01.08.2016

KiZ-Serie: Unterwegs im Bistum – Boffzen an der Weser

Fast nur Idylle, aber davon viel

Im Südwesten des Bistums Hildesheim, unmittelbar an der Weser und der Grenze zum Erzbistum Paderborn, liegt Boffzen. Der kleine Ort ist für manche Überraschung gut.

In Boffzen zu Hause: Klaus Daase zieht es immer wieder an die Weser. Fotos: Matthias Bode
In Boffzen zu Hause: Klaus Daase zieht es immer wieder an die Weser. Foto: Matthias Bode

Es geht steil nach oben. Wer die Himmelsleiter hinaufsteigt oder -fährt, überwindet auf einer Strecke von nur knapp einem Kilometer 120 Höhenmeter. Schnurgerade steigt die Straße von Boffzen aus in den Solling hoch. Die Mühe des Aufstiegs lohnt sich. Wer oben angekommen ist, hat einen fantastischen Blick auf Höxter und das Wesertal. Die Wanderung kann von hier aus weitergehen. Durch den Naturpark Solling-Vogler ziehen sich diverse, gut ausgeschilderte Wege. Eine Wandertafel bietet Orientierung.

Wer mag, kann zunächst an einem weit sichtbaren Holzkreuz und einen kleinen Altar verweilen. Der Platz am Ende der Himmelsleiter wird regelmäßig für ökumenische Gottesdienste genutzt.

Christliche Geschichte reicht weit zurück

Der kleine Ort Boffzen hat eine lange christliche Geschichte. Kurz nach der Gründung des Klosters Corvey an der Weser wird er im 9. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt. Heute zeugen zwei Kirchen von der christlichen Tradition des Ortes.

Boffzen liegt im Südwesten des Bistums, unmittelbar an der Weser und der Grenze zum Erzbistum Paderborn. Foto: Matthias Bode

Seit fast 280 Jahren bildet die evangelische Erlöserkirche den Mittelpunkt des alten Ortskerns. Sehenswert ist der barocke Innenraum, der durch einen Kanzelaltar geprägt wird, den der preußische Kriegsrat Redecker zu Vlotho 1736 gestiftet hat. Geschmückt wird die Kirche von einem Glas-Kronleuchter mit mehr als 450 Perlen. Der ist allerdings nicht ganz so alt, er stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Wesentlich schlichter geht es in der katholischen Kirche von Boffzen zu. Das Gotteshaus wurde 1963 im nüchternen Stil der Nachkriegszeit erbaut. Als einziges im Bistum Hildesheim trägt es das Patrozinium des heiligen Liborius. Damit hat es eine besondere Bewandtnis. Liborius ist der Bistumsheilige des Erzbistums Paderborn. Und von Paderborner Gebiet aus werden die Katholiken des Ortes auch betreut. Boffzen – obwohl Teil des Bistums Hildesheim – ist heute Mitglied im Paderborner Pastoralverbund Höxter. Das hat ganz praktische Gründe: Die nächstgelegenen katholischen Gemeinden auf Hildesheimer Gebiet sind viele Kilometer entfernt, Höxter hingegen liegt gegenüber auf der anderen Weserseite.

Boffzen bietet sich an für Radtouren entlang der Weser.
Boffzen bietet sich an für Radtouren entlang der Weser.

Doch zurück zu Liborius. Als Heinrich Maria Janssen 1957 zum Bischof von Hildesheim geweiht wurde, schenkte ihm das Erzbistum Paderborn eine Liborius-Reliquie. Der Bischof reichte das gute Stück anlässlich der Kirchweihe an die Gemeinde weiter. Dort wird sie noch heute bewahrt.

So idyllisch das Weserbergland ist, die Region boomt derzeit nicht gerade. Das spürt man auch in Boffzen. Klaus Dieter Daase lebt hier seit 39 Jahren. Damals ist er mit seiner Frau aus Höxter hierhergezogen. „Weil die Baugrundstücke preiswerter waren“, sagt er. Beim Rundgang durch den Ort kommt zuweilen Wehmut auf. „Hier war der Fleischer, da die Post, dort eine große Gärtnerei“, erläutert der 66-Jährige. Nur ein einziges Gasthaus von ehemals vier hat noch geöffnet. Heute sind an vielen Ecken Leerstände oder die Gebäude werden anderweitig genutzt. Dass viele kleine Betriebe nicht überleben konnten, wundert nicht: Von einst mehr als 3500 Einwohnern sind gerade 2700 übriggeblieben. Die Landflucht hinterlässt ihre Spuren. Ein Supermarkt am Ortseingang macht zudem den Kleinen seit einigen Jahren Konkurrenz.

Glasmacher haben Tradition

Die Abwanderung aus Boffzen hat sich in den letzten Jahren fortgesetzt und dies, obwohl dort mehrere Industrie-Betriebe ansässig sind, darunter die Glashütte Noelle & von Campe. Das Werk beliefert europaweit Lebensmittelhersteller mit Flaschen und Gläsern. Täglich verlassen rund 70 LKWs den Hof. Wer im Supermarkt Ketchup aus der Flasche oder Gurken im Glas kauft, kann damit rechnen, dass die Verpackung mit einiger Wahrscheinlichkeit aus Boffzen stammt.

Ein Kleinod im Ort ist die Erlöserkirche aus dem 18. Jahrhundert.
Ein Kleinod im Ort ist die Erlöserkirche aus dem
18. Jahrhundert.

In einer 1900 erbauten Fabrikantenvilla wird die Geschichte der örtlichen Glasindustrie dokumentiert. Boffzen hat eine 500-jährige Glasmachertradition, im Museum beschränkt man sich allerdings auf die letzten 150 Jahre. In Boffzen wurde während dieser Zeit überwiegend Gebrauchs-, Haushalts- und Industrieglas gefertigt. Unter anderem gehörte fast die gesamte deutsche Bierglasproduktion der 50er- und 60er-Jahre dazu. Ein Programm für Schlechtwettertage.

Wenn die Sonne scheint, punktet Boffzen vor allem mit einem: der Weser. Die baumbestandene Promenade lädt zum Verweilen ein. Direkt am Ort führt der Weserradweg entlang, der von Hann.Münden nach Bremerhaven führt. Wem das Strampeln zu viel wird, der steigt um auf die Fahrgastschifffahrt „Flotte Weser“ und lässt die Landschaft gemächlich an sich vorbeiziehen. Ein Anleger befindet sich in Richtung Fürstenberg. Dort kommen auch Freunde edlen Porzellans auf ihre Kosten. Doch dann sind wir schon wieder im nächsten Ort.
 

Von Matthias Bode