07.09.2011

Die KiZ blickt hinter die Kulissen einer Jugendwerkstatt

Eine Perspektive wird gesucht

Die Jugendlichen werden doch nur beschäftigt, damit sie nicht auf der Straße herumhängen. Jugendwerkstätten müssen sich mit solchen und ähnlichen Vorurteilen auseinandersezten. Doch wie sieht der Alltag wirklich aus? Edmund Deppe hat einen Tag im „Holzwurm“ in Helmstedt mitgearbeitet.

Einblick in die Arbeit der Jugendwerkstätten
Beim Abschleifen der Fensterläden kommen Patrick Rosenbaum und Edmund Deppe ins Gespräch über Ausbildung, Freizeit und berufliche Perspektiven. 

7.20 Uhr, Arbeitsbeginn in der Jugendwerkstatt Holzwurm in Helmstedt. Nach und nach treffen die Jugendlichen ein. Ein Teil geht in die Malerwerkstatt mit dem Fachbereich Farbtechnik und Raumgestaltung, ein anderer in die Tischlerei. Ausgerüstet mit Sicherheitsschuhen und entsprechender Arbeitsmontur stehe ich in der Tischlerei und warte auf Anweisungen.

„Mal sehen, wer heute alles kommt“, sagt Andreas Heuer. Der fünfzigjährige Tischlermeister leitet die Werkstatt. „Die meisten Jugendlichen, die hier bei uns sind, müssen langsam an das Arbeitsleben gewöhnt werden. Wir wissen nie genau, mit wem wir rechnen können.“ Hier im Fachbereich Holztechnik arbeiten zur Zeit acht Jugendliche. Aber heute werden nicht alle erscheinen. Marita Bohlmann, die Leiterin dieser Caritas-Einrichtung, bringt die neuesten Zahlen: „Zwei haben sich krank gemeldet, zwei haben sich überhaupt noch nicht gemeldet und einer kommt wie immer später. Aber er kommt verlässlich und das ist schon ein kleiner Erfolg.“ Man ist anspruchslos, erwartet erst einmal nichts von den Jugendlichen, aber man versucht mit viel Geduld, ihnen etwas von der handwerklichen Arbeit schmackhaft zu machen.

Auf dem Programm steht der Bau von Innen-Fensterläden zum Abdunkeln für die Begegnungsstätte Kloster St. Ludgerus, direkt gegenüber der Jugendwerkstätte. Während Andreas Heuer mit zwei Jugendlichen für die Läden Aufhängungen aus Metall anfertigt, widmet sich Tischlergeselle Thomas Jantz mit den anderen den Holzarbeiten. Inzwischen ist auch der letzte Jugendliche eingetroffen. Los geht es.

Sie hoffen alle auf eine Lehrstelle

Bei den bereits zugesägten Längs- und Querhölzern für die Fensterläden kratze ich Astlöcher und Harzausflussstellen in mühseliger Kleinarbeit mit dem Stechbeitel aus. Nebenan arbeiten Markus Kappe (18) und Patrick Rosenbaum (20) mit Spachtel und Schleifpapier. Unebenheiten werden mit Spachtelmasse ausgefüllt und anschließend glatt geschliffen. Kappe ist erst den zweiten Tag hier, aber die Arbeit macht ihm Spaß: „Ich kann mir gut vorstellen, in diesem Bereich eine Ausbildung zu machen.“ Bislang hat es aber mit einer Lehrstelle nicht geklappt. Er hofft, dass sich durch diese vom Jobcenter vermittelte Maßnahme eine Chance ergibt.

„Nur wer Arbeit hat, zählt etwas in der Gesellschaft“

Mit der Pünktlichkeit hat Patrick Rosenbaum es noch nicht so richtig. Doch freiwillig will er nachmittags die Zeit nacharbeiten, die er morgens später angefangen hat. Mit Schleifpapier bearbeitet er das Fichtenholz. Ich halte es fest, damit es nicht immer hin und her rutscht. Wir kommen ins Gespräch. „Arbeit ist für mich wichtig. Nur wer Arbeit hat, zählt etwas in der Gesellschaft.“ In seiner Freizeit ist er mit seinen Kumpels unterwegs, „nichts Besonderes, einfach mal so in die Stadt“. Patrick ist inzwischen fast ein Jahr im Holzwurm. Er habe schon viel gelernt: „Die geben sich hier richtig Mühe und nehmen sich Zeit für uns.“

Einblick in die Arbeit einer Jugendwerkstatt
In mühseliger Kleinarbeit werden Astlöcher mit dem Stechbeitel ausgekratzt.

Kurz vor 12, die Mittagspause naht. Der Alltag im Holzwurm erfährt eine ungewöhnliche Unterbrechung. Hoher Besuch hat sich kurzfristig angekündigt. Im Zuge der bevorstehenden Kommunalwahl schaut Niedersachsens Sozialministerin Aygül Özkan auf einen Sprung in der Jugendwerkstatt vorbei, begleitet von zahlreichen Kommunalpolitikern. Eine kurze Besichtigung der gut ausgerüsteten Werkstatt und schon sind die Politiker wieder fort. Während sie sich in die Begegnungsstätte zum Gespräch zurückziehen, heißt es für uns „Mittagspause“.

Dabei sitzt Sozialarbeiter Burk­hard Pabst neben mir. „Die Jugendwerkstätten sind wichtige Einrichtungen. Wenn Jugendliche in keine andere Maßnahme mehr passen, dann werden sie zu uns geschickt.“ Hier können sie sich in der Maßnahme „Arbeitsgelegenheiten“ zu ihren HartzIV-Bezügen 1,50 Euro für jede tatsächlich geleistete Stunde dazuverdienen.

Von eigenständigem Arbeiten weit entfernt

„Viele kommen nur her, damit sie irgendwie ihre freie Zeit gestalten und weil sie hier die Kumpels aus der Werkstatt treffen. Das ist immer noch besser als zu Hause rumzuhängen. Aber von eigenständigem Arbeiten sind sie noch weit entfernt“, so Papst. Die Jugendlichen haben teilweise keinen Schulabschluss, werden von Maßnahme zu Maßnahme weitergereicht, haben schon eine Lehre abgebrochen oder kassieren eine Ablehnung nach der anderen.

„Das frustriert die Jugendlichen und ist ein Motivationskiller. Wir versuchen ihnen zu helfen. Da braucht man eine große Portion Geduld“, berichtet der Sozialarbeiter. Ein Blick in die Statistik: Ein Drittel der Jugendlichen im Holzwurm schafft es, ein Drittel ist sehr fraglich und ein Drittel steht anschließend wieder auf der Straße oder bricht die Maßnahme bereits vorher ab.

Nach der Mittagspause arbeite ich mit Marty Littau (19) an der Kreissäge. Die Längshölzer für die Fensterläden werden gefalzt. Littau hat heute seinen letzten Tag. Aber Marty strahlt, denn er hat es geschafft. Ab morgen ist er in einer richtigen Lehre im Metallbereich.

Wenn die Kreissäge einmal ruhig ist, dann ist Zeit, sich auch mal über was anderes zu unterhalten, über Wünsche und Träume. Martys Stolz ist sein Auto, er hat eine Freundin und würde gern mal nach Rom reisen. „Das kostet natürlich was, deshalb ist Arbeit, ist der Verdienst auch wichtig für mich.“

Die Zeit vergeht wie im Flug. 14 Uhr, Feierabend für die Jugendlichen. Patrik arbeitet freiwillig weiter und auch für Marty in der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme geht der Arbeitstag noch weiter bis 16 Uhr.

„Als wenn da plötzlich ein Schalter umgelegt wird“

Mit Tischlermeister Andreas Heuer setze ich mich vor der Werkstatt in die Sonne. Er ist unzufrieden mit der Gesamtsituation. Ihn stört, dass die Jugendlichen nach der Maßnahme in der Jugendwerkstatt keine richtige Chance bekommen. „Gebraucht wird eine Perspektive“, so Heuer. Nach der Jugendwerkstatt müsse sich eigentlich eine Lehrstelle oder ein Arbeitsplatz anschließen, die vom Verdienst her erkennbar mehr als Hartz IV einbringen: „Das wäre motivierend und manch einer würde dann auch hier bei uns besser bei der Stange bleiben.“ Für Heuer steht fest, dass die Jugendwerkstätten eine wichtige Einrichtung sind. Er hat es schon oft erlebt, dass Jugendliche es nach mehreren Anläufen doch noch schaffen: „Als wenn da plötzlich ein Schalter im Kopf umgelegt wird.“

Dass man überlegt, die Maßnahmen-Förderung für diese Einrichtungen teilweise einzustellen, kann der Tischlermeister absolut nicht nachvollziehen. Aber vielleicht lenken die Politiker ja noch ein. Zumindest hat Ministerin Özkan im Gespräch in St. Ludgerus so etwas angedeutet.

 

Edmund Deppe

 

Stichwort: Jugendwerkstatt Holzwurm

Die Jugendwerkstatt ist eine Einrichtung des Caritasverbandes für den Landkreis Helmstedt. Insgesamt gibt es hier Plätze für 51 Jugendliche in den Maßnahmen Arbeitsgelegenheiten, Arbeitsbeschaffung (ABM), Schulpflichterfüller. Gearbeitet wird in den Bereichen: Fachbereich Holztechnik, Fachbereich Farbtechnik und Raumgestaltung, Begleitender Dienst und in externen Einsatzgebieten wie Tafel, Sozialwerk Spangenberg, Hauswirtschaft und Altenpflege. Kontaktdaten gibt es unter www.holzwurm-helmstedt.de