Fasten mit allen Sinnen

Ein angenehmer Verzicht

Der Mensch sieht, riecht, schmeckt, hört, tastet und kennt sogar einen „sechsten Sinn“. Ist es sinnvoll, die Sinne in der Fastenzeit einmal etwas zu zügeln? Im zweiten Teil unserer Serie „Fasten mit allen Sinnen“ geht es um das Hören.

So richtig abstellen, lässt sich das Gehör nicht. Umso wichtiger sind stille Orte. Foto: istockphoto

Ist es ein Verzicht, wenn ich laute Fastnachtspartys, Klassenzimmer, Kantinen, Montagehallen und Hauptstraßen hinter mir lasse, um Stille zu suchen? Sicher, nur eben ein angenehmer. Zum anderen verzichte ich auch auf Musik, die gefällt, und auf Plaudereien, die unterhalten.

„Bitte warten Sie einen Moment hier“, sagt die Frau an der Klosterpforte, als sie den Gast in ein kleines Zimmer führt. Als die Tür sich schließt, fällt Stille auf die Ohren, drückt Schweigen aufs Trommelfell. Wie das „Meeresrauschen“ einer Muschel am Ohr hallen Puls und Restgeräusche in den Gehörgängen wider. Pulsschlag und Atmung werden erst bewusst, dann langsamer. Tief ausatmen – drei, vier Mal.
Das Gehör ist der einzige Sinn, den wir nicht so einfach abstellen können. Akustische Reize dringen immer in die Ohren. Und das Gehirn muss sie sortieren. „Das ist richtig Arbeit“, sagt Birgitta Gabriel, die als Psychoakustikerin für einen Hörgerätehersteller arbeitet.

„Manche Menschen meinen, sie würden vergesslich, wenn sie sich an den Inhalt eines Gespräches in lauter Umgebung nicht mehr recht erinnern können“, sagt Gabriel. Es ist nur fürs Gehirn zu anstregend, sowohl die Reize zu filtern, zu verstehen und sie gleichzeitig zu speichern.

 

Ein ständiger Geräuschpegel ist auf Dauer Stress

In der Hinsicht hat das Gehör in den vergangenen 70 Jahren deutlich mehr zu tun bekommen. Insbesondere im Freizeitbereich ist der Pegel freiwilliger wie unfreiwilliger Geräusche erheblich gestiegen – von Radio und Fernsehen im Hintergrund, über Musik auf den Ohren, Großpartys, Sportveranstaltungen bis hin zu Flug- und Straßenlärm. „Zwar nehmen wir das Meiste nur unbewusst wahr, müssen es aber dennoch verarbeiten“, sagt Birgitta Gabriel, „und das strengt an und stresst auf die Dauer.“

Will ich in einer lautstarken Kneipe, einem trubeligen Café mein Gegenüber verstehen, muss ich mich konzentrieren und Hintergrundgeräusche ausblenden. Ähnlich muss ich, wenn ich akustisch faste, Geräusche und Stimmen des Alltags ausblenden, um sensibler zu werden für die eigene Lebensmelodie und ihre geistlichen Leitmotive. „Versuchen Sie mal einen Ort zu finden, an dem es total ruhig ist“, fragt die Akustikerin eher rhetorisch. Wald, weite Felder, Meditationszentren, Kirchen und Klöster sind solche Orte. Und in der Tat ist oft die Ruhe das vielleicht auffälligste Angebot eines Klosters.

„Schweigen und Stille sind auch das wohl wichtigste Wesensmerkmal von Exerzitien“, sagt Pfarrer Frank Reyans, geistlicher Begleiter und Exerzitienleiter in Mönchengladbach. „Erst durch sie wird Wesentliches möglich: das innere Hören.“ Im Alltag setzt sich vieles wie Sedimente auf dem Grund unserer Seele ab. Gehalten wird es dort unten auch durch das, was wir hören: Gespräche, Lärm und Musik. „Fallen die weg, steigen die seelischen Sedimente auf“, erklärt Reyans.

„Wer über etwas Wichtiges im Leben nachdenken will, sollte sich mindestens zehn Tage gönnen,“ empfiehlt ein Exerzitienteilnehmer. Man sucht das Schweigen – und plötzlich wird es laut im Kopf. Es braucht ein paar Tage bis Ruhe einkehrt. Perspektiven ändern sich, Prioritäten rücken zurecht. „Am Ende einer Woche Schweigens sind nicht alle Probleme aufgelöst“, sagt Pfarrer Reyans. „Aber die Leute sind in der Lage, auf die Dinge, die sie belastet haben, anders zu schauen.“

 

Stille macht gelassener

Stille entspannt, macht gelassener. Weil das Nervenkostüm sich beruhigt. Weil ich aber auch Vertrauen zurückgewinne und unter all den seelischen Sedimenten eine Grundlage wiederentdecke, auf der alles sicher ruhen kann. Johannes Prassek, einer der vier „Lübecker Märtyrer“, sagte einmal: „Es muss noch viel stiller in uns werden, zur Ruhe gebracht werden, bis wir in diesem scheinbaren Schweigen die gewaltigen Stimmen Gottes hören.“

In der Stille Gottes Stimme hören? Geht das? Was und wie „höre“ ich dann? „Sie können, wenn Sie in dieser Stille auf ihre eigene Sehnsucht achten, auf ihre eigene Lebensmelodie hören, etwa aus biblischen Texten auch Gottes Stimme wahrzunehmen“, beschreibt Reyans das seelische Geschehen. „Erklären kann man da nicht viel.“ Besser sei es, so etwas selbst zu erfahren, indem man sich innerlich freimacht. Dann springen einen plötzlich – in der Stille – ein Wort, eine Szene aus der Bibel an. Und langsam, mitunter auch mit einem Schlag, wird vieles klarer, deutlicher, vernehmbarer.

Nun muss man für eine akustische Fastenkur nicht unbedingt ins Kloster. Das geht auch zu Hause: morgens daheim oder später im Auto das Radio auslassen, ebenso den Fernseher, auf Hörbücher verzichten, alleine bleiben oder eben Orte aufsuchen, an denen es ruhig ist: in den Wald, in die sonstige Natur, ans Meer. „Gönnt eurem Gehör Pausen“, raten die Akustikerin Birgitta Gabriel wie der Seelsorger Frank Reyans. Fasten – das zeigt sich auch hier – betrifft stets Körper und Geist. Und hilft so der Seele.
Am Ende einer akustischen Fastenkur gilt es, etwas behutsam in den Alltag zurückzukehren. Etwa einen Tag Pause solle einlegen, wer aus längeren Schweigeexerzitien zurückkehrt, rät Reyans. Wer dann die Türen wieder öffnet zum Alltag, ist wacher und sensibler – in seinen Sinnen, im Miteinander mit anderen Menschen und im Erahnen der „gewaltigen Stimmen Gottes“.

Von Roland Juchem