30.08.2017

Seit 1975 wird in Lamspringe mit einer Wallfahrt an Oliver Plunkett erinnert.

Ganz im Vertrauen ...

Der heilige Oliver Plunkett: Sein Wirken galt dem Frieden, sein Martyrium war brutal, die Erinnerung an ihn fast ausgelöscht. Und doch ist er heute der Patron für Versöhnung in Irland. Tommy Burns ist davon überzeugt.

Das Ziel der Wallfahrt: Die Pilger aus dem irischen Drogheda
vor dem erhobenen Schrein des heiligen Oliver
Plunkett in der Klosterkirche Lamspringe. | Fotos: Wala

Der Glaube versetzt Berge. Das Gebet versöhnt Feinde. Und ein Heiliger kann die Hand über ein Leben halten: „Ja, davon bin ich überzeugt“, sagt Tommy Burns – und lächelt.

Der hagere Ire mit einer überraschend  sanften, aber festen Stimme ist 66 Jahre alt. Er hat als Elektrotechniker gearbeitet, jetzt ist er Rentner – und auf Pilgerreise. Mit 23 anderen Wallfahrern aus seiner Heimatstadt Drogheda steht er nun zusammen mit dem Erzbischof von Armagh, Eamon Martin, vor dem Schrein des heiligen Oliver Plunkett in Lamspringe: „Das Ziel unserer Wallfahrt“, sagt er. Wieder sanft und fest. Mit einem Lächeln.

Seit 1975, dem Jahr der Heiligsprechung, wird in Lam­springe mit einer Wallfahrt an Oliver Plunkett erinnert. 1625 im irischen Loughcrew geboren, wirkte Plunkett von 1669 an als Erzbischof von Armagh – in einer Zeit, als die Katholiken auf der irischen Insel nach der Abspaltung der englischen Kirche unter schwerer Verfolgung standen.  Er gründete Schulen und verließ Irland auch nicht, als sich die antikatholischen Gesetze wieder verschärften.

Schauprozess und Hinrichtung

„St. Oliver hat stets für Frieden und Versöhnung gepredigt“, sagt Burns. 1679 wurde er in England wegen Hochverrats angeklagt, in einem Schauprozess verurteilt und zwei Jahre später grausam hingerichtet. Der Benediktinermönch Maurus Corker brachte seinen Leichnam 1663 ins Klos­ter Lamspringe. Dort hatten einige englische Benediktiner eine neue Heimat gefunden. Fast 200 Jahre ruhten seine Gebeine in Lam­springe. Einige Reliquien befinden sich bis heute in der Grabnische der Krypta von Lam­springe, der Großteil wurde 1883 nach England und Irland zurückgebracht.

„Wissen Sie, St. Oliver war in Irland fast vergessen“, erzählt Burns. Nur durch Orte wie Lam­springe wurde die Erinnerung an Irlands letzten Märtyrer hochgehalten: „Dafür sind wir sehr dankbar.“ In seiner Heimatkirche, in St. Peter in Drogheda, ist der Nationale Schrein für Oliver Plunkett beheimatet – mit dem Kopf des Heiligen. „Es gab in der Vergangenheit immer mal mehr, mal weniger feste Verbindungen zwischen Lamspringe und Drogheda“, erzählt Burns. Wieder aufgelebt sei der Kontakt durch den Weltjugendtag 2005 in Köln. Auf dem Weg dahin haben Jugendliche aus Drogheda Station in Lamspringe gemacht: Für Burns ein „Geschenk“ – und der Anlass wieder regelmäßige Wallfahrten von der irischen Insel zu organisieren.

Die Verbindung mit dem Heiligen zieht sich durch das Leben von Burns. Er ist in St. Peter getauft und gefirmt: „Ich konnte mir gar keinen anderen Namen als Oliver aussuchen.“ Ohnehin hat er das Gefühl, dass der Heilige sein Leben lang seine Hand über ihn gehalten hat. Auch zur Ermutigung.
 

Vor drei Jahren hat Tommy Burns ein Buch über
Oliver Plunkett geschrieben. Titel: „Journey to
Sainthood“ – Reise zur Heiligkeit
 

Denn Burns brauchte durchaus Mut und Zuversicht, als er 1997 eine irlandweite Gebetskampagne startete. Deren Titel: „St. Oliver Plunkett for Peace and Reconciliation“ – für Frieden und Versöhnung. Denn in diesem Jahr zeichneten sich erste Schritte ab, dass der seit 1969 in Nordirland tobende Konflikt zwischen unionistischen Protestanten und überwiegend irisch-nationalistischen Katholiken überwunden werden kann.

Jahr für Jahr schreiben Burns und seine Mitstreiter für Frieden alle katholischen Pfarreien an – in der Republik Irland wie im zu Großbritannien gehörenden Nord-Irland. Sie bitten um ein Gebet für den Frieden auf der Insel, um das Feiern von heiligen Messen unter dem Patronat von St. Oliver.

Briefe und Telefonate, Gebete und Reliquien

Auch ein kleiner Schrein mit einer Knochenreliquie des Heiligen wandert durch alle irischen Diözesen. Droht der Friedensprozess zwischen den verfeindeten Parteien abzubrechen, greifen die Mitglieder des Komitees auch zum Telefon – und rufen in allen Pfarreien an, weiter ohne Unterlass zu beten.  „Uns haben viele Priester berichtet, dass die Gebete und Gottesdienste die tiefen Wunden im irischen Volk mit geheilt haben.“ Über 3500 Menschen sind in fast 30 Jahren Bürgerkrieg zwischen paramilitärischen Verbänden getötet worden – durch Schießereien auf offener Straße und Bombenattentate. Die Hälfte der Opfer gehörten keiner der Gruppen an, waren Zivilisten.

Burns ist überzeugt, dass es auch der Fürsprache des Heiligen zu verdanken ist, dass bis heute der Großteil der Paramilitärs den Verzicht auf Gewalt erklärt hat. Es war der 1. Juli 1998, als zum ersten Mal Vertreter der protes­tantischen und der katholischen Seite an einem Tisch saßen. Dieser Tag ist auch der Gedenktag von St. Oliver: „Wir glauben, das war ein Zeichen des Himmels.“ Aber Frieden und Vertrauen sind noch brüchig in Nordirland. Deshalb setzt Burns weiter auf die Fürsprache von St. Oliver.

Auch, wenn es um Versöhnung innerhalb der katholischen Kirche Irlands geht. Jahrzehntelang  hat die Kirchenleitung den Missbrauch und die Misshandlung von Kindern und Jugendlichen durch Priester und Frauenorden vertuscht und verheimlicht. „Wir brauchen in dieser Zeit lückenlose Aufklärung, aber auch Ermutigung für uns Katholiken“, sagt Burns.  Mit sanfter, fester Stimme. Im Vertrauen auf St. Oliver.

Rüdiger Wala

 

Drogheda
Knapp über 30 000 Einwohner zählt die Stadt Drogheda: 50 Kilometer in nördlicher Richtung von der Hauptstadt Dublin gelegen – und knapp 30 Kilometer von der Grenze zu Nord-Irland. Zu Lebzeiten des heiligen Oliver Plunkett war Drogheda Schauplatz eines Massakers. 1649 überrannten Truppen des britischen Lordprotektors Oliver Cromwell die Stadt und töteten 3500 Menschen. In der 1884 errichteten Kirche St. Peter befindet sich heute der Nationale Schrein für Oliver Plunkett.