23.09.2016

Gemeinde in Adelebsen setzt auf eine Selbstspielorgel und löst damit Diskussionen aus

Ein Abschied vom Organisten?

Einen Fehler räumt Dr. Michael Uhrmacher ein: „Wir hätten das Projekt nicht Karaoke-Orgel nennen sollen.“ Das ist zwar gut für Schlagzeilen, führt aber in die Irre. Denn von ganz allein klingt eine Selbstspielorgel auch nicht.

Dr. Michael Uhrmacher setzt eine neu programmierte Speicherkarte in die Orgel, mit der kleine Fehler behoben werden. Foto: Broermann

Der Reihe nach. Adelebsen, ein Ort, knapp 20 Kilometer westlich von  Göttingen gelegen. Der Solling ist in Blickweite. 6600 Einwohner in sieben Ortsteilen, so ungefähr jeder Zehnte ist katholisch. Die Kirche ist auf die Pat­roninnen Hedwig und Adelheid geweiht. Hedwig, die Heilige der Schlesier, verweist auf die Wurzel der Gemeinde. Es waren die Vertriebenen aus dem Osten, die die Gemeinde in den 1950er-Jahren aufgebaut haben. So weit, so typisch für den Norden Deutschlands.

Ebenso typisch: Seit 2008 ist St. Hedwig und Adelheid fusioniert, nunmehr Kirchort – nicht mehr Pfarrei. Auch der  Gottesdienstbesuch ist oberer Durchschnitt. Alles ganz typisch. Wie der Ausgangspunkt für jenes Instrument, das als „Karaoke-Orgel“ durch die Medien geisterte: die bisher genutzte Orgel reparaturbedürftig, die Organistin, die viele Jahre zum Lobe Gottes gespielt hat,  verstorben.

„Wir standen daher vor der Frage: Was nun mit Kirchenmusik?“, erzählt Michael Uhrmacher, der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates. Organisten, die 20 Kilometer hin und 20 Kilometer zurück am Sonntagmorgen über das Land juckeln, fand die Gemeinde nur selten. Sieben Jahre lang behalf sie sich daher sehr pragmatisch: Sie sang „a capella“.  Das klappte recht gut, aber im Zweifelsfall verließen sich die Gottesdienstteilnehmer auf die Top Ten des Gesangbuchs – auf die Lieder, die gerne und viel gesungen werden. Das geht auch ohne Orgel.

Für neue Lieder fehlt Begleitung durch Orgel

Ein Nachteil: „Neue Lieder konnten wir kaum einführen.“ Und ein zweites Handicap: Bei Gottesdiensten mit einer größeren Anzahl auch nichtkatholischer Teilnehmer wie Taufen oder Hochzeiten war es mit dem Gesang immer so eine Sache. Das Fehlen einer Orgel, die Melodie und Takt vorgibt, machte sich dann besonders bemerkbar.

„Aber ein schöner Gesang gehört doch zum Gottesdienst dazu“, betont Uhrmacher. Wenn es mit dem Singen nicht so hinhaut, fehlt es an besinnlicher Atmosphäre. Da macht sich durchaus Enttäuschung breit: Mancher Gottesdienstbesucher fehlt ab und an in St. Hedwig und Adelheid.  „Keine schöne Erfahrung“, sagt Uhrmacher.
2013 wurde das Gesangsprob­lem verschärft: Das neue Gotteslob erschien – mit neuen Liedern oder anderen Melodien. Da kam im Pfarrgemeinderat eine Idee auf: Warum nicht ein Instrument anschaffen, das selbst spielt? Arbeitstitel des Projektes: „Karaoke-Orgel“, jener kleine Fehler, den Uhrmacher heute einräumt.

Denn „Karaoke“ –  selbst singen zu Musik aus der Konserve – ist ein Begriff, der in Sachen Selbstspielorgel in die Irre führt. Erste Frage für den PGR: „Wir haben ein System für eine elektronische Orgel gefunden, bei dem auf einer mobilen Tastatur Liednummer und Strophenanzahl eingegeben werden“, erläutert Uhrmacher. 13  000 Euro investierte die Gemeinde in ein neues Instrument und das Selbstspielsystem. Alle Lieder des Gotteslobs sind direkt in der Orgel gespeichert – auch der regionale Teil des Bistums Hildesheim. „Seit Ostern letzten Jahres läuft alles reibungslos“, betont Uhrmacher. Wenn man von einem überraschend großen Medieninteresse, das die Orgel auch in das Fernsehen brachte,  einmal absieht – und intensiven Gesprächen mit den kirchenmusikalisch Verantwortlichen im Bistum (siehe Interview unten).
 

Aber noch eines hat Uhrmacher überrascht: Es wird in St. Hedwig und Adelheid wieder über Orgelmusik und Gesang diskutiert.  „Manche Lieder erschienen unseren Gottesdienstteilnehmern zu schnell.“ Doch das von der Gemeinde gewählte System lässt sich während des Spieles an den Gemeindegesang anpassen. Nicht nur in der Geschwindigkeit, sondern auch bei der Lautstärke. Dabei wird die Lautstärke nicht wie am Radio verstellt, sondern die Orgel wählt für die nächste Strophe eine andere Registrierung – wie es auch ein Organist tun würde.

Ein Orgel-Operateur behält die Kontrolle

Für Uhrmacher ist das ein kleiner, aber wesentlicher Unterschied: Zwar spielt die Orgel selbst, aber ein „Orgel-Operateur“ hat die Kontrolle und kann mit einer kleinen Fernbedienung jederzeit eingreifen. Das gilt nicht nur für „technische“ Aspekte wie Geschwindigkeit und Lautstärke.  Eine zusätzliche Strophe oder ein anderes Lied, weil es die Situation im Gottesdienst erfordert – alles möglich. Nichts muss programmiert werden, niemand muss an einer festgelegten Reihenfolge krampfhaft festhalten. Und niemand muss bei Änderungen zur Orgel schreiten. Liednummer und Anzahl der Tastatur, Lautstärke und Geschwindigkeit werden auf einer handlichen Tastatur eingegeben. Per Knopfdruck beginnt die Orgel mit dem Vorspiel – und die Fernbedienung wirkt sowohl vom Kirchenschiff als auch aus dem Altarraum heraus.

Zwei Erfahrung sind Uhrmacher wichtig. Zum einen: „Wir erleben die Orgel als große Bereicherung des Gottesdienstes.“ Zum anderen: „Alle Mitwirkenden am Gottesdienst haben mittlerweile gelernt, das Steuergerät zu bedienen. Insofern haben wir jetzt mehr Organisten als je zuvor.“

Rüdiger Wala / Johannes Broermann