01.09.2016

Glocke aus St. Theresia in Cremlingen läutet in St. Lambertus in Brück

Ein Geschenk des Himmels

„Für die Cremlinger Katholiken war das sicher ein schmerzlicher Tag, als ihre Kirche profaniert wurde. Das kann ich ihnen voll nachempfinden“, sagt Helmut Kautz. Er ist evangelischer Pfarrer der Sankt-Lambertus-Kirche in Brück in Brandenburg. Seit gut einem Jahr läutet hier im Glockenturm eine Glocke aus Cremlingen.

Die „Stifel-Glocke“ läutet beim Vaterunser.

Von Joachim Killus vom „Förderkreis alte Kirchen Berlin Brandenburg“ hatte Pastor Kautz erfahren, dass die katholische Kirche St. Theresia vom Kinde Jesu in Cremlingen bei Wolfenbüttel geschlossen werden sollte. Und er hätte gehört, dass es dort eine kleine Glocke geben würde, die nun nicht mehr gebraucht wird. „Da unsere drei Eisenglocken schon lange ihre prognostizierte Lebensdauer überschritten haben und zum Teil auch schon ausgebessert werden mussten, haben wir nicht lange gewartet“, sagt der rührige und beliebte Pfarrer. Über Joachim Killus wurde der Kontakt zu Dr. Monika Tontsch, Konservatorin im Bistum Hildesheim, und schließlich zum Kirchenvorstand in Cremlingen hergestellt. Kurzfristig gab es ein Treffen, zu dem Pastor Kautz samt einem handwerklich versierten Helfer fuhr.
 

Während eines festlichen Gottesdienstes wurde die mit Blumen geschmückte Glocke (Foto oben) aus Cremlingen in Brück begrüßt und im Kirchturm aufgehängt.

„Man konnte den Leuten anmerken, dass ihnen der Verlust ihrer Kirche zu schaffen macht“, erinnert sich Kautz. „Das ging auch mir an die Nieren. Sie wollten ganz genau wissen, was mit ihrer Glocke passiert.“ Mit dem Angebot, das die Cremlinger dann machten, hatte der engagierte Priester nicht gerechnet.

„Die kleine Glocke hat bei uns im Kirchturm einen Ehrenplatz bekommen“, sagt Pastor Helmut Kautz.

Auf der Rückfahrt war die Glocke mit dabei

„Als wir unser Glockenproblem geschildert haben, dass wir irgendwann nur noch ein Häufchen Roststaub im Kirchturm haben würden und ihre Glocke bei uns einen Ehrenplatz bekommen soll, da haben sie sie uns geschenkt – einfach so“, erzählt er und ist immer noch gerührt. Sein Helfer hat die kleine Glocke sofort abgebaut. „Und zurück ging die Fahrt nach Brandenburg – mit Glocke!“
 

Die Lambertus-Kirche in Brück in der Mark Brandenburg.

In Brück wurde sie geputzt und poliert. Im Rahmen eines Symposiums zu Ehren des Theologen, Mathematikers und Reformators Michael Stifel, der selbst von 1554 bis 1558 Pastor der Lambertus-Kirche war, wurde sie im Glockenturm aufgehängt. „Nach Michael Stifel haben wir auch unsere neue Glocke benannt, die Stifel-Glocke“, sagt Kautz. Mit strahlenden Augen berichtet er von der Prozession mit der Glocke durch den Ort bis zur Kirche, von der Segnung zu Beginn des Gottesdienstes und vom ersten Läuten gleich beim Vaterunser.

Doch der Klang der bronzenen Stifel-Glocke passt nicht zur Stimmung des restlichen Geläutes. „Zusammen würde es sich ziemlich disharmonisch anhören“, meint der Pastor. „Deshalb, solange die alten Glocken noch ihren Dienst erfüllen, läutet sie allein in jedem Gottesdienst beim Vaterunser. Und wenn die alten Glocken in absehbarer Zeit vom Rost ganz zerfressen sind, wird die Glocke aus Cremlingen die einzige sein, die die Gemeinde zum Gottesdienst zusammenruft“, meint der Pastor, der dankbar über das Geschenk der ehemaligen katholischen Gemeinde in Cremlingen ist. „Ich bin glücklich, dass auch in Zukunft eine Glocke in der Lambertus-Kirche in Brück läuten wird. Für mich war das ein Geschenk des Himmels!“

Edmund Deppe

 

Dr. Monika Tontsch kümmert sich als Konservatorin im Bistum Hildesheim auch um das künstlerische Kircheninventar.

Auch im Bistum Hildesheim wurden in den vergangenen Jahren Kirchen geschlossen, einige folgen noch. Doch was passiert mit den Kunstgegenständen, Orgeln, Glocken oder Kelchen? Dazu im KiZ-Interview Dr. Monika Tontsch, Konservatorin im Bistum Hildesheim.

Ist für Sie ein solcher Fall wie die Cremlinger Glocke ein Glücksfall, von dem beide Seiten profitieren?

Der Glücksfall war, dass sich hier Personen engagiert haben, die auch mit uns, den Verantwortlichen im Bistum Hildesheim, in engem Kontakt gestanden haben. Es war ein Glücksfall, aber kein Zufall. Wenn es im Rahmen einer Kirchenauflösung um die Veräußerung von Kircheninventar geht, sind wir sowohl für unsere Kirchengemeinden als auch für Interessenten aus dem In- und Ausland erster Ansprechpartner. Wir beraten und müssen eine Abgabe genehmigen, egal ob es sich um eine Schenkung, einen Verkauf oder zum Beispiel eine Leihgabe an ein Museum handelt.

Was geschieht mit dem Inventar profanierter Kirchen?

Bereits im Vorfeld erstellen wir mit der Kirchengemeinde eine Inventarliste der Kunstgegenstände. Danach wird überlegt, welche Gegenstände davon in der Pfarrgemeinde verbleiben sollen und welche abgegeben werden können. Wichtig dabei ist die Mitarbeit der Gemeinde. Es sollte vor Ort immer einen festen und verlässlichen Ansprechpartner geben. Da im Normalfall die Kunstgegenstände Eigentum der Gemeinde sind, müssen bei einer Abgabe sowohl der Kirchenvorstand als auch die kirchliche Denkmalpflege zustimmen.

Welche Inventarstücke haben gute Chancen, einen Abnehmer zu finden?

Erst einmal sollten Sakralgegenstände wie Kelche oder Monstranzen nicht abgegeben werden, sondern in der Gemeinde bleiben. Bei Altarensembles – Altar, Ambo, Sedilien – versuchen wir, sie als Ganzes zu erhalten und an Kirchengemeinden ins Ausland, vor allem Osteuropa, weiterzugeben, die sich so etwas sonst nie leisten könnten. Einen hohen Marktwert haben Orgeln. Da gibt es Chancen, sie auch auf dem deutschen Markt zu verkaufen. Gleiches gilt für Glocken, besonders wenn es sich um Bronzeglocken oder ganze Geläute handelt. Hier müssen allerdings die Orgel- oder Glockensachverständigen des Bistums hinzugezogen werden.

Es gibt aber auch große Wand­reliefs!

Ihr Ausbau ist teuer und eine Nachnutzung schwierig. Das gilt auch für künstlerisch gestaltete Fenster. Viele Sachen, wenn sie erhalten werden sollen, müssen eingelagert werden. Aber das ist Sache der Gemeinde vor Ort. Sie muss den nötigen Raum bereitstellen. Wir haben dafür leider keine Kapazitäten.

Wer ist Abnehmer von Kircheninventar?

Vor allem sind es katholische oder evangelische Kirchengemeinden im In- und Ausland. Selten sind es Privatpersonen. Bei Kunstwerken gilt: Wenn Interesse besteht, haben die Künstler, die es gestaltet haben, beziehungsweise deren Erben ein Vorkaufsrecht. Wichtig ist uns, dass die Auflösung einer Kirche nicht übers Knie gebrochen wird, sondern ein gut begleiteter Prozess ist. Wir müssen aufpassen, dass sakrale Gegenstände nach einer Abgabe nicht unangemessen weiterverwendet werden, dass nichts in falsche Hände gerät und missbraucht wird. Man muss sich allerdings von Anfang darüber im Klaren sein, dass nicht alles zu retten ist und manches auch aufgegeben werden muss.

Interview: Edmund Deppe

Mehr Informationen und Ansprechpartner – auch aus anderen Bistümern – gibt es auf der Homepage des Arbeitskreises für Inventarisation und Pflege kirchlichen Kunstgutes in den deutschen (Erz-)Bistümern: www.deutsche-bistuemer-kunstinventar.de