Naturgarten

Ein "Dschungel" mit System

Was steht da mannshoch? Rotbraune Tabakpflanzen? Das Grüne da ist schon vertrauter — Zucchini! Dann alle paar Meter ein paar Getreidehalme. Zwischen dem Gemüse recken Blumen ihre Kelche hoch und locken Schmetterlinge und Bienen an. Wer nur wohlgeordnete Schrebergärten kennt, denkt: Hier beginnt der Dschungel!

Zwischen Ringelblumen und bolivianischen Obsttomaten fühlt sich Sibylle Maurer-Wohlatz wohl. Ihr Garten mag für manchen auf den ersten Blick unordentlich erscheinen. Aber das Durcheinander der Pflanzen hat ein gut durchdachtes System. Foto: Tillo Nestmann
Zwischen Ringelblumen und bolivianischen Obsttomaten fühlt sich Sibylle Maurer-Wohlatz wohl. Ihr Garten mag für manchen auf den ersten Blick unordentlich erscheinen. Aber das Durcheinander der Pflanzen hat ein gut durchdachtes System. Foto: Tillo Nestmann

Doch alles, was hier steht, ist bewusst so gepflanzt und hat seinen Sinn, erläutert Sibylle Maurer-Wohlatz bei einem Rundgang durch ihren Garten in Pattensen. Hier verbringt die Geschäftsführerin des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) für die Region Hannover einen großen Teil ihrer Freizeit.

„Tabakpflanze“ ergibt einen leckeren Salat

Die „rotbraune Tabakpflanze“ ist südamerikanischer Amaranth, auch Inka-Weizen genannt. Bei dieser fast ausgestorbenen Pflanze sind die Blätter als Salat oder gekocht als Gemüse genießbar. Die Körner können wie Hirse verarbeitet werden. Sie enthalten viel Eiweiß, Vitamin A und C und kein Gluten. Dass verschiedene Pflanzen beieinanderstehen, hat ebenso einen Sinn. Sibylle Maurer Wohlatz kopiert in ihrem Garten die indianische MILPA-Mischkultur. Mais, Kürbis, Bohnen, verschiedene Gewürze und Amaranth werden zusammen gepflanzt, um sich zu ergänzen.

In ihrenm Ökogarten setzt Sibylle Maurer-Wohlatz nicht auf hohe Erträge und makelloses Aussehen, sondern auf Nährwert und Geschmack. Sie zeigt auf den Boden, wo im Kraut jede Menge gelber Früchte zu sehen ist, etwa so groß wie Mirabellen: „Probieren Sie mal! Das sind bolivianische Obsttomaten!“ Der Name Obsttomaten passt: starkes Aroma, leicht süß.

Ökogärtner verzichten auf Giftspritze und Schneckenkorn und versuchen, den Schädlingen beizukommen, indem sie robuste Sorten anpflanzen und Nützlinge fördern. „Kaum jemand weiß, dass Weinbergschnecken keinen Salat, sondern Moos und die Eier von Nacktschnecken fressen oder dass ein einziges Meisenpaar in einer Brutsaison so viele Insekten fängt, dass man damit eine ganze Regentonne füllen kann“, berichtet die BUND-Geschäftsführerin.

Entsprechend versucht sie, in ihrem Garten die Nützlinge anzusiedeln: etwa durch eine Kalkplatte, damit Weinbergschnecken über sie kriechen und den Kalk für den Bau ihres Hauses aufnehmen können. Stauden werden nicht schon im Herbst, sondern erst im Frühjahr zurückgeschnitten. Denn Marienkäfer und Florfliegen — die Jäger der Blattläuse — suchen darin Schutz und überleben den Winter. Um die nützlichen Schwebfliegen im Garten zu halten, hat Sibylle Maurer-Wohlatz an einer Stelle ihres Gartens Wilde Karde gepflanzt. Deren Blüten gelten auch als „Weide“ für Wildbienen und Falter, die Samen der Wilden Karde sind eine wichtige Nahrungsquelle für Vögel im Winter. Zu den nützlichen Schneckenvertilgern zählen Spitzmäuse, Brandmäuse, Igel und Kröten. „Wir haben Brandmäuse im Garten“, berichtet Sibylle Maurer-Wohlatz froh. Diese Mäuse — erkennbar am schwarzen Strich auf dem Rücken — sind Waldmäuse, die nicht ins Haus gehen. Aber sie „ernten“ auch Haselnüsse und verstecken diese zwischen den vor dem Haus aufgeschichteten Kaminholzscheiten.

Ohne Bienen keine Ernte

Damit es im Garten überhaupt etwas zu ernten gibt, müssen Blüten bestäubt werden. Das ist nicht so einfach, denn unter den Bienenvölkern grassiert seit Jahren eine Krankheit, die schon viele Völker vernichtet hat. Und um die Imker selbst steht es auch nicht so gut. Die Imkerei lockt wenig Junge. Viele der Älteren können nicht mehr und haben die Imkerei aufgegeben. Doch die Ökogärtner helfen sich durch das Anlocken von Wildbienen. Wie das geht, ist in der Mitte des Gartens zu sehen. Da steht ein von kleinen Bienen umsummter rechteckiger Holzrahmen, gefüllt mit ausgehärtetem Lehm. Um den Rahmen herum sind kurze Stöcke von Zweigen und Stauden geschichtet. Die Lehmwand wie auch die Stöcke sind leicht angebohrt. Das reicht für die Wildbienen, die zum größten Teil keine Staaten bilden, sondern einzeln leben. Sie bohren die Löcher weiter aus, legen ein Ei hinein, füllen das Loch mit Honig und verschließen es mit Wachs.

„Es geht uns auch darum, den Genpool der natürlichen Vielfalt zu erhalten“, sagt Sibylle Maurer-Wohlatz. Deshalb unterhält sie wie auch viele andere Ökogärtner eine Pflanzenpatenschaft – zum Beispiel für alte Weizensorten. Im „Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt“ kann man Mitglied werden und für einen bestimmten Betrag Pate einer bestimmten Sorte Bohnen, Tomaten oder sonst einer Nutzpflanze werden. Man bekommt Pflanzanleitung und Samen. Die geernteten Samen schickt man ein und erhält, um Inzucht zu vermeiden, Pflanzensamen eines anderen Paten.

Mehrmals im Jahr veranstaltet der BUND rund um Hannover eine Pflanzenbörse, bietet unter anderem Wildgehölze wie Hainbuche oder Haselnuss an. Außerdem stellt die Organisationen Kontakt zu Baumschulen her, wo Gärtner Zweige einer schon nahezu ausgestorbenen Obstbaumsorte auf ein junges Bäumchen aufpfropfen lassen können.

Sibylle Maurer-Wohlatz be­obachtet mit Freude das steigende Interesse vieler Menschen am ökologischen Anbau. „Viele haben Mut zu Experimenten, nutzen auch kleine Anbauflächen — und wenn es die eigenen Blumentöpfe sind. Warum nicht mal einen Salat hineinpflanzen statt einer Begonie?“

 

Tillo Nestmann