04.11.2016

Chorleiter Martin Pfeiffer über das, was ein Kirchenchor für eine Pfarrei sein kann

Ein Spiegelbild der Gemeinde

Hier ist ein bisschen alles querbeet: Männer und Frauen, jung und alt – beim Kirchenchor der Gemeinde St. Petrus. Für Chorleiter Martin Pfeiffer ist er schlicht ein Spiegelbild der Gemeinde.

Das Beste aus den Sängerinnen und Sängern herauskitzeln, ohne dem Leistungsdruck zu verfallen: Das ist die Leitlinie von Chorleiter Martin Pfeiffer: Singen soll Freude machen – und Gemeinde auch.“  Foto: Wala
 

Für Neuzugezogene gibt es in St. Petrus in Wolfenbüttel einen besonderen Tipp: „Haben Sie Spaß an Musik, dann gehen Sie zum Kirchenchor. Da lernen Sie die meisten hier kennen.“  Martin Pfeiffer freut es. Er leitet den Kirchenchor: „Wir sind gewissermaßen die Gemeinde im Kleinen, ein Spiegelbild.“

2001 hat der gelernte Klavierbauer den Chor übernommen. Sein Vorgänger hat ihn drei Jahrzehnte geleitet. Als er sich zurückzog, musste sich der Chor zwei Jahre ohne echten Leiter über Wasser halten. Die Folge: Die Zahl der Aktiven schrumpfte auf zwölf. Jetzt steht der Chor seit mehreren Jahren konstant bei 50 Sangesfreudigen: Davon „ so sieben Bässe und sieben Tenöre“, wie Pfeiffer die Zahl der Männer beantwortet. Einteilung nach Stimmlage: „Leichter Überhang beim Sopran.“

Grob gerechnet 70 Prozent Frauen. Schon hier ist der Kirchenchor ein Spiegelbild der Gemeinde. Auch beim Alter: von Anfang 20 bis über 80, für Jüngere gibt es den Jugendchor. Engagierte in der Tauf-, Erstkommunion- und Firmvorbereitung, Mitglieder der Kolpingsfamilie, Ehrenamtliche in den Gremien – sie alle kommen beim Kirchenchor zusammen.

Mehr noch: Manch einer, der erstmal nur singen wollen, ist jetzt auch in anderen Bereichen in der Gemeinde aktiv, erzählt Pfeiffer. Und gleich eine Geschichte dazu: „Gemeindeausflug, voll besetzter Reisebus. Beim Reden stellt sich heraus, dass gerade mal zwei im Bus weder im Kirchenchor singen oder über Angehörige mit ihm verbunden sind.“

Wer mitsingen will, ist bei Martin Pfeiffer willkommen: „Es gibt keine Eingangsprüfung, keine Auslese.“ Ohnehin probt und singt der Chor ständig in wechselnder Besetzung – familiäre Verpflichtungen,  Schichtdienst, Urlaub. „Da muss ich das Arbeitstempo anpassen“, sagt Pfeiffer. Aber es gibt auch den harten Kern, der immer da ist.

Eines aber ist Voraussetzung: „Wer mit Kirche nichts am Hut hat, ist bei uns falsch.“ Der Chor von St. Petrus ist da Gemeinde durch uns durch: „Wir singen überwiegend im Gottesdienst und Kirchenmusik.“ Das aber querbeet: Gregorianik und Zeitgenössisches, neues geistliches Lied und barocke Orchestermessen. 

Technik und Wissen – beides ist wichtig

Diese Breite fordert aber zweierlei: Stimmen und Wissen. „Stimmbildung, Vokalarbeit und Klangfarben gehören bei den Proben dazu“, sagt Pfeiffer. Er will schon das Beste aus den Stimmen herauskitzeln. Er setzt dabei aber nicht auf Leistungsdruck – sondern auf Freude am Singen und Spaß beim Proben: „Das geht, vor allem die Sänger zu animieren, mit ihrer eigenen Stimme zu experimentieren.“ Man singe nicht nur mit dem Hals, sondern auch mit den Ohren.

Technik  ist das eine, Wissen das andere. „Aus welcher Zeit stammt ein Stück, wie wird es gesungen, was will der Text im Einklang mit der Stimme ausdrucken?“: Für Pfeiffer ist Chor da weit mehr als Töne singen – ohne dass jedes Stück bis ins Kleinste musikwissenschaftlich durchleuchtet wird.

Zudem müssen die Stücke zur Liturgie passen: „Schließlich singen wir überwiegend im Gottesdienst.“ Da wird ein Probenabend schon mal zur Kurzfortbildung in Sachen Eucharistiefeier.

Aber noch zwei Aspekte machen für Pfeiffer einen Gemeindechor aus: Er hält die Aktiven in der Kirche. Er blickt auf seine eigene Biografie. Schon früh, mit 15, hat er als Orgelschüler einen Chor übernommen: „Ich wurde echt dazu verknackt, weil der Chorleiter in den Ruhestand gegangen ist.“ Auch später, bei zahlreichen berufsbedingten Umzügen, „bin ich über die Musik bei der Kirche geblieben.“ Einschließlich der D- und C-Prüfung in Kirchenmusik.

Auch kann ein Chor musikalisch eine Gemeinde mitnehmen: „Die Chormitglieder sind aktive Kirchgänger.“ Will Pfeiffer als Organist ein neues Lied aus dem Gotteslob der Gemeinde nahebringen, setzt er auf seine Sänger. Verteilt im Kirchenschiff klappt‘s nach der dritten Strophe.

Pfeiffer wünscht sich mehr Unterstützung für die Kirchenmusik durch das Bistum: „Es ist so wichtig, gerade im Gottesdienst alle Sinne anzusprechen.“ Musik ist dabei entscheidend. Ein Chor eigentlich auch.

Rüdiger Wala