05.08.2011

Die KiZ blickt hinter die Kulissen einer Bahnhofsmission

Engel tragen blaue Westen

Heute bin ich blau! Nicht, weil ich zu viel Alkohol getrunken habe, sondern weil ich helfen möchte – einen ganzen Tag in der Bahnhofsmission in Braunschweig. Und der verläuft ganz anders, als ich dachte ...

 Einen Tag lang hilft KiZ-Mitarbeiterin Ina Funk (rechts) hilfesuchenden Reisenden im Bahnhof Braunschweig. Foto: Volker Röpke

Meine Kollegen in der Redaktion lachen, als ich sage: „Ich gehe zur Bahnhofsmission“. „Na dann wirst du ja den ganzen Tag nur Kaffee trinken“, necken sie. Von wegen! Den Kaffeebecher habe ich zwar oft in der Hand, aber nur, um den Gästen das warme Getränk zu geben oder später das Geschirr zu spülen. Zum Kaffeetrinken komme ich kaum.

Um neun Uhr morgens beginne ich mit der Arbeit. Ich bin natürlich mit der Bahn angereist, will testen, ob ich ohne Probleme zur Bahnhofsmission finde. Kein Problem: Es ist alles ausgeschildert.

Reichlich Platz für viele Aufgaben

Anne Johns begrüßt mich mit einem Lächeln. Sie gehört zur Diakonie und leitet zusammen mit Rüdiger Buddruhs von der Caritas die Einrichtung. Ökumene gehört zur Bahnhofsmission genauso wie die berühmten blauen Westen, die ich heute auch tragen darf.

„Andere Menschen begleiten, Kummer mildern und für das Ziel zuversichtlicher stimmen – das ist unser Auftrag“, sagt Anne Johns. Sie zeigt mir erst einmal die Räume, die alle von dem langen Flur rechts abgehen. „Wir haben viel Platz, können unseren Gästen einen Ruheraum mit Bett anbieten oder einen Wickelraum. Unsere Kollegen am Berliner Ost-Bahnhof haben nur ein Drittel so viel Platz wie wir“, sagt Johns. Das überrascht mich dann doch; auch, dass die Mission nichts für die Räume bezahlen muss! Miete und Nebenkosten sponsert die Deutsche Bahn.

„Der Bahnhof ist meine Welt“

Bami, so kürzen die Mitarbeiter übrigens ihre Bahnhofsmission ab. Ich finde, das hört sich schon fast familiär an, so, als wenn die Bami zu ihrem Leben gehört. Das ist auch so, erfahre ich, während ich in der Küche nebenbei Kaffee koche und Geschirr abwasche.

Anne Johns arbeitet seit 1999 hier; Peter Rösl seit vergangenem Jahr. Er war hier als Ein-Euro-Jobber angestellt. Jetzt arbeitet er zweimal die Woche ehrenamtlich weiter. „Der Bahnhof ist meine
Welt“, sagt der 50-Jährige. Das meint er wirklich so, ich erlebe es selbst. Das Kaffeeausschenken mag Rösl nicht so gern, ist lieber an den Gleisen. „Jetzt kommt gleich die Durchsage, dass der ICE eintrifft“, sagt er lächelnd. Keine Sekunde später schnarrt tatsächlich die blecherne Frauen-Computer-Stimme aus den Lautsprecher. Wir marschieren ans Ende des Bahnsteiges, denn in diesem Bereich hält der Waggon, in dem meist Fahrräder und schweres Gepäck verstaut werden. Tatsächlich benötigt ein Mann unsere Hilfe, will mit Rad, Katze und vier Koffern in den Zug einsteigen. In drei Minuten Haltezeit hätte er das Einsteigen nur knapp geschafft. „Sie sind ja richtige blaue Engel“, bedankt er sich.

Die blaue Weste verleiht Respekt

Auf dem Weg zurück zur Bami werden wir immer wieder um Hilfe gebeten, sollen beim Tragen helfen, hieven Kinderwagen aus den Zügen und hinein oder stehen Reisenden beratend am
Fahrkartenautomat zur Seite.

„Die blaue Weste verleiht Respekt. Menschen nehmen einen plötzlich wahr“, philosophiert Rösl auf dem Weg zurück zum Bami-Hauptquartier. Hier putze ich erst einmal den Boden und die Tische des Aufenthaltraumes. Sauber muss alles sein. Das ist wichtig bei so vielen Menschen, die sich hier aufhalten. Darunter gibt es welche, die schon seit Jahren herkommen, Wohnungslose zum Beispiel, die sich aufwärmen und kostenlosen Kaffee schlürfen.

Natürlich bekommen sie auch belegtes Brot. das liefert die Braunschweiger Tafel. Andere Gäste reden mit Johns und ihren Kollegen über ihre Probleme.

„Die Bami und die Feuerwehr haben eins gemeinsam: Sie wissen morgens nicht, wie der Tag wird“, sagt Anne Johns. Nur eins weiß sie heute: Dass Marvin bald kommen muss, denn der Siebenjährige reist heute allein mit dem Zug zu seinem Vater. Die Bahnhofsmission begleitet Kinder auf ihrer Reise. Aufgeregt ist der Schüler nicht, er fährt regelmäßig.

Heute habe ich viele, ganz unterschiedliche Menschen kennengelernt. Um 16 Uhr mache ich mich dann wieder auf den Heimweg, schlendere durch den Bahnhof zum Gleis. Die Menschen eilen an mir vorbei. Blickkontakt sucht keiner. Und in diesem Moment begreife ich, was Rösl meinte: Blau sein ist schön!

Um eine soziale Einrichtung einmal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, arbeiten die Redakteure der KirchenZeitung für einen Tag vor Ort mit. In der nächsten Ausgabe geht es um einen Tag im Kindergarten.

 

Ina Funk

 

Stichwort

Hilfe an 365 Tagen im Jahr

Gegründet wurde die erste Bahnhofsmission 1894, um allein reisenden Frauen zu helfen. Heute nutzen im Schnitt 80 Prozent Männer das Angebot der Einrichtung. Denn hier wird jedem, sofort und gratis geholfen, ohne, dass vorher bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden müssen und meist ohne Anmeldung. Die meisten Bahnhofsmissionen sind Einrichtungen der evangelischen und katholischen Kirche, werden von ihnen und Spenden finanziert.

Bahnhofsmissionen haben einen oder zwei Leitende, meist sehr wenige fest angestellte und dafür viele ehrenamtliche Mitarbeiter, die an 365 Tagen im Jahr da sind. Für ihre Arbeit erhalten die Ehrenamtlichen spezielle Schulungen.