel Kaltehofe. Am Ende sollen die Teilnehmer eine Stunde lang am Stück laufen können. Lauftreffs, Vorträge und Seminare zum Thema gibt es mittlerweile an mehreren Orten Deutschlands.
Tipps zum spirituellen Laufen und Aktuelles auf der Webseite www.spirituelles-laufen.de

 

Zur Person

Dr. Frank Hofmann wurde 1962 in Offenbach geboren, studierte Germanistik und Philosophie und promovierte 1987 in Düsseldorf. Seit 1983 arbeitet Hofmann als Journalist, als Ressortleiter für „auto motor und sport“, für den „stern“, als Chefredakteur für „Men‘s Health“ und das von ihm gegründete „BEST LIFE“.Seit 2007 ist er Chefredakteur des Laufmagazins „Runner‘s World