Statue in der Göttinger St.-Michael-Kirche erinnert an die heilige Edith Stein

Ein Symbol für den Nächsten

Weiß. Schlicht. Bisher gab es nur ein Kreuz als Blickfang in der Kirche St. Michael. Nun kommt ein weiterer hinzu: eine Statue für Edith Stein.

Bischof Norbert Trelle segnet die Statue, mit der in St. Michael an das Leben und die Bedeutung der heiligen Edith Stein erinnert wird. Foto: Broermann

An Weihnachten 1915 stand Edith Stein vor verschlossenen Türen. Aus freudiger Neugier wollte sie die Christmette in St. Michael besuchen, der damals einzigen katholischen Kirche in Göttingen. Hundert Jahre später steht nun eine Statue für die vom Judentum zum Katholizismus konvertierte heilige Ordensfrau im Gotteshaus. Vor der Preisverleihung des Edith-Stein-Preises 2015 an ihn und das Migrationszentrum Göttingen segnete Bischof Norbert Trelle das Kunstwerk.

„Leid aller Menschen soll darin Platz finden“

Geschaffen hat die Skulptur der Künstler Peter Marggraf. Er selbst sieht in ihr  „eine weibliche Figur für einen Ort, an dem Edith Steins gedacht werden kann“ –  keine „Edith-Stein-Büste“. Wie bei der Heiligen stehe der Mensch im Mittelpunkt seiner Arbeit: „Das Leid aller Menschen soll darin Platz finden“, sagt Marggraf.

„Für den Christen gibt es keinen fremden Menschen. Der ist jeweils der ‚Nächste’, den wir vor uns haben und der eben unser am meisten bedarf“, zitierte Bischof Trelle Edith Stein. Er rief dazu auf, solche Werte miteinander zu leben, „andernfalls könnte es passieren, dass unser Kontinent seine Seele verliert“, sagte Trelle.

Anwesend waren auch Schwestern aus dem Hannoveraner Karmel St. Josef. Sie hatten sich schon zuvor in der Göttinger Innenstadt Orte aus dem Leben Edith Steins angeschaut, darunter ihr Wohnhaus und mehrere Universitätsbauten. „Wenn ich hier stehe, lerne ich Edith Stein noch mehr als Wissenschaftlerin schätzen“, sagt Schwester Therese-Maria. „Es freut mich, wenn eine Karmelitin so prägend für die Gesellschaft ist.“

Edith Steins Interesse am Christentum ist mit ihrer Zeit in Göttingen verknüpft. Als Schlüsselerlebnis gilt ein Kondolenzbesuch bei einer jungen Kriegswitwe. Sie ließ sich durch ihr Schicksal nicht brechen, sondern schöpfte Kraft aus dem Glauben an den Gekreuzigten.

„Ich sehe noch die Gleise, höre noch den Lärm“

Bischof Norbert Trelle verbindet mit Edith Stein eine Erinnerung an eine Wallfahrt rund um ihre Seligsprechung 1987. Damals war er Pfarrer in Wuppertal. Mit der Frauengemeinschaft fuhr er in die Niederlande zum Karmel in Echte und zum Lager Westerbork, wo Edith Stein 1942 durch die Nationalsozialisten nach Auschwitz deportiert und anschließend ermordet wurde. „Ich sehe noch die Böschung, die Bahngleise, höre den Lärm“, sagt Trelle. „Die Brutalität gegenüber einer Frau mit so einer Sensibilität berührt mich bis heute.“

Für Zeliha Karaboya vom ebenfalls ausgezeichneten Migrationszentrum Göttingen weist das Leben Edith Stein auf eines hin:  „Nicht der Glaube entzweit, sondern Menschen entzweien Menschen.“ Von Edith Stein lerne sie, niemals aufzugeben: „Wir sehen Zuwanderung als Aufgabe. Sie ist eine Chance für neue Gemeinschaftlichkeit und Kreativität.“

Zurück zum Weihnachsabend vor 100 Jahren:  Edith Stein kehrte mit ihrer Freundin Liane  Weigelt enttäuscht heim. Die Christmette fand wohl erst am nächsten Morgen statt. Doch ihr Interesse an der katholischen Kirche war nicht erloschen. Im Gegenteil.

Johannes Broermann