08.06.2016

Katholische Kirche in Norwegen

Eine Gemeinde aus vielen Völkern

Norwegen – das Land der Fjorde und Elche. Und der katholischen Kirche? Ja, Kirchesein heißt hier Weltkirche im Kleinen, in der eigenen Gemeinde erleben. 

Tänzerinnen von den Philippinen führen auf dem
kulturellen Abend im Gemeindesaal einen Tanz auf. 
Foto: Bonifatiuswerk

Ein Mann mit langen lockigen schwarzen Haaren wirbelt seine Tanzpartnerin herum. Ihr rot-weißes Kleid flattert durch den Raum. Sie umkreisen sich, schauen sich tief in die Augen, dann reißt sie sich los und legt ein Solo aufs Parkett. Er wendet sich dem Publikum zu, fordert auf, mitzuklatschen. Der Funke springt über. Der Tänzer schnappt sich sein Cajon, eine peruanische Trommel, und gibt den Takt vor. 

Die St.-Olav-Gemeinde im norwegischen Trondheim feiert einen kulturellen Abend. Das Pfarrhaus ist prall gefüllt. In Gruppen sitzen Polen, Philippinos, Vietnamesen, Chilenen, Litauer und Kroaten zusammen. Sie haben die Stühle, die sonst zum Gottesdienst akkurat aufgereiht sind, zusammengeschoben. Der Altar, eine Marienstatue und die Figur des heiligen Olav sind hinter einer Schiebewand verschwunden. Kinder laufen durch die Menge, die Eltern lachen, unterhalten sich, bedienen sich am Buffet, das die philippinische Gruppe vorbereitet hat.  

Die peruanische Gruppe hat ihren Tanz beendet. Ein kurzer Applaus, dann betritt Egil Mogstad die Bühne. Der 67-Jährige ist Pfarrer in der Gemeinde. „Fader var. Du som er i himmelen. ...“ Gemeinsam beten sie das Vaterunser, dann das „Gegrüßet seist du, Maria“ – auf Norwegisch. 

Der Gemeindesaa der St.-Olav-Gemeinde,
in dem momentan auch die Gottesdienste
gefeiert werden. Foto: Bonifatiuswerk

Katholischsein im Land der Fjorde: internationale Gemeinschaften, ein Durcheinander der Kulturen, die Weltkirche in der eigenen Gemeinde spüren. Denn Katholiken sind eine Minderheit in Norwegen. Nur drei Prozent der Einwohner sind überhaupt katholisch, von ihnen haben nur 15 Prozent norwegische Wurzeln. 85 Prozent der norwegischen Katholiken sind Einwanderer, die ihre ganz eigenen Riten, Gebete und Lieder mitbringen. 

Die katholischen Gemeinden bieten Gottesdienste in den Landessprachen an. Für Trondheim heißt das: An Sonntagen werden bis zu 13 Messen gefeiert; etwa auf Norwegisch, Englisch, Polnisch, regelmäßig auf Vietnamesisch und Tagalog, der am weitesten verbreiteten Sprache auf den Philippinen. „Die Messen in der Heimatsprache sind etwa für die Polen ein Stück Heimat. Das ist wichtig hier“, sagt Egil Mogstad. Mehr als 1000 Gläubige nehmen teil, ein Sechstel der Gemeinde.

 

Das Kirchencafé als „achtes Sakrament“

Der Nidarosdom - eines der Wahrzeichen
von Trondheim. Foto: K. Ostendorf

Dabei wohnen viele Gemeindemitglieder weit außerhalb der Stadt, verstreut auf die kleinen Dörfer. Viele Gläubige fahren bis zu drei Stunden mit dem Auto, um an einem Gottesdienst teilzunehmen. Norwegen ist in nur drei kirchliche Verwaltungsbezirke unterteilt: Oslo, Trondheim und Tromsø. Eine Kirchengemeinde kann hier schnell ein Gebiet so groß wie Bayern umfassen, Pfarrer müssen, um von einem Teil der Gemeinde zum anderen zu kommen, oft bis zu sechs Stunden mit dem Auto und Fähren zurücklegen. Daher ist die katholische Kirche in Norwegen nicht nur für ihre Internationalität und Multi-Kulturalität bekannt, sondern auch für ihr „achtes Sakrament“: So heißt das Kirchencafé im Anschluss an die Sonntagsmessen im Volksmund. Ein Kaffee, ein belegtes Brot, ein Stück Kuchen und dazu ein netter Plausch – das Café ist wichtiger Treffpunkt für die Gemeinde.

Katholische Kirche und Norwegen? Für viele passt das dennoch nicht zusammen. Nach der Reformation wurde die katholische Konfession in Norwegen verboten und war bis 1843 unter Strafe gestellt. Die lutherische Kirche wurde Staatskirche, erst 2012 verlor sie diesen Rang. Seitdem sanken ihre Mitgliederzahlen von einst 96 Prozent auf mittlerweile nur noch 77 Prozent. „Die lutherischen Bischöfe hätten gerne meine Probleme“, scherzt der Osloer Bischof Bernt Eidsvig, der als Administrator für die Prälatur Trondheim zuständig ist. Denn seine Kirche wächst: monatlich um bis zu ein Prozent. 

Die alte Pfarrkirche der katholischen Gemeinde. Mittlerweile
ist der Bau abgerissen. Foto: wikicommons

Es sind die vielen Einwanderer, aber regelmäßig treten auch Protestanten zur katholischen Kirche über. Eidsvig selbst konvertierte 1977, auch Pfarrer Mogstad, der Generalvikar und die übrigen Angestellten der Prälatur in Trondheim sind ursprünglich evangelisch getauft. Aktuell gibt es in Norwegen sogar vier verheiratete katholische Priester, da sie erst nach ihrer Hochzeit konvertierten und geweiht wurden. „Die katholische Kirche ist einfach attraktiv“, sagt Bischof Eidsvig. „Sie hat eine lange Geschichte, eine ordentliche Liturgie und macht mit ihrer caritativen Arbeit, der Internationalität und den Ordensgemeinschaften einen guten Eindruck.“

 

Eine neue Pfarrkirche für Trondheim

Dabei führen die hohen Mitgliedszahlen zu Problemen, speziell in Trondheim zu einem Platzproblem. Als die alte Pfarrkirche 1973 gebaut wurde, gehörten nur einige Hundert Katholiken zur Gemeinde. Das Gebäude aus Glasbausteinen wurde baufällig. „Im Sommer lief der Schweiß in Strömen, im Winter war es eisigkalt. Da erreichte die Wärme schneller den Himmel als wir“, sagt Unn Madsø, Kanzlerin der Prälatur. Im November wird eine neue Pfarrkirche eingeweiht, nach nur einem Jahr Bauzeit. „Es ist ein Hoffnungszeichen und ein Symbol für den Aufbruch der Kirche in Skandinavien“, sagt Bischof Eidsvig.

Die neue Pfarrkirche wird Mitte November geweiht.
Foto: Bonifatiuswerk

Die alte Kirche wurde abgerissen, nur der tiefer liegende Gemeindesaal blieb erhalten. Darüber entsteht nun im Dreieck von Fluss, dem beliebten Stadtpark und dem protestantischen, ehemals katholischen Nidarosdom, die neue Kirche mit 450 Sitzplätzen. Angeschlossen ist das Gemeindezentrum mit Räumen für die Katechese, Büros, Priesterwohnungen und einem großen Atrium für weitere 200 Besucher, in dem auch Gottesdienste aus der Kirche übertragen werden können. Der zehn Millionen Euro teure Neubau ist aber nur mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland möglich gewesen. Das Bonifatiuswerk etwa gab rund 1,6 Millionen Euro.  Auch die Erlöse vom Buffet und aus der Tombola des kulturellen Abends werden für den Neubau genutzt. 

Nach den Peruanern tritt noch eine Gruppe aus Eritrea auf, einige Mädchen von den Philippinen zeigen einen Tanz zu dröhnenden Technobässen. Am Ende des Abends, als das letzte Kuchenstück gegessen und die letzte Blume verlost sind, wird aufgeräumt: Alle packen mit an, sammeln Müll ein, schieben die Stühle zurecht. Am Sonntag um neun Uhr ist der erste Gottesdienst. Auf Norwegisch.

Von Kerstin Ostendorf