06.12.2017

Ein Siegel wirbt um Vertrauen

Mehr als 5 Milliarden Euro haben die Deutschen im vergangenen Jahr gespendet. Wem können sie ihr Geld anvertrauen? Das Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) will bei der Entscheidung helfen.

Gerade in den Wochen vor Weihnachten wird verstärkt
um Spenden geworben. Doch welcher Organisation
kann das Geld anvertraut werden? | Foto: Stefan Branahl

230 Organisationen tragen derzeit das Spendensiegel, darunter alle großen kirchlichen Hilfswerke. Das DZI bestätigt damit, dass mit Geldspenden transparent und vertrauenswürdig umgegangen wird. Zum ersten Mal wurde ein Siegel 1992 vergeben, und zwar an die Kindernothilfe.  Doch schon viel länger, seit 1906 beobachtet das DZI die deutsche Spendenlandschaft – zunächst im Deutschen Reich, dann in der Bundesrepublik. Das Siegel bescheinigt der jeweiligen Organisation unter anderem wirtschaftliche, sparsame und wirksame Mittelverwendung, wobei maximal 30 Prozent der Einnahmen für Verwaltung und Werbung ausgegeben werden darf.
 

230 Organisationen tragen
derzeit das Spendensiegel.

Verbraucherorganisationen empfehlen das Spendensiegel als zuverlässige Entscheidungshilfe, wenn es darum geht, welche Hilfswerke unterstützt werden sollten. Auch ARD und ZDF setzen darauf, wenn sie Spendenkonten veröffentlichen. Wobei inzwischen als sicher gilt, dass das Siegel einen positiven Einfluss auf die Spendenbereitschaft hat: Gerade hat eine Untersuchung bestätigt, dass es zu einem erhöhten Aufkommen führt, wenn die Geber darüber informiert sind.

„Es kommt durchaus aber auch vor, dass wir ausdrücklich von Spenden an gewisse Organisationen abraten“, sagt Burk­hard Wilke, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des DZI. Das passiert, wenn Organisationen zum Beispiel ihre Finanzen nicht offenlegen oder mögliche Spender durch unnötige drastische Texte und Bilder unter moralischen Druck setzen. „Auch die Menschen, die Hilfe brauchen, haben eine unverletzliche Würde.

Infos: dzi.de/spenderberatung

 

Moralisch zum Spenden verpflichtet?

Dr. Alexander Merkl ist Juniorprofessor
im Institut für Katholische Theologie
an der Universität Hildesheim. Sein
Themenschwerpunkt ist Ethik.

Warum ist die Weihnachtszeit auch eine Zeit des Spendens?

Theologisch gesehen hängt dies mit der Geburt Jesu zusammen, mit der wir beschenkt wurden und über die wir uns als Christen freuen können. Diese Freude wollen wir weitergeben. Das ist ein Ursprung der Weihnachtsgeschenke und auch des Spendens in dieser atmosphärischen und emotionalen Zeit. Gerade wenn die Familie zusammenkommt, merken viele, wie gut sie es doch haben. Davon will man etwas abgeben, ein Solidaritätsempfinden kommt zum Ausdruck.

Gibt es noch weitere Gründe?

Spenden ist eine Möglichkeit Nächstenliebe zu zeigen. Auch im profanen Kontext wird Weihnachten oft als das Fest der Liebe bezeichnet. Wenn man diesem Fest der Liebe gerecht werden will, Liebe zeigen, Nächstenliebe praktizieren will, dann bietet sich zeichenhaft das Spenden an.

Hat dieses weihnachtliche Spenden auch etwas mit den Hirten zu tun, die zumindest in den außerbiblischen Erzählungen Gaben zum Christkind bringen?

Sicherlich besteht ein Zusammenhang. Darin finden sich beständig wiederkehrende Motive bis hin zu den Heiligen Drei Königen, die ja auch ihre Gaben zur Krippe gebracht haben sollen. Ich glaube, dieses Beschenken des Christuskindes schwingt bei vielen Leuten zumindest latent mit, denn in der Advents- und Weihnachtszeit wird dies den Menschen immer wieder vor Augen geführt. Das gilt besonders für die christlich sozialisierte Bevölkerung, während dagegen bei einer steigenden Zahl von Menschen der Glaubenskontext wohl kaum noch eine Rolle spielt.

Gibt es so etwas wie eine moralische Verpflichtung zu Weihnachten zu spenden?

Das Wort Verpflichtung ist mir da viel zu hart. Da steht immer das Sollen und Müssen dahinter. Ich würde Spenden nicht vorrangig als Verpflichtung, auch nicht als moralische Verpflichtung verstehen, sondern eher in dem Sinn, dass wir Christen in besonderer Weise aufgerufen sind, uns Gedanken darüber zu machen – auch gemäß der biblischen Tradition z.B. beim Apostel Paulus im Zweiten Korintherbrief –, ob, was und wieviel wir geben können. Es ist ein zutiefst christliches Handeln, ein zutiefst christlicher Akt zu spenden, zu geben, etwas mit anderen zu teilen. Denn auch Teilen ist eine Form von Spenden. Das muss nicht Geld sein.   Eine pauschale Verpflichtung zum Spenden gibt es nicht. Man sollte freiwillig und ohne Zwang spenden.

Sie haben gesagt, dass man auch etwas anderes als nur Geld spenden kann. Was noch?

Man sollte das Spenden und Schenken aus dieser monetären Verengung herauslösen. Sicher gibt es international Situationen wie Katastrophen, wo man nur mit Geld helfen kann. Anders sieht das aber in unserem Umfeld aus. Hier könnte man zum Beispiel Zeit teilen. Viele Menschen leben einsam oder brauchen Hilfe im Alltag. Schön wäre es, dies dann auch über das ganze Jahr zu praktizieren.

Wie sollte man spenden?

Man sollte mit Freude spenden. Materielle Spenden sollten nicht mit der Entsorgung von Dingen, die man nicht mehr braucht, verwechselt werden. Teilen heißt auch, etwas von dem zu geben, was man selbst noch brauchen kann. Dazu kann man auch seine Charismen, seine Talente spenden, etwas, was man gut kann, für andere einsetzen. Ich glaube, damit kommen wir dem Grundcharakter von Spenden, Teilen und Schenken sehr nah.

Interview:  Edmund Deppe