27.10.2017

Ein „Local“ für den Gottesdienst

150 Jahre St. Josef in Holzminden: Ein Schuppen, zwei Gotteshäuser, Priester als Hauslehrer, „ewiger Gewinn“ und Geschenke der Stadt. Ein Blick in die wechselvolle Geschichte einer Pfarrei.

Innenraum und ...

Eines Tages war es auch in Holzminden wieder so weit. 300 Jahre nach Reformation und einem Religionsfrieden, durch den allein der Herrscher bestimmte, welchen Glauben seine Untertanen haben,  regte sich wieder katholisches Leben. Deutlich spürbar wurde das um das Jahr 1860. Die wirtschaftlichen Wanderbewegungen, bedingt durch die sich entwickelnde Industrialisierung des deutschen Reiches, hatten zwischen 60 und 80 Katholiken nach Holzminden gebracht. Darunter die Familie Herrings. Sie war aus dem Sauerland ins obere Wesertal gezogen, um dort eine Fabrik zu gründen – der guten Transportmöglichkeiten an der Weser wegen.

Aber die Familie möchte auch Gottesdienst feiern. Ein erster Versuch zur Gründung eine Missionsstation wird noch von der Regierung des Herzogtums Braunschweig untersagt, doch Herrings lassen sich nicht beirren. Hilfe kommt zusätzlich aus dem benachbarten Dekanat Höxter im Bistum Paderborn – gewissermaßen von der anderen Weserseite. Schon vor der Reformation waren die Beziehungen zwischen den Katholiken beider Städte eng. In Höxter gründen Priester im November 1864 einen „Special-Missionsverein für Holzminden“. Das Ziel: Geld sammeln für ein „Gottesdienstlocal“ und zwei geistliche Lehrer des Gymnasiums Höxter, um mit der Mission auch beginnen zu können.

Wieder half Herrings: mit eben jenem „Gottesdienstlocal“ – einem Schuppen, einem Nebengebäude seiner Mühle. Am 28. Mai  1865 wurde erstmals seit der Reformation wieder ein Gottesdienst in Holzminden gefeiert, zwischen Fässern und Mauerrissen. Das „Katholische Sonntagsblatt Hildesheim“ – Vorgänger dieser KirchenZeitung – berichtet: „Dieses Local, das ohne weiteres an den Stall von Bethlehem erinnert, macht auf viele Katholiken einen so wehmütigen Eindruck, daß sie in Thränen ausbrachen.“

Der Hildesheimer Bischof Eduard Jakob Wedekin schickt daraufhin einen Neupriester nach Holzminden – allerdings ohne seinen Unterhalt sichern zu können. Wieder springt Herrings ein: Er beschäftigt ihn und auch seinen Nachfolger als Hauslehrer – damit sie für die Mission wirken können.

Herrings war es wohl auch, der Kontakte zum Bonifatiusverein nach Köln knüpft. 4000 Taler wandern nach Holzminden – genug für ein Pfarrhaus mit Kapelle – feierlich geweiht zum Fest Mariä Himmelfahrt am 15. August 1867. Für die Gemeinde ihre Geburtsstunde.  
 

Außenansicht der ehemaligen
Kirche St. Josef, die bis 1970
bestand. | Fotos: Archiv St. Josef

„Bonifatius-Vereins-Actien“ bringen „ewigen Gewinn“

1868 wurde eine Katholische Schule eröffnet. Zunächst für 20 Kinder. Doch deren Zahl stieg ebenso rasch wie die der Gottesdienstbesucher. Der Wunsch nach einer Kirche wurde groß, der amtierende Pastor Johann Gerhardy wandte sich wieder an den Bonifatiusverein. Ein Spendenaufruf folgte: „Speculation in Bonifatius-Vereins-Actien, in allen Größen bis zum Pfennig herab“ brächten „ewigen Gewinn“, den „nicht in Prozentzahlen ausdrückbaren Gotteslohn“.
 
Der Aufruf wirkt – und die Hilfe vom „Special-Missionsverein“ aus Höxter. Im Mai 1884 kann der Grundstein für eine neue Kirche gelegt werden. Zwei Jahre später, am 28. Mai 1886, wird das neue Gotteshaus von Bischof Wedekin unter den Schutz des heiligen Josef gestellt. 84 Jahre werden in dem neubarocken Gotteshaus heilige Messen gefeiert, Sakramente empfangen und Tote betrauert. 1970 muss die Kirche abgerissen werden. Zu klein und in der Bausubstanz zu geschädigt. In zweijähriger Arbeit wird eine neue Kirche errichtet – und am 6. Mai 1972 geweiht. Heute immer noch modern wirkend, gebaut als Zelt unter den Menschen. Das große Fenster hinter dem Altar erzählt vom himmlischen Jerusalem, der Verheißung, die in jedem Gottesdienst gefeiert wird. Es ist übrigens ein Geschenk der Stadt Holzminden. Ganz anders als zu Zeiten, da Staatsbeamte die Feier des Gottesdienstes untersagten.

Zwischen den Weihedaten der Kirche liegen das Wachstum der Gemeinde zu Beginn des 20. Jahrhunderts und die Unterdrückung in Zeiten des Nationalsozialismus, die 1943 zur Schließung der  Schule führt. Dazwischen liegen das Bangen in Bombenächten, der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, die Eingliederung der Flüchtlinge aus Schlesien.

 

Die neue Kirche St. Josef. Als Zelt Gottes unter den
Menschen geplant, wurde sie 1972 geweiht. | Foto: Archiv

Eine Pfarrgemeinde mit vier Kirchorten

Seit 1960 ist St. Josef eine eigenständige Pfarrgemeinde, aus der sich mehrere Kirchorte entwickelt haben. Zunächst in Bevern. Dort wurde 1968 die Kirche St. Hedwig geweiht. 1976 wurde die Kirche St. Benedikt errichtet. 1995 schließlich kommt in Polle ein weiterer Kirchort hinzu, der unter dem Patronat des Ehemanns der Gottesmutter Maria steht – Joseph, allerdings hier mit „ph“.

Und noch zwei Gebäude wurden unter den Schutz des Heiligen gestellt – hier wieder mit „f“. Im November 1980 wurden die Räume eines neu errichteten Gemeindezentrums gesegnet – das „Josefshaus“. Anfang der 1990er-Jahre erfüllte sich für die Gemeinde ein besonderer Wunsch. Die Kindertagesstätte  St. Josef wird gebaut – mit heute 15 Plätzen in der Krippe und  43 Plätzen für Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren.

Heute zählen gut 3700 Katholiken zu St. Josef und den benachbarten Kirchorten. Das Leben in der Gemeinde wird von Verbänden wie Kolping und der Frauengemeinschaft getragen. Es gibt Treffen für Kinder und Jugendliche sowie Ministranten, einmal im Jahr wird eine Ferienfreizeit auf Ameland angeboten. Nach Weihnachten werden wieder die Sternsinger unterwegs sein.

Treffpunkte für Senioren, Bibel- und Familienkreise, die Kirchenband „Gaudete“ oder das lockere Plaudern beim Kirchenkaffee nach dem Sonntagsgottesdienst – all das gehört zu St. Josef. Dazu zählt auch der Blick über den eigenen Kirchturm. Zu Beginn der 1970er-Jahre entstanden in St. Josef die ersten Projektpartnerschaften zugunsten afrikanischer Katechisten und Priester. Doch Geld sammeln und es Hilfswerken zur Verfügung stellen, erschien in der Gemeinde bald nicht mehr ausreichend genug. 1982 gründete der Pfarrgemeinderat den Ausschuss „Mission, Entwicklung, Frieden“, mit dem Ziel das Bewusstsein für die Probleme der sogenannten Dritten Welt zu schärfen. Seit 1993 ist die Gemeinde freundschaftlich mit dem Orden der „Hermanas Misioneras Aymaras de Cri-sto Sediento“ verbunden (deutsch: Aymara-Missionsschwestern vom dürstenden Jesus).

Ein (Kirchen-)Jahr lang hat sich St. Josef Zeit genommen, das Jubiläum zu feiern – nicht nur mit Gottesdiensten und Festen, sondern auch mit Vorträgen und Impulsen, die das Gemeindeleben bereichern – Monat für Monat unter einem bestimmten Schwerpunkt.  Höhepunkte unter anderem: die Übertragung eines Rundfunkgottesdienstes im Januar, die Aktion „Solidarität geht“, mit der unter anderem die Aymara-Schwestern unterstützt werden, oder der ökumenische Kreuzweg, bei dem 80 Jugendliche durch Holzminden zogen.  Auch im Programm: Vorträge über das jüdische Leben in der Stadt, eine Diskussion mit Bürgermeister  Jürgen Daul, ein Kanzeltausch mit der evangelischen Kirche und eine Betriebsbesichtigung.

Im November geht das Jubiläum zu Ende. Am 5. November mit einem Gottesdienst, der sich „der Generation der Großeltern“ widmet (Beginn 10 Uhr) und einem Gemeindefest eine Woche später, am Sonntag, 12. November. Beginn wieder um 10 Uhr.

Rüdiger Wala