31.03.2017

Kirche in Nigeria

"Eine blühende und wachsende Kirche"

Der Norden Nigerias gilt als eine der gefährlichsten Regionen der Welt. Immer wieder sorgt die islamistische Terrorgruppe Boko Haram mit Anschlägen für Angst und Schrecken. Nun droht obendrein eine Hungersnot. Im März hat die Geschäftsführerin des katholischen Hilfswerks "Kirche in Not", Karin Maria Fenbert, die Region besucht. Im Gespräch berichtet sie über die humanitäre Lage, kirchliche Hilfe und die Hintergründe des Konflikts zwischen Christen und radikalen Muslimen im bevölkerungsreichsten Land Afrikas.


Foto: Kirche in Not
Ein Kurs für Katechetinnen im Erzbistum Jos 
Foto: Kirche in Not

Frau Fenbert, Beobachter warnen vor einer humanitären Krise in Nordnigeria. Wie haben Sie die Situation erlebt?
Die Lage ist sehr angespannt. Unzählige Menschen sind vor Gewalt und Terror durch islamische Milizen aus ihren Dörfern geflohen oder wurden vertrieben. Allein in der Region um die Stadt Maiduguri sollen 1,8 Millionen Flüchtlinge leben, die meisten davon Christen. Sie sind auf die Versorgung mit Wasser und Grundnahrungsmitteln angewiesen und hausen unter ärmlichsten Bedingungen. Wir reden hier wohlgemerkt von Familien, die vor dem Terror ein ganz normales Leben mit eigener Landwirtschaft führten. Oft haben die Terrorbanden aber auch den Vater ermordet, so dass Witwen, manche mit elf Kindern, auf sich gestellt sind.

Wer hilft den Menschen? Was tut die Zentralregierung?
Das Land gilt als korrupt, auch die Politiker. Die Infrastruktur ist sehr schlecht. Immerhin scheint Präsident Buhari aber etwas gegen Boko Haram unternommen zu haben. Die Gruppe soll nicht mehr ganz so stark sein. Hilfe kommt vor allem von den christlichen Kirchen im Land und ausländischen Hilfswerken wie "Kirche in Not". Die Zusammenarbeit zwischen den Konfessionen klappt in Nigeria recht gut. Wir werden unter anderem Saatgut an die Flüchtlinge verteilen und demnächst wollen wir auch bei den Schulgebühren für Kinder helfen. Schon jetzt helfen wir der Diözese Maiduguri bei der Versorgung der Binnen-Flüchtlinge und in vielfältiger Weise in allen Diözesen Nordnigerias.

Das Schlimme ist, dass es in den Lagern so gut wie keine Traumatherapien gibt, gerade für die geflohenen Kinder. Ihre Augen haben oft unglaubliche Brutalität gesehen, gegen die eigenen Eltern, gegen ihre Geschwister. Die kirchlichen Vertreter sehen die Notwendigkeit für Therapien, kamen aber bislang schlicht und ergreifend kaum dazu, sich auch noch darum zu kümmern.

Oft heißt es, der Terror der Islamisten-Miliz Boko Haram habe in Wahrheit keine religiösen Gründe, sondern resultiere aus mangelnder Teilhabe der muslimischen Bevölkerung an den Reichtümern des Landes, vor allem aus dem Ölgeschäft.
Das wäre nach meinen Informationen eine einseitige Darstellung. Es waren zu Beginn vor allem Christen, deren Häuser angezündet wurden und die fliehen mussten. Später ging Boko Haram auch gegen gemäßigte Muslime vor. Aber Christen sind deutlich gefährdeter. In Nordnigeria sollen in den letzten Jahren 13.000 Kirchen zerstört worden sein, wenn auch von einer kleinen radikalen Minderheit. Übrigens geht der Terror nicht nur von Boko Haram aus. Auch Bewaffnete des islamischen Hirtenvolkes der Fulani gehen auf der Suche nach Weideland äußerst brutal gegen christliche Bauern vor und sollen allein im letzten halben Jahr rund 1.000 Menschen getötet haben. Auch wenn es da um den uralten Konflikt zwischen Nomaden und Sesshaften geht, sind die religiösen Linien nicht zu übersehen. Uns wurde berichtet, dass die Fulani gezielt christliche Ländereien angreifen und die muslimischen Häuser verschonen.

Foto: kna
Karin Maria Fenbert, Geschäftsführerin des
Hilfswerks "Kirche in Not" 
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Blutet das Christentum in Nordnigeria aus angesichts der Gewalt?
Ganz im Gegenteil! Ich habe in Nordnigeria eine blühende und wachsende Kirche erlebt. Die Gottesdienste sind gerammelt voll, ich habe volle Priesterseminare besucht und Ordensschwestern, die ihre Klöster wegen der vielen Neueintritte ausbauen müssen. Gerade wer sich im Norden zum Christentum bekennt, muss immer damit rechnen, dass er zum Märtyrer wird.

In den letzten 50, 60 Jahren wuchs der christliche Anteil im Norden von quasi null auf circa 35 Prozent, obwohl in den meisten nördlichen Bundesstaaten die Scharia gilt. Die sieht zumindest theoretisch für Apostasie (Glaubensabfall) die Todesstrafe vor. Deshalb hat der Terror auch mit der Angst radikaler Muslime zu tun, die um die islamische Identität ihrer Gebiete fürchten. Das erklärt auch, warum es immer wieder zu Entführungen von Kindern kommt, die dann in den Lagern der Terroristen auf den Koran gedrillt werden.

Warum wechseln viele trotz der Gefahr ihre Religion?
Ich glaube, dass der liebende, gnädige Gott des Evangeliums auf viele Menschen anziehender wirkt als das Bild vom strafenden Allah, das den sehr traditionellen Islam in Nordnigeria dominiert. Zumindest von katholischer Seite gibt es jedenfalls keine aggressiven Missionierungsversuche.

Gibt es denn Ansätze zu einem christlich-islamischen Dialog?
Alle Bischöfe im Norden engagieren sich für die interreligiösen Beziehungen und treffen dabei auf viele gesprächsbereite Muslime. Noch ist deren Dialogeifer aber wohl nicht ganz so ausgeprägt. Bischöfe erzählten mir, dass sie von den religiösen Autoritäten leider kaum Gegeneinladungen erhalten. Es gibt viele Beispiele, für gute zwischenmenschliche Beziehungen zwischen Christen und Muslimen im Alltag, davon konnte ich mich selbst überzeugen. Christen beklagen aber auch, dass zu viele Muslime zu den Verbrechen der Terroristen schweigen oder sie nicht energisch genug verurteilen.

kna