05.04.2017

Es ist Sonntag – Gott sei Dank

Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung. Geschützt durch das Grundgesetz. Das sind die Sonn- und Feiertage. Doch die Arbeitsruhe weicht auf, die seelische Erhebung geht zurück. Was ist der Sonntag noch? Eine Betrachtung.

Was macht den Sonntag frei – Einkaufen oder Ruhe? | Foto: Wala

Hannover am vergangenen Sonntag: Über 500 Geschäfte sind geöffnet, Menschenmassen in der City. Selbst dort, wo es ein Gericht verboten hat, öffnet ein Möbelladen. Das war‘s wohl mit dem Sonntag. Keine Kirche, keine Turnhalle, nicht mal familiäres Lümmeln auf dem Sofa. Nein, Einkaufen. Oder zumindest so tun als ob. Etwas, was man in Niedersachsen sonst nur von Montag bis Freitag machen kann. Übrigens sogar rund um die Uhr – nach geltendem Recht.

War’s das mit dem Tag der Arbeitsruhe und seelischen Erhebung? Nein. Dafür gibt es sogar ein hebräisches Wort: „Schabat“ Das bedeutet „Aufhören“. Nach biblischer Überlieferung sollen an einem Tag nicht nur die Reichen dem Beispiel Gottes folgen – ausruhen – sondern auch „dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat“: Im Buch Exodus (20, 8–11) wird die Heiligung des Sabbats zum dritten der Zehn Gebote.
Sonntag ist Ruhebaum der Zivilisation

Unter Kaiser Konstantin im Römischen Reich wanderte um 321 der samstägliche Schabat des Judentums auf den Sonntag. Begründet wurde eine christlich-abendländische Tradition – gewissermaßen der Baum, unter dem sich unsere europäische Zivilisation seit Jahrhunderten ausruht. Erst mit Beginn der industriellen Revolution geriet der arbeitsfreie Sonntag mehr und mehr in Gefahr – trotz Protesten der Kirchen. Der Staat reagierte: im Kaiserreich 1891 mit dem Verbot der Sonntagsarbeit. In der Weimarer Republik 1919 mit dem Aufwerten zum „Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“ in der Reichsverfassung. In der jungen Bundesrepublik 1949 mit der Übernahme dieser Bestimmung in das Grundgesetz. Übrigens: Auch in der Verfassung der DDR im gleichen Jahr wurde die Arbeitsruhe für den Sonntag festgeschrieben.

Schon allein diese Geschichte zeigt: Der Sonntag war immer mehr als Glockenläuten und Gottesdienst. Religiöses Brauchtum? Ja. Aber auch soziale und kulturelle Tradition einer Gesellschaft. Eine Auszeit vom Trott, ein Schutz vor Selbstausbeutung, weil die Woche nur noch Werktage kennt.  Deshalb ist in Deutschland die Arbeit am Sonntag grundsätzlich verboten. Aber „grundsätzlich“ heißt im Juristendeutsch, dass es Ausnahmen gibt – für insgesamt 16 Arbeitsbereiche.

Das fängt bei Arbeiten an, die notwendig sind, als „Not wenden“: Beispielsweise Feuerwehr, Polizei, Alten- und Krankenpflege oder in Energie- und Wasserversorgungsbetrieben. Sie arbeiten trotz Sonntag. Dann gibt es aber noch die Branchen, die für den Sonntag arbeitet: Gaststätten, Hotels, Volksfeste, Museen, Kino, Theater, Vergnügungsparks –und ja, auch Bildungshäuser. Sie sind tätig, damit andere Menschen das genießen können, was den Sonntag auch ausmacht: gemeinschaftlich verfügbare Zeit auch miteinander zu nutzen.

Rhythmus aus Werk- und Ruhetagen

Jeder Kulturkreis kennt diesen Rhythmus aus Werk- und Ruhetagen. Hier ist es der Sonntag. Er schafft freie Zeit jenseits der Arbeitslogik. Zeit ist eben nicht nur Geld, Zeit darf auch mal einfach nur Zeit sein. Doch keine Chance ohne Schattenseite – die „Sonntagsneurose“. Wer sich in der Hektik des Werktags eingerichtet hat, den macht Müßiggang unglücklich – so zumindest die These einer doch erklecklichen Anzahl von Forschern. Vielleicht ist es auch das, was Menschen am Sonntag in die Einkaufscent­ren treibt: einem leeren Kalender einen Termin geben. Weil der Tag sonst verschwendet wäre. Als Ausrede für das eigene Nichtstun. Wenn schon keinen Stress durch Arbeit – selbst als Vorrat für den kommenden Montagdienstagmittwochdonnerstagfreitag – dann wenigstens durch das Hetzen von Laden zu Laden. Weil man ja sonst keine Zeit dafür hat. Ein Hamsterrad.

Das lehrt der Sonntag: Müßiggang ist nicht aller Laster Anfang. Sondern der Beginn von Erholung, mithin „seelischer Erhebung“. Dazu braucht es ein sich wiederholendes Ereignis, um sich mit möglichst vielen Mitmenschen regelmäßig zu treffen und in Kontakt zu treten. Das ist Innehalten, das ist das Abbremsen der Hektik des Alltags – in der Kirche, in der Turnhalle oder auf dem Spielplatz.

Der Sonntag mag sich gefühlt zwar von seinen christlichen Wurzeln entfernt haben. Aber genau diese Wurzeln halten ihn noch fest. Insofern: Es ist Sonntag. Gott sei Dank.

Rüdiger Wala