09.08.2012

Ein Tag im Orden – die Steyler Missionarinnen

Flagge zeigen in der Diaspora

Seit 1990 zeigen die Steyler Missionarinnen in Harsefeld bei Buxtehude Flagge. Dass das eine durchaus lebendige Angelegenheit sein kann, beweist das Leben der vier Schwestern. Von der Kindergärtnerin über die Lateinlehrerin bis zur Pensionärin und Flüchtlingsberaterin reicht das Spektrum ihrer Berufe.

Vielfalt des Ordens an einem Küchentisch: Schwester Petra Rimmele (66), Schwester Stefanie Hall (47), Schwester Annette Fleischhauer (52) und Schwester Theresia Maria Otten (74) im Pfarrhaus in Harsefeld. Foto: Christian Schlichter
Vielfalt des Ordens an einem Küchentisch: Schwester Petra Rimmele (66), Schwester Stefanie Hall (47), Schwester Annette Fleischhauer (52) und Schwester Theresia Maria Otten (74) im Pfarrhaus in Harsefeld. Foto: Christian Schlichter

Wenn sie gemeinsam am Küchentisch sitzen, scheinen sie gar nicht zueinander zu passen: Annette, die quirlig Lebendige, Theresia, die Älteste und Zurückhaltende, Stefanie, die Chefin und kontrolliert Ernste, und Petra, die schüchtern Lächelnde. Doch wenn sie dann erzählen, wird klar, dass sie sich gut ergänzen, wie in einer normalen Familie. Die vier Frauen zwischen 47 und 74 Jahren leben unter einem Dach im ehemaligen Pfarrhaus von St. Michael in Harsefeld. Dort sind sie die aktuelle Besetzung des Missionsaußenpostens der Steyler Missionarinnen.

Ordenszeitschrift gab allen den Anstoß

Immer wieder taucht sie auf, die „17“. Oder es ist von der „Stadt Gottes“ die Rede. Beides sind Zeitschriften aus dem Orden der Steyler. Mit ihnen, das war der Ansatz von Gründer Arnold Janssen, wollte er die Menschen wachrütteln für die Belange der Mission. Bei allen vier Schwestern hat der Impuls für den Ordenseintritt in irgendeiner Form etwas mit diesen Zeitschriften zu tun. Denn die Macht und Möglichkeiten, mit der Presse die Menschen zu erreichen, hatte Ordensgründer Janssen zu seiner Zeit schnell erkannt. Die „17“ gibt es heute nicht mehr, aber Ende der 70er war das Blatt stark.

Stefanie Hall hatte es damals gelesen, ebenso wie Annette Fleischhauer. Die eine hatte in Siegburg ihr Abi gemacht und stand vorm Studium, die andere war da mit ihrer Banklehre in Gütersloh bereits durch. Doch beide hatten gemerkt, dass irgendetwas in ihrem Leben fehlte. Der Kontakt zu den Steylern brachte sie auf ihrer Suche in die passsende Richtung. Stefanie Hall studierte Latein und Religion für das Lehramt, trat in den Orden ein und absolvierte nach den ersten Gelübden das Referendariat.
Nach der Ewigen Profess ging sie in die Mission nach Bolivien. Dort lernte sie Annette Fleischhauer, die ehemalige Bankkauffrau aus Gütersloh, kennen. Die wollte Krankenschwester werden und Entwicklungshelferin. Nach einem Pfingsttreffen in St. Augustin war ihr klar geworden, dass der Orden der Richtige sei. „Mich hatte der Spruch gepackt: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das Gott spricht“, sagt sie.

Während Schwester Stefanie nach vier Jahren Mitarbeit an einer Uni und Religionsunterricht zurück nach Deutschland kam und dann Religion und Latein unterrichtete, war Schwester Annette für zwölf Jahre als Krankenschwester in Bolivien. 2005 führte sie der Weg dann nach Mainz. Heute pendelt sie halbtags nach Hamburg, wo sie als Flüchtlingsberaterin arbeitet, die übrige Zeit engagiert sie sich für Migranten in Harsefeld und Umgebung. Als Schwester Stefanie 2006 nach Harsefeld ging, musste sie erst überlegen, was denn das mit Mission zu tun hatte. Aber ihr Orden hatte nach dem Jubiläumsjahr seiner Gründung vor 100 Jahren 1989 „den Anruf gehört, etwas Neues anzufangen“, berichtet die jetzige Oberin des kleinen Konvents. Mission auch in Deutschland, das war aktuell geworden.

Und so kamen die Schwestern 1990 nach Harsefeld bei Buxtehude, um das zu tun, was ihr Ordensgründer bereits beabsichtigt hatte: „Mit den Menschen in Gemeinschaft zu leben und so zu Mitgestalterinnen einer Gesellschaft zu werden, die in den Werten des Evangeliums wurzelt.“ Dass das gerade in Harsefeld nicht immer einfach war, zeigte das zwar große Interesse, aber die zugleich weitgehende Unbekanntheit von Ordensleuten dort in der Diaspora. „Sie haben sicher schon viele Orden bekommen“, hatte eine Sechstklässlerin auf die Frage von Schwester Stefanie geantwortet, ob sie wisse, was eine Ordensfrau sei.

Die Tracht hängt schon lange im Schrank

Anfangs trugen die Schwestern in Harsefeld noch Tracht, heute hängt das Habit längst im Schrank und gehört nicht mehr zur Kleidung der Steylerinnen. Ihr Brustkreuz sowie der fein gearbeitete Silberring mit der Taube als Zeichen für den Heiligen Geist zeigen Kennern, wen sie da vor sich haben.
Aufsehen erregt bis heute Schwester Petra. Mit dem großen Bollerwagen ist die Erzieherin eine Attraktion im Ort. Die aus dem Allgäu stammende Bauerntochter wollte runter vom Hof, ein Orden war für sie eine gute Option. Statt für die Franziskanerinnen ihrer Nachbarschaft entschied sie sich für die Steyler. Statt in die Mission zu gehen, blieb Schwester Petra dann jedoch in Deutschland, arbeitete lange als Erzieherin, leitete Kindergärten.

Mit 62 wechselte sie nach Harsefeld. Dort ist sie jetzt seit vier Jahren, hat die Krippenkinder in der Tagespflege. Oft nimmt sie den Bollerwagen, da passen alle hinein, und kutschiert sie durch die Stadt. Schwester Petra ist die Ruhige im Konvent, doch wenn sie von ihren Kindern erzählt, dann leuchten ihre Augen, sie wächst förmlich in die Höhe.

Da ist Schwester Theresia Maria Otten (74) schon gleichförmiger, selbst wenn sie Dinge aus ihrem Leben erzählt, die sie sich durchaus ganz anders hätte vorstellen können. „In Deutschland werden auch Schwestern gebraucht, da wird das Geld verdient für die Mission“, lautete der Satz ihrer Oberen, der für sie den Traum der Mission abschmetterte.

Zeitlebens hatte die feinsinnige Schwester mit der großen Liebe zur Musik in ordenseigenen Häusern gearbeitet. Nach der „Pensionierung“ fand sie ihren Platz in dem kleinen Konvent in Harsefeld. Dort ist sie nun seit 16 Jahren im Besuchsdienst für das DRK-Altenheim, ist im Haushalt der Schwestern präsent und spielt in der Kirche die Orgel und allerlei andere Instrumente.

So vielfältig die vier Frauen in ihrer Persönlichkeit und ihrem Berufsleben sind, so sehr sind sie doch vereint in ihrer Gemeinschaft. „Die Beziehung zu Gott zu pflegen und zu vertiefen und in seiner Kraft auch viel zu ertragen“, das ist bis heute ein starkes Motiv für die Ordensmitgliedschaft von Schwester Petra. „Wir sind keine WG, wir haben ein gemeinsames Ziel und eine gemeinsame Spiritualität“, sagt dazu Schwester Theresia Maria. „So wie Gott in sich dreieinig Gemeinschaft ist, so sind auch wir Gemeinschaft.“

Christian Schlichter