17.05.2013

Konzilsdokumente (5): Zum Umgang mit anderen Konfessionen und Religionen

Eine Frage von Freiheit und Würde

Zur Ökumene wollte sich das II. Vaticanum von Anfang an äußern. Johannes XXIII. wollte zudem eine versöhnliche Botschaft an die Juden senden. Und dann wollten die Konzilsväter Grundlegendes zur Religionsfreiheit sagen. So entstanden drei der einflussreichsten Erklärungen.

Früher nahezu undenkbar: Vertreter der katholischen Kirche im Dialog auf Augenhöhe mit orthodoxen und evangelischen Christen sowie mit Juden, Muslimen und Vertretern anderer Religionen. Hier sind Kardinal Roger Etchegaray (1. Reihe 2.v.l.) und Aachens Bischof Mussinghoff (2.v.r.) beim Friedenstreffen der Religionen im September 2003 in Aachen. Foto: kna-bild

Früher nahezu undenkbar: Vertreter der katholischen Kirche im Dialog auf
Augenhöhe mit orthodoxen und evangelischen Christen sowie mit Juden,
Muslimen und Vertretern anderer Religionen. Hier sind Kardinal Roger
Etchegaray (1. Reihe 2.v.l.) und Aachens Bischof Mussinghoff (2.v.r.) beim
Friedenstreffen der Religionen im September 2003 in Aachen. Foto: kna-bild

Ökumene-Dekret "Unitatis Redintegratio"

Mit dem Ökumene-Dekret „Unitatis Redintegratio“ (UR) will das Zweite Vatikanische Konzil mithelfen, „die Einheit aller Christen wiederherzustellen“: Christus wollte nur eine Kirche, ihre Spaltungen widersprechen Christi Willen und machen das Evangelium unglaubwürdig. Die ökumenische Bewegung ist daher ein wichtiges Zeichen der Zeit. (Nr. 1).

Im Lauf der Geschichte gab es viele Abspaltungen von der katholischen Kirche; die Schuld daran liegt auf beiden Seiten, nicht jedoch bei den heutigen Menschen. Im Leben der anderen „Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften“ – diesen später kritisierten Begriff für protestantische Kirchen hat das II. Vaticanum geprägt – gibt es viel Gutes und Anerkennenswertes, sie sind Mittel des Heiles, auch wenn allein die katholische Kirche die „ganze Fülle der Heilsmittel“ besitzt. (Nr. 3)

Das Konzil ermahnt alle Katholiken, sich für die Ökumene zu engagieren. Dazu gehören die Unterlassung unwahrer Behauptungen, sachkundiger Dialog und das gemeinsame Gebet. Ziel der Ökumene bleibt die Gemeinschaft in der Eucharistiefeier. Für den ökumenischen Dialog soll gelten: im Notwendigen Einheit, im Übrigen Freiheit und in allem die Liebe. Zudem können Katholiken von anderen Christen oft viel lernen. (Nr. 4)

Notwendig für die Wiederherstellung der Einheit sind innere Reform und Treue zur eigenen Berufung, weil alle sich gegen die Einheit versündigt haben. (Nr. 5–7) Ökumenische Gottesdienste sind einerseits ein Weg zur vollen Einheit, sie können die Einheit aber nicht von sich aus herstellen oder schon bezeugen. (Nr. 8)

Ökumenischer Dialog muss auf Augenhöhe stattfinden. Katholische Theologie und Unterricht müssen stets in ökumenischer Perspektive geschehen; es darf keine Polemik geben. Der katholische Glaube muss so formuliert werden, dass andere Christen ihn gut verstehen können; er darf aber auch nicht aus falscher Rücksichtnahme verkürzt wiedergegeben werden. Beachtet werden soll die Hierarchie der Wahrheiten: Nicht jede Aussage ist gleich wichtig. (Nr. 9–11)

Es gab zwei große Spaltungen der Christenheit: im Orient im 11. Jahrhundert sowie im Abendland im 16. Jahrhundert. Die Kirchen des Ostens werden besonders gewürdigt, weil sie in Struktur, Liturgie, Frömmigkeit und Theologie wertvolle Schätze bewahrt haben. Mit ihnen ist Gottesdienstgemeinschaft „nicht nur möglich, sondern auch ratsam“. Die verschiedenen Ausdruckswei- sen der östlichen und katholi-schen Kirche ergänzen sich eher als dass sie sich widersprechen. Zur Wiederherstellung der Einheit sollen keine unnötigen Las-ten auferlegt werden. (Nr. 12–18)

Die Kirchen und Gemeinschaften im Westen haben zwar eine lange gemeinsame Geschichte, unterscheiden sich heute aber soziologisch, psychologisch und kulturell sowie in der Deutung der christlichen Wahrheit. Das Konzil würdigt aber die Hochschätzung der Bibel. (Nr. 19–21)

Zwar verbindet die Taufe alle Christen des Abendlandes. Über Abendmahl und andere Sakramente sowie die Ämter muss der ökumenische Dialog weitergeführt werden. Das Leben der protestantischen Christen bietet viele wichtige Zeugnise. (Nr. 23) Das Konzil warnt die Katholiken vor unklugem Eifer wie vor Leichtfertigkeit in der Ökumene. (Nr. 24)

Erklärung zum Verhältnis zu nichtchristlichen Religionen "Nostra Aetate"

Die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra Aetate“ (NA) entspringt einem Wunsch Johannes XXIII. Er wollte etwas zum Verhältnis der Kirche zu den Juden sagen. Wegen heftigen Protests aus arabischen Staaten wurde das Thema um die anderen Religionen erweitert und später als eigenes Dokument verfasst:

Alle Völker sind eine einzige Gemeinschaft, mit Gott als ihrem gemeinsamen Ursprung und Ziel. Von den verschiedenen Religionen erwar- ten die Menschen Antworten auf ungelöste Rätsel ihres Daseins: Fragen nach dem Sinn des Lebens, Leiden, Gut und Böse, Gericht, Vergeltung und Tod. (Nr. 1)

Im Lauf ihrer Kulturgeschichte nehmen die Menschen zunehmend jene Macht wahr, die Gott ist. Oft benennen sie sie als Gottheit, erforschen die Religion, entwickeln Frömmigkeiten. Daher lehnt die Kirche nichts ab, was in den anderen Religionen wahr und heilig ist. Gleichzeitig muss die Kirche weiter Christus verkünden, der „Weg, Wahrheit und Leben“ ist. (Nr. 2)

Den Muslimen, die an einen Gott glauben und Abraham, Mose und Jesus achten, zollt die Kirche besondere Hochachtung und nennt einige Gemeinsamkeiten. Die Feindschaften der Vergangenheit sollten vergessen werden. Mit gegenseitigem Verständnis sollen Christen und Muslime sich für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit einsetzen. (Nr. 3)

Ganz besonders würdigt das Konzil das Volk des Alten Bundes, in dem die Kirche ihre Wurzeln hat. Christus hat Juden und Heiden in sich vereinigt. Maria, die Apostel und andere Jünger waren Juden. Der Tod Jesu darf weder allen damals lebenden Juden noch den heutigen zur Last gelegt werden. Niemand darf mehr die Juden als von Gott verworfen darstellen. Die Kirche beklagt alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus“, die sich je gegen Juden gerichtet haben. (Nr. 4).

Katholiken können Gott nicht als Vater aller Menschen anrufen, wenn sie anderen Menschen die geschwisterliche Haltung verweigern. Daher verurteilt die Kirche jede Diskriminierung oder Gewalt gegen Menschen wegen ihrer Rasse, Religion oder ihres Standes, weil das dem Geist Christi widerspricht.

Erklärung über die Religionsfreiheit "Digniatis Humanae"

V ölliges Neuland scheint die katholische Kirche betreten zu haben mit ihrer Erklärung über die Religionsfreiheit „Dignitatis Humanae“ (DH). Dabei nennt der Titel „Würde des Menschen“ den wesentlichen Grund, weshalb Freiheit gottgewollt ist und sie daher immer Teil der kirchlichen Lehre war. Es geht in dem Text nur um das Verhältnis des einzelnen Gläubigen und der Glaubensgemeinschaften zu Staat und Gesellschaft, nicht um religiöse Wahrheit:

Das Konzil greift das wachsende gesellschaftliche Freiheitsbewusstsein auf und erkennt darin ein gottgewolltes Zeichen der Zeit. Zwar sind die Menschen verpflichtet, die religiöse Wahrheit zu suchen, aufzunehmen und zu bewahren. Aber diese Pflicht berührt und bindet sie allein durch die sanfte Kraft der Wahrheit. (Nr. 1)

Keiner darf – durch Einzelne, Gruppen oder staatliche Gewalt – gezwungen werden, gegen sein Gewissen zu handeln, noch darf er gehindert werden, privat und öffentlich, einzeln oder in Gruppen nach seinem Gewissen zu handeln. (Nr. 2) Religiöser Glaube kann nur gelebt werden, wenn sich Menschen dazu frei entscheiden. Daher darf und kann es in Sachen Religion keinen Zwang geben. Das gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für Gruppen. Die Freiheit, die eigene Religion auszuüben, gilt aber nur, wenn die „objektive sittliche Ordnung“, der Rechtsschutz sowie friedvolle Eintracht gewahrt bleiben. Damit werden Missbrauch und bloßer Vorwand von Religion ausgeschlossen. (Nr. 3 und 7)

Die Religionsfreiheit bedeutet für Gruppen, dass sie sich versammeln und Kult feiern dürfen, ihren Mitgliedern helfen, sie unterrichten, eigene Amtsträger bestimmen, Gebäude errichten, Güter erwerben und mit Angehörigen in anderen Ländern Kontakt haben dürfen. Allerdings dürfen andere Menschen nicht gezwungen oder überredet werden. Eltern haben das Recht, über die religiöse Erziehung ihrer Kinder zu entscheiden. (Nr. 4–5) Um die Religionsfreiheit zu sichern, soll der Staat entsprechende Gesetze erlassen. (Nr. 6)

Das Konzil begründet das Recht auf religiöse Freiheit mit der Würde des Menschen; im Laufe der Jahrhunderte hat die Kirche dies immer „vollständiger erkannt“. (Nr. 11–12) Um ihren Auftrag leben zu können, auch zum Wohl der Gesellschaft, braucht die Kirche Handlungsfreiheit. (Nr. 13) Da das Grundrecht auf Religionsfreiheit noch nicht überall verwirklich ist, mahnt das Konzil die Katholiken, sich stets dafür einzusetzen. (Nr. 15)

Von Roland Juchem

 

Wortlaut:

  • „Wer an Christus glaubt und in der rechten Weise die Taufe empfangen hat, steht dadurch in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche.“ (UR 3)
  • „Es gibt keinen echten Ökumenismus ohne innere Bekehrung. … In Demut bitten wir Gott und die getrennten Brüder um Verzeihung, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben.“ (UR 7)
  • „Die Unterweisung in der Theolo-gie … muss auch unter ökumeni-schem Gesichtspunkt geschehen, damit sie … der Wahrheit und Wirklichkeit entspricht.“ (UR 10)
  • „Da nun (die orientalischen) Kirchen trotz ihrer Trennung wahre Sakramente besitzen, vor allem … das Priestertum und die Eucharistie, … so ist eine gewisse Gottesdienstgemeinschaft … auch ratsam.“ (UR 15)
  • „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist.“ (NA 2)
  • „Gewiss ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern.“ (NA 4)
  • „Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche … alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich gegen die Juden gerichtet haben.“ (NA 4)
  • „Ein jeder (hat) die Pflicht und also auch das Recht, die Wahrheit im Bereich der Religion zu suchen, um sich in Klugheit unter Anwendung geeigneter Mittel und Wege rechte und wahre Gewissensurteile zu bilden.“ (DH 3)
  • „Die Verwirklichung und Ausübung der Religion besteht ihrem Wesen nach vor allem in inneren, willentlichen und freien Akten, durch die sich der Mensch unmittelbar auf Gott hinordnet; Akte dieser Art können von einer rein menschlichen Gewalt weder befohlen noch verhindert werden.“ (DH 3)
  • „Der Schutz und die Förderung der unverletzlichen Menschenrechte gehört wesenhaft zu den Pflichten einer jeden staatlichen Gewalt.“ (DH 6)
  • „Es entspricht … völlig der Wesensart des Glaubens, dass in religiösen Dingen jede Art von Zwang von seiten der Menschen ausgeschlossen ist.“ (DH 10)

 

Chronik:

  • Juni 1962: Vorlage eines Textes gegen Antisemitismus, der später zurückgezogen wird
  • November 1962: Ein neuer Text zu den Juden wird als Anhang zum Ökumenedekret vorgelegt.
  • Dezember 1962: Beschluss, drei Textentwürfe zur Ökumene in einem Dekret zusammenzufassen; die Kapitel IV und V werden eigene Dokumente („Nostra aetate“ und „Dignitatis humanae“).
  • Spätherbst 1963: Diskussion der drei Kapitel des Ökumenedekrets
  • September 1964: Abstimmungen zum Ökumenedekret; Paul VI. verfügt 19 Textänderungen; Texte zu den Juden und zur Religonsfreiheit werden diskutiert, sollen überarbeitet werden.
  • November 1964: Neuer Text zu den Juden und anderen Religionen grundsätzlich angenommen
  • 21. November 1964: Abstimmung zum Ökumenedekret: 2137 Ja- und elf Nein-Stimmen
  • September 1965: Text zur Religionsfreiheit wird als Diskussionsgrundlage angenommen.
  • Oktober 1965: Abstimmung zum Text über andere Religionen und zur Religionsfreiheit
  • 28. Oktober 1965: Abstimmmung zu „Nostra aetate“: 2221 Ja- und 88 Nein-Stimmen
  • 7. Dezember 1965: Abstimmmung zu „Dignitatis humanae“: 2308 Ja- und 70 Nein-Stimmen