31.08.2011

Die KiZ blickt hinter die Kulissen eines Altenheimes

Freundlichkeit kostet nichts

Nur satt und sauber. Keine Zeit mehr für Zuwendung wegen ausufernder Bürokratie. Mit diesen Floskeln ist man schnell bei der Hand, wenn es um Altenpflegeheime geht. Aber wie sieht der Alltag im Pflegedienst wirklich aus?

Als ich ihr unter die Arme greife und sie mich aus großen verschreckten Augen anschaut, frage ich mich, wer von uns beiden in diesem Moment wohl aufgeregter ist: die 98-Jährige oder ich. Einen Tag lang bin ich im Caritas Seniorenstift St. Paulus in Göttingen zu Gast, um in der Pflege mitzuarbeiten. Meine erste Aufgabe: Gemeinsam mit Pflegebereichsleiterin Hannelore Abel die alte Dame aus dem Bett in den Rollstuhl zu setzen und ihr anschließend beim Frühstück zu helfen.

Wie sieht der Alltag eines Pflegedienstes aus?
Wie sieht der Alltag eines Pflegedienstes aus?

Dass das auf mich zukommen würde, hatte ich bereits im Vorgespräch erfahren und mich gefragt, ob ich genug Kraft dafür habe. Jetzt befürchte ich eher, der Bewohnerin weh zu tun – so zerbrechlich und schmal ist sie. Federleicht lässt sie sich in den Rollstuhl heben – natürlich in erster Linie wegen der gelassenen Routine von Hannelore Abel. Dann ziehe ich ihr noch die Hausschuhe an und schiebe sie an das kleine Tischchen, wo ich zuvor das Frühstück abgestellt habe: einen leichten Brei und einen gut gezuckerter Kaffee in der Schnabeltasse. „Ja, sie ist eine ganz Süße“, lächelt Abel der alten Dame aufmunternd zu.

Gefragt sind Geduld und Gelasssenheit

Dann lässt sie uns allein. 30 Bewohner und Bewohnerinnen leben in diesem Wohnbereich des Altenheims. Und alle sollen ihr Frühstück bekommen. Und nicht nur das: Waschen, Zucker messen, Medikamente geben, eincremen, Haare kämmen, aus dem Bett helfen und danach noch jeden einzelnen Handgriff dokumentieren – all das gehört zu den täglichen Aufgaben in der Pflege. „124 Handzeichen mache ich während einer Schicht“, erzählt Abel später. Die größte Herausforderung dabei: die Arbeit zügig und gründlich zu erledigen und gleichzeitig ruhig und gelassen zu bleiben.

Natürlich müsse wirtschaftlich gearbeitet werden, betont Geschäftsführer Michael Reimann. „Aber ein Wort kostet keine Zeit. Und Freundlichkeit auch nicht.“

Wie viel Geduld und Gelassenheit man in diesem Job braucht, merke ich an diesem Tag noch häufiger. Gut 15 Minuten dauert es, bis das kleine Schälchen leer ist. Dann legt die 98-Jährige seufzend den Kopf in ihre Hand – ihr Zeichen, dass sie das Sitzen nun zu sehr anstrengt. „Wir müssen uns auf jeden Bewohner einstellen“, sagt Abel. „Beim einen dauert’s morgens nur 5 Minuten, beim nächsten eben eine halbe Stunde. Und wenn ich hektisch werde, überträgt sich das sofort.“

Später beim Mittagessen mache auch ich diese Erfahrung: Die alte Dame, der ich jetzt das Essen reiche, schluckt nicht. Doch im Gegensatz zu mir bringt das niemanden aus der Ruhe. „Wenn Sie viel reden, dann schluckt sie auch.“ Also rede und rede ich – und es funktioniert. Trotzdem brauchen wir über 20 Minuten für eine kleine Portion Kartoffelbrei.

Danach geht’s erst mal ins Büro zum „Blitzlicht“, der täglichen Kurzkonferenz zwischen Geschäftsführung, Pflegedienstleitung und Pflegebereichsleitung. Befinden der Patienten, Technisches und Organisatorisches – all das wird Punkt für Punkt konzentriert behandelt. Mehr als 15 Minuten Zeit sind nicht eingeplant. Auch das Thema Kosten steht heute wieder auf dem Programm, es gibt neue Auflagen der Krankenkassen für die Verteilung von Medikamenten. „Um das umzusetzen, müssten wir eigentlich Pharmazeuten sein“, sagt Pflegedienstleiterin Eva-Maria Güthoff. Mit Pflege hätten diese Vorgaben nichts mehr zu tun.

Zeit ist Luxus, ein freundliches Wort nicht

„Geduld und Fingerspitzengefühl sind die Dinge, die Sie hier am meisten brauchen“, meint Pflegekraft Sigrid Brückmann, die ich später bei der Pflege der Schwerstkranken begleite. Hier kann ich nicht viel tun, zu speziell sind die Anforderungen – etwa die Flüssigkeitszufuhr der Bewohner zu kontrollieren, die künstlich ernährt werden.

Da fühle ich mich in der Betreuungsgruppe für Demenzkranke deutlich wohler. Gemeinsam mit Betreuerin Petra Engelbrecht singe ich mit sechs Bewohnerinnen und Bewohnern. Dann spielen wir noch eine Runde Ball am großen Tisch, um die Koordination zu fördern. Und zum Abschluss versucht Engelbrecht im lockeren Gespräch, verschüttete Erinnerungen wachzurufen. Den Anlass dafür hat sie in der Tageszeitung gefunden: Jim Knopf aus der Augsburger Puppenkiste wird 50.

Überhaupt finden sich im Paulusstift in vielen Ecken Dinge, die die alten Menschen an früher erinnern sollen, altes Küchengeschirr beispielsweise. „Die Zahl der Demenzkranken hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen“, erzählt Pflegekraft Regina Rudolph in einer kurzen Kaffeepause. „Früher habe ich noch mit so manchem Bewohner Schach gespielt. Heute geht das nicht mehr.“

Danach eilt sie zum nächsten Bewohner – und ich darf mir einen Luxus gönnen, den die Pflegekräfte nicht haben: Eine halbe Stunde lang plaudere ich mit einer 86-jährigen Dame, die vor ein paar Wochen mitsamt ihrer Möbel ins Paulusstift gezogen ist. Ein bisschen „tüddelig“ sei sie in der letzten Zeit geworden, deshalb wohnt sie nun hier. Den Kopf hängen lässt sie deshalb aber noch lange nicht: „Man muss reden und sich Freunde anschaffen, das hält lebendig. Auch im Altenheim.“

 

Stefanie Behnke

 

   

Weiterführende Links:

Caritas Seniorenstift St. Paulus