23.11.2017

Bilder in sozialen Netzwerken

Gefährliche Kinderfotos

Viele Eltern und Großeltern verbreiten Kinderfotos in sozialen Netzwerken. Sie nutzen sie etwa als Profilbild auf Whatsapp. Ein Kriminologe warnt davor. Er erklärt, jedes Bild könne einem Täter Informationen liefern.


Foto: istockphoto
Sind wir nicht süß? Eltern machen gern Fotos, auf denen auch ihre Kinder sind.  Sie sollten gut überlegen, wo sie diese Fotos verbreiten. Foto: istockphoto


Thomas-Gabriel Rüdiger fragt sich oft, was Eltern oder Großeltern wollen, die Fotos von ihren Kindern im Internet hochladen. Seine Antwort: „Man möchte, dass jemand kommt und sagt: Hey, wie toll ist dein Kind! Oder: Dein Enkelkind ist total super!“ Rüdiger kann diesen Wunsch nach Anerkennung verstehen, aber er mahnt, jeder solle auch die Auswirkungen bedenken, die diese Freizügigkeit hat: „Wenn man Fotos von einem Kind im Netz hochlädt, ist das so, als wenn man sein Kind mit der Polaroidkamera fotografiert und jedem, der vorbeikommt, ein Foto von dem Kind in die Hand drückt.“

Der Cyberkriminologe Rüdiger weiß, dass Kinderfotos leicht in falsche Hände geraten können. Lädt jemand ein Foto seines Kindes als Profilbild bei Whatsapp oder Facebook oder als Statusmeldung bei Whatsapp hoch, kann jeder seiner Kontakte dieses Bild sehen, speichern und weiterverbreiten. Was mit einem Foto passiert, das einmal im Netz ist, lässt sich nicht kontrollieren. Aber viele Menschen unterschätzen oder ignorieren diese Gefahr, und sie haben mit der massenhaften Verbreitung von Smartphones offenbar das Gespür dafür verloren, dass nicht jeder alles sehen soll. „Wem sollte man so ein Bild zeigen?“, fragt Rüdiger. „Nur denen, denen man auch sein Kind anvertraut. Dem engsten Familienkreis, vielleicht noch engen Freunden. Ich glaube, das ist vielen gar nicht mehr bewusst.“


Das Recht am eigenen Bild ist ein hohes Gut – natürlich auch für Kinder

Foto: privat
Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger
Foto: privat

Um das Bewusstsein von Eltern und Großeltern zu schärfen, hat das Deutsche Kinderhilfswerk jetzt eine Kampagne zu Persönlichkeitsrechten von Kindern im Internet gestartet. Thomas Krüger, der Präsident des Kinderhilfswerks, sagt, das Posten von Kinderfotos ohne deren Zustimmung sei aus kinderrechtlicher Sicht in vielerlei Hinsicht bedenklich; es verletze die Privatsphäre der Kinder. Der erfahrene Cyberkriminologe Rüdiger betont: „Das Recht am eigenen Bild ist ein hohes Gut.“ Selbstverständlich gilt das auch für Kinder.

Dieses Recht aber wird oft missachtet, und so wächst das Problem. „Wenn man überall Kinderbilder sieht, dann kann die Hemmschwelle sinken, selbst entsprechende Bilder zu posten“, sagt Rüdiger. Was an diesen öffentlichen Bildern so gefährlich ist? Jedes Bild könne Informationen enthalten, „die die Kinder verletzlich machen“, erklärt der Cyberkriminologe. „Jede einzelne Information auf dem Bild kann für einen Täter wichtig sein.“

Deshalb sei es besser, Kinder auf so öffentlichen Bildern nur von hinten zu zeigen. Aber selbst solche Bilder könnten Kinder für Täter identifizierbar machen – weil sie die Größe des Kindes zeigen, die Haarfarbe, die Kleidung. Und weil sie dazu vielleicht einen Hinweis auf den Kindergarten oder die Schule geben, in die das Kind geht. „Nacktbilder, Badebilder oder Bikinibilder müssen natürlich sowieso tabu sein“, betont Rüdiger. Auch Bilder vom Tanzen oder Sport, auf denen die Kinder Trikots oder Kostüme tragen, könnten problematisch sein.


Die Eltern bekommen ein Problem mit ihrer Glaubwürdigkeit

Unproblematisch sei dagegen, wenn Menschen bei Whatsapp in einer Familiengruppe Bilder austauschen, sagt Rüdiger. Zwar gebe man durch das Hochladen die Bildrechte an Whatsapp ab. Er kenne aber keinen einzigen Fall, in dem Whatsapp solch ein Bild weiterverwendet hat: „Die haben doch für ihre Werbezwecke professionelle Fotografien.“

Erwachsene sollten also genau überlegen, wie sie mit Kinderfotos umgehen – und wie nicht. Das ist übrigens auch wichtig, damit sie mit ihrer Erziehung Erfolg haben. „Wenn Eltern übermäßig Fotos ihrer Kinder im Internet posten, wie wollen sie dann später glaubwürdig mit ihnen über Mediennutzung sprechen?“, fragt Rüdiger. Er vermutet: „Sie bekommen doch dann ein Glaubwürdigkeitsproblem.“

Von Andreas Lesch