10.10.2016

Die Begleitung von Sterbenden ist eine anspruchsvolle, aber auch bereichernde Aufgabe

Einfach nur die Hand halten

Die Aufgabe lässt auf eine bedrückende Atmosphäre schließen. Doch in der Begleitung von Sterbenden wird auch viel gelacht, weiß Dietlinde Stubbe. Die engagierte Frau gehört seit vielen Jahren dem Hospizkreis in Verden an und kümmert sich ehrenamtlich um Menschen, die unheilbar erkrankt sind.

Das Sprechen ist vielfach nicht mehr möglich. Dann bleiben aber immer noch die Berührung und die Nähe, die wichtig für die Sterbenden sind. Am Ende des Lebens nicht allein zu sein, erleichtert den Abschied. Foto: kna-bild

Für Dietlinde Stubbe sind es keine Patienten oder Klienten, sondern einfach Menschen, die sie begleitet. Was ihre Aufgabe von dem eines einfachen Besuchsdienstes  unterscheidet, ist die Tatsache, dass ihre Besuche Menschen gelten, die bald sterben werden. Sie sind unheilbar krank, eine Therapie gibt es nicht mehr.

Wie im Fall einer Frau, Mitte 60, die einen Gehirntumor hat. „Der Pflegedienst hat beim Hospizkreis angefragt, ob eine Begleitung möglich ist“, berichtet Stubbe. Sie fährt für ein erstes Gespräch zu der Kranken. Mit dabei ist auch der Ehemann. Das Gespräch verläuft zur gegenseitigen Zufriedenheit und Stubbe übernimmt die Begleitung.

Anfangs ist der Mann bei den wöchentlichen Treffen dabei, doch schnell wird klar, dass seine Frau lieber allein mit Dietlinde Stubbe sein möchte. Für die erfahrene Hospizbegleiterin ist dieser Wunsch verständlich: „Die Sterbenden möchten mit mir auch Dinge besprechen, über die sie mit der Familie nicht sprechen können oder wollen.“ Sie ist aus Sicht der Menschen die Fachfrau zum Thema Sterben. Doch darum geht es längst nicht so oft, wie Außenstehende vielleicht annehmen.

Mit 16 Jahren am Bett von Sterbenden

Dietlinde Stubbe geht mit ihr spazieren, meist im Verdener Stadtpark. „Zunächst konnte sie noch zu Fuß gehen, danach habe ich sie im Rollstuhl geschoben“, erklärt die 60-Jährige, die selbst schon früh mit dem Thema Sterben konfrontiert wurde. Im Alter von 16 Jahren hat sie als sogenanntes „Sonntagsmädel“ im Krankenhaus geholfen und wurde dann von ihrer Chefin auch an das Bett von Sterbenden gesetzt. Wenn sich das Leben dem Ende zuneigt, ist es gut, jemanden an seiner Seite zu haben. Dietlinde Stubbe hat diese Erfahrung nie vergessen. 

Während der gemeinsamen Spaziergänge sprechen die beiden Frauen über alles, was sie gerade bewegt: Mal sind es die Familie, die Arbeit oder Urlaubs­erinnerungen, ein anderes Mal ist es die Frage nach einem Leben nach dem Tod. „Wir sind beide katholisch, das hat geholfen“, sagt Stubbe.

Die Spaziergänge sind dann aber auch trotz Rollstuhl nicht mehr möglich und die Treffen werden mehr und mehr zu Besuchen am Krankenbett. Auch die Wünsche werden weniger: Noch einmal raus, noch einmal auf die Couch. Was sonst in der Gesellschaft eher verheimlicht wird, ist zwischen den beiden Frauen kein Tabu: „Diese Gebrechlichkeit war ihr mir gegenüber nicht peinlich“, erläutert die dreifache Mutter. Für die Kranke sind Stubbes Besuche eine Erleichterung. Sie muss nicht stark sein, kann sich entspannen.  

Und die Begleiterin? „Am Anfang meiner Tätigkeit habe ich mich nach den Besuchen ins Auto gesetzt und meine Gedanken aufgeschrieben“, berichtet Stubbe. Mittlerweile braucht sie das Aufschreiben nicht mehr, um abzuschalten und in ihren eigenen Alltag zurückzukehren: „Ich nehme die Sorgen nicht mit nach Hause.“

Eigene Verlusterfahrungen müssen verarbeitet sein

Abschalten können, das ist für Hospizbegleiter wichtig. Regelmäßige Treffen sowie Supervision sind für die Ehrenamtlichen des Hospizkreises in Verden selbstverständlich. „Da können wir die Themen und Probleme besprechen, die uns alle beschäftigen“, sagt Cornelia Faltermann. Die 58-Jährige ist Psychologin und hat langjährige Erfahrung in der Begleitung von Sterbenden. Acht Jahre hat sie auf der Palliativstation eines Krankenhauses in Kiel  gearbeitet, danach ein Hospiz geleitet – bevor sie aus familiären Gründen nach Verden gezogen ist.
 

Cornelia Faltermann und Dietlinde Stubbe engagieren sich im und für den  Verdener Hospizkreis. Foto: Pohlmann

Ehrenamtlich engagiert sie sich hier im Hospizkreis und in der Ausbildung neuer Mitarbeiter. „Wer nicht bereit ist, an sich selber zu arbeiten, ist in einem solchen Kurs falsch“, erklärt Faltermann. Vielfach interessieren sich Menschen, die selbst einen Verlust erlitten haben, für die Tätigkeit als Hospizbegleiter. Ist diese Erfahrung jedoch noch zu nah und nicht verarbeitet, rät die Expertin von einer Teilnahme ab: „Wir führen mit allen zuvor ein Einzelgespräch und kommen meist zu einer gemeinsamen Entscheidung, ob eine Teilnahme sinnvoll ist.“

Doch auch ein absolvierter Kurs    verpflichtet noch zu nichts. „Die Teilnehmer können sich bis zum Schluss entscheiden, ob sie in der Begleitung tätig werden wollen,“ eräutert die Psychologin. Wer sich bereit erklärt, mindestens zwei Jahre zur Verfügung zu stehen, zahlt für den Kurs nichts. 

Die Inhalte eines Kurses sind vielfältig und berühren alle Bereiche, die für die Tätigkeit als Hospizbegleiter wichtig sind. Dazu gehören medizinische und psychologische Aspekte des Sterbens ebens wie rechtliche Grundlagen oder Grundkenntnisse aus der Pflege. „Wir dürfen und wollen gar nicht pflegen. Aber manchmal bin ich alleine mit dem Sterbenden und muss handeln. Da sind ein paar Kenntnisse dann ganz gut“, sagt Dietlinde Stubbe. Sie selbst schaut auch heute noch immer mal wieder in ihren Ausbildungsordner, um ihr Wissen aufzufrischen.

100 Unterrichtseinheiten umfasst ein Kurs in der Regel. In Verden werden diese hauptsächlich mit wöchentlichen Abendterminen absolviert – abgesehen von Einführungs- und Abschlusswochenende. „Das ist auch für Berufstätige möglich. Und davon haben wir jetzt einige dabei“, betont Faltermann. Auch Beruf und Begleitung lassen sich gut mitei­nander vereinbaren, da die Besuche sowieso gemeinsam vereinbart werden müssen. „Wir können uns die Zeit frei einteilen“, erklärt Stubbe.

Arbeit muss über Spenden finanziert werden

Der Verdener Hospizkreis verfügt mittlerweile über 38 Begleiter, aber nicht über einen hauptamtlichen Mitarbeiter zur Koordination. Auch das übernehmen die Ehrenamtlichen selbst. „Aber erst durch eine hauptamtliche Kraft könnte der Verein mit den Krankenkassen abrechnen“, beklagt Faltermann. Ihr Wunsch ist es, wenigstens die Sachkosten erstattet zu bekommen. „So müssen wir alles aus Spenden finanzieren.“ Das wiederum sei ein schwieriges Unterfangen, zumal das Thema Tod und Sterben nach wie vor ein Tabuthema sei.

Auch Angehörige haben oft Schwierigkeiten, das Thema anzusprechen. „Sagen Sie nicht, dass Sie vom Hospizdienst sind“. Diesen Satz bekommen Stubbe und Faltermann bei einem ersten Kontakt des Öfteren zu hören. Die Kranken seien da meist viel offener. Insgesamt wenden sich die Menschen auch erst recht spät an den Hospizdienst. „Manchmal bleibt es bei einem oder vielleicht zwei Besuchen, dann ist der Mensch schon verstorben“, berichtet Stubbe. An Hilfen ist da wenig möglich.

Anders im Fall der an Gehirntumor erkrankten Frau. Etwa ein dreiviertel Jahr besucht Stubbe sie regelmäßig. Waren es anfangs wöchentliche Treffen, ist sie jetzt jeden zweiten Tag bei ihr. Sprechen ist nicht mehr möglich. Wichtig sind jetzt Augenkontakt und Berührung „Es macht sie glücklich, wenn ich ihre Hand nehme und sie meine Haut spürt. Denn die Pflegekräfte tragen immer Handschuhe“, erläutert die Hospizbegleiterin. Der Kontakt, die Nähe beruhigen. Mehr kann sie jetzt nicht mehr tun.  Einen weiteren Besuch gibt es nicht mehr. Dietlinde Stubbe kommt dafür eine Viertelstunde zu spät.

Thomas Pohlmann