14.09.2017

Ein Moment voller Liebe und Glück

„Einem Kind auf die Welt zu helfen ist jedesmal ein Wunder. Etwas Größeres gibt es nicht“, sagt Andrea Katte. Die leitende Hebamme im Hildesheimer St. Bernward Krankenhaus begleitet pro Jahr rund 130 Mütter und Paare bei der Geburt ihres Kindes.

Mutter und Kind kurz nach der Geburt: Ein Bild
der Liebe und des Glücks – ein Geschenk
Gottes. | Fotos: Fotolia (2)

6 Uhr: Es ist noch dunkel, als Andrea Katte an diesem Morgen ihren Dienst im Hildesheimer St. Bernward Krankenhaus antritt. Die Nachtschicht hat bereits Kaffee gekocht. Eine heiße Tasse tut gut so früh am Morgen. Andrea Katte trifft auf erschöpfte Kolleginnen. In der Nacht sind drei Kinder geboren – zwei Mädchen und ein Junge – und drei der fünf Räume im Kreißsaal sind noch immer belegt. „Da gibt es für euch noch einiges zu tun“, erfährt die leitende Hebamme des Krankenhauses während der Schichtübergabe. Außerdem ist für heute noch ein Kaiserschnitt geplant.  „Alles in allem ist dies ein ruhiger Morgen, alles ganz entspannt“, meint Katte. Doch die Sechzigjährige weiß nur zu gut, dass sich das schnell ändern kann, denn auch auf der Station warten mehrere Schwangere auf ihre Entbindung. „Da wollen die Kinder nur noch nicht“, aber auch um diese Frauen kümmern sich die Hebammen der Frühschicht.

Hebammen sind sich für keine Arbeit zu schade

„Wir machen alles, was anfällt: Herztöne messen, Wehenschreiber anlegen, die Frauen – und auch die Partner – vor, während und nach der Geburt begleiten. Und nach jeder Entbindung wird gründlich sauber gemacht“, sagt Katte und muss unwillkürlich schmunzeln. „Wir sind sozusagen die Mädchen für alles hier. Hebammen sind sich für keine Arbeit zu schade. Aber dafür haben wir auch wirklich einen der schönsten und den wohl ältesten Beruf der Welt.“ Denn Frauen, die anderen Frauen bei der Geburt helfen, gibt es schon, seit es Menschen gibt. Nur heute sind sie bestens ausgebildet. Drei Jahre dauert die Ausbildung mit Hebammenschule und dem praktischen Einsatz im Dreischichtensystem. Und ab 2020 soll die Ausbildung dann akademisch werden, ein Duales Studium mit Bachelor-Abschluss.
 

Nach der Geburt macht die Hebamme eine erste
Sichtuntersuchung. Dann wird das Neugeborene
vermessen, gewogen und gebadet.

Immer wieder schaut Andrea Katte nach den Schwangeren in den Zimmern.  Drei Hebammen sind sie heute Morgen in der Schicht und zwei Hebammenschülerinnen. „Die Frauen sind nie allein. Immer ist jemand von uns in ihrer Nähe.“  

Andrea Katte ist inzwischen seit 38 Jahren Hebamme, war vorher Krankenschwester. Seit 1999 arbeitet sie im Hildesheimer St. Bernward Krankenhaus. „Keine Geburt ist wie die andere. Aber immer ist es ein sehr emotionales Ereignis, das mich auch selbst immer wieder zutiefst berührt. Wenn man in die Augen der Mutter schaut, wie sie ihr gerade geborenes Kind anschaut – das ist ein Moment der Liebe und Glücks. Und ich darf dabei sein“, sagt die Hebamme und muss sich die feuchten Augen wischen. „Für mich gibt es nichts Schöneres als mitzuerleben, wenn Eltern zum ersten Mal ihr Kind erblicken und das Kind seine Eltern.“

Aber Andrea Katte weiß auch, dass dieser Beruf nicht für jeden etwas ist. Denn der Schichtdienst im Krankenhaus, die Sonn- und Feiertagsdienste, immer präsent zu sein, ist nicht so einfach, gerade mit Familie. Oft ist das erste eigene Kind ein Grund, auszusteigen und der Absprung in die Freiberuflichkeit. „Sie machen dann Geburtsvorbereitungskurse und die Wochenbettbetreuung. Da ist alles viel einfacher planbar. Dabei fehlen uns gerade im Krankenhaus Hebammen. Vom letzten Ausbildungskurs haben wir bei uns fünf Hebammenschülerinnen direkt übernommen. Das sagt, glaube ich, schon alles“, sagt sie.

Wenn man jedes Jahr, so wie Andrea Katte, rund 130 Geburten begleitet, erlebt man auch schlimme Situationen. „Viel Schmerz und Leid gibt es bei Eltern, wenn das Kind tot geboren wird, es Fehlbildungen hat, krank zur Welt kommt – oder wenn die Mutter unter der Geburt oder kurz danach stirbt. Aber um so etwas zu erleben, muss man schon lange im Dienst sein. Diese Fälle sind heutzutage sehr selten – kommen aber durchaus vor.“ Gerade für solche Situationen wird bei der Dienstplanung darauf geachtet, dass erfahrene Hebammen mit Berufsanfängerinnen zusammen in einer Schicht arbeiten.

Hebammen tragen eine hohe Verantwortung für Mutter und Kind. Ihr Einkommen wird dem bei Weitem nicht gerecht. Etliche Krankenhaushebammen arbeiten deshalb noch als freiberufliche Hebamme nebenher.

Unter der Geburt werden die Hebammen mit unterschiedlichen Emotionen konfrontiert – von aufgeregten und agressiven bis hin zu überforderten und hilflosen Frauen und Männern.Und es kann auch mal hektisch werden. Doch Andrea Katte strahlt Ruhe aus. Das springt meist auf die Schwangeren – inklusive der Partner – über. Auch für die Fragen ihrer Kolleginnen hat sie immer ein offenes Ohr, gibt Ratschläge, füllt Formulare aus, nimmt Telefonate an.
 

Andrea Katte ist Hebanmme
aus Überzeugung. | Foto: Deppe

Zwischendurch klingelt es immer wieder an der Tür zum Kreißsaal. Schwangere von der Station kommen und werden an den Wehenschreiber angeschlossen. Andere Schwangere kommen zum Vorgespräch – und zwischendurch hört man auch die ersten Schreie eines Neugeborenen. „Ein ganz normaler Alltag im Kreißsaal“, versichert Katte.

Kurz vor halb zwölf: „Ich glaube, in Nummer zwei geht es jetzt los“, sagt eine Hebammenschülerin. Sie hat sich seit Beginn der Schicht um die werdende Mutter gekümmert, jetzt assistiert sie bei der Geburt.

Glückliche Eltern und zwei lächelnde Geburtshelferinnen

„Wer will, muss heute nicht mehr unter Schmerzen gebären, dafür haben wir gute Schmerzmittel. Aber anstrengend bleibt die Geburt trotzdem für die allermeisten Frauen – auch wenn sie das hinterher fast alle schnell wieder vergessen.“ Die Geburt in Nummer 2 zieht sich. „Der kleine Erdenbürger hat noch keine Lust“, sagt die Hebamme schmunzelnd. Doch plötzlich geht es schnell. Es ist 13.55 Uhr. Ein kleines Mädchen – Carla – erblickt das Licht der Welt und schreit. Eine kaputte, aber glückliche Mutter, ein übermüdeter, strahlender Vater – und zwei lächelnde Geburtshelferinnen. Sie überziehen ihre Schicht wieder einmal.

Es ist bereits 14.15 Uhr – gerade war Schichtwechsel, doch Hebamme und Hebammenschülerin lassen es sich nicht nehmen, Carlas Nabel zu versorgen, sie zu wiegen, zu vermessen und eine erste Sichtuntersuchung vorzunehmen – und sich weiter um die Mutter zu kümmern. „Alles in Ordnung. Schön, dass es noch geklappt hat. Manchmal kündigt sich ein Kind in deiner Schicht an, wird aber erst in der nächsten geboren.“ Andrea Katte strahlt. Liebevoll nimmt sie die kleine Carla auf ihren Arm und badet sie.

Infos zur Hebammenausbildung:
www.ausbildung-hebamme.de oder www.bernward-khs.de/ausbildungszent­rum-hebammen-entbindungspfleger

Edmund Deppe