15.08.2012

Ein Tag im Orden - die Redemptoristen

Gemeindemission ist kaum gefragt

Viele Jahre waren die Redemptoristen in Deutschland für ihre Gemeindemissionen bekannt. Daran besteht heute kaum noch Interesse – auch nicht in moderner, frischer Form. „Schade“, finden die sechs Ordensleute, die im Klos­ter Steterburg in Salzgitter ihren Stützpunkt haben. Denn über den eigenen Glauben nachzudenken ist für sie in der Regel wichtiger als Strukturdebatten zu führen.

Über das passgenaue Kennzeichen freut sich Pater Aperdannier (links). SZ-NF 112 bedeutet, er ist der Notfallseelsorger des Kreises. Pater Freisleben (Mitte) hat hingegen SZ-PX 88 an seinem Auto, das steht für das Chris­tusmonogramm Chi Rho sowie für sein Eintrittsjahr in den Orden. Pater Paulus (rechts) hat mit solchen Spielereien wenig am Hut, er ist mit seinem Wagen einfach nur viel unterwegs zu Pfarrvertretungen. Foto: Christian Schlichter
Über das passgenaue Kennzeichen freut sich Pater Aperdannier (links). SZ-NF 112 bedeutet, er ist der Notfallseelsorger des Kreises. Pater Freisleben (Mitte) hat hingegen SZ-PX 88 an seinem Auto, das steht für das Chris­tusmonogramm Chi Rho sowie für sein Eintrittsjahr in den Orden. Pater Paulus (rechts) hat mit solchen Spielereien wenig am Hut, er ist mit seinem Wagen einfach nur viel unterwegs zu Pfarrvertretungen. Foto: Christian Schlichter

Autokennzeichen sagen manchmal eine Menge aus. Initialien, Geburtsjahr, Kaufjahr des Autos oder persönliche Glückszahl finden sich da. Normalerweise. Bei Theo Aperdannier ist das anders. Das Kennzeichen an seinem feuerroten Fabia verrät viel über seine besondere Passion. „SZ-NF 112“ lautet es. Ja und? Aperdannier ist stolz drauf, denn genau dieses Kürzel ist bundesweit das Erkennungszeichen für Notfallseelsorger (NF) bei der Feuerwehr (112).

Für den Kreis Salzgitter (SZ) ist er der Chef der Notfallseelsorge. Den Meldeempfänger trägt er immer bei sich. Wenn er gerufen wird, flitzt er dahin wo er gebraucht wird. Immer. Außer, er ist gerade im Gottesdienst bei der Wandlung. Doch das ist noch nie vorgekommen. Höchstens mal beim Dankgebet, erinnert er sich. Da verabschiedete er sich schnell mit dem Segen aus der Kirche und weg war er.

„Hier bin ich zu Hause“

Wenn Mitbruder Pater Paulus überlegt, was für ihn das Kloster bedeutet, dann braucht er nicht lange nachzudenken. „Hier bin ich zu Hause, mit allen Facetten. Geografisch ebenso wie in meinen Beziehungen“, beschreibt er. Familie sei mehr, Wohngemeinschaft zu wenig. Lebensgemeinschaft, das treffe es. Mit fünf anderen Redemptoristen lebt Ernst Willi Paulus, der 1950 im Saarland geboren wurde und zunächst Beamter im gehobenen Dienst war, im Klos­ter Steterburg bei Salzgitter. Mit Ende 30 erst hat er den Weg ins Noviziat gefunden, spät also auch Theologie studiert, 1998 dann die Priesterweihe. „Es war leer geworden in meinem Beruf“, erinnert er sich an die Karrierechancen, die er ausschlug. Leiter des Hauptamtes sollte er werden. Als zwei Redemptoristenpatres zur Mission in die Gemeinde kamen, war das sein Impuls.

Geprägt durch Missionsreisen

Eine Berufung, die sein Mitbruder Theo Aperdannier viel früher fühlte. Der gebürtige Klever war bereits als Jugendlicher bei den Patres in Bonn im Internat, ging dann auf die Ordenshochschule nach Hennef, 1977 dann die Pries­terweihe. Die Arbeit in Gemeinden vom Münsterland bis zum Saarland, die Touren zur Mission durch Pfarreien in ganz Deutschland, das hat ihn geprägt.

Mit Pater Paulus war er auch im Bistum Hildesheim auf Missionsreise. Doch das Angebot zur Glaubensauffrischung durch eine Gemeindemission wolle heute kaum noch jemand annehmen. „Die Gemeinden sind so mit den Veränderungsprozessen beschäftigt, dass ihre Kapazitäten nicht für inhaltliche Themen reichen“, bedauert Pater Paulus. „Mein Traum ist es, mich zwei Jahre lang mit einem Veränderungsberater zusammenzusetzen und gemeinsam zu erarbeiten, wie sich die Zukunft von Gemeinden gestalten lässt“, sagt er. „Große Firmen wissen, dass man in Krisenzeiten Ziele formulieren muss“, sagt auch Paulus und bedauert, dass die Kirche in diesem Punkt methodisch zurück sei.

Dass der Orden so viele Jahre in Deutschland für die Missionen bekannt war, kommt nicht von ungefähr. Gründer Alfons von Liguori hatte die Seelsorge an den Armen und Vernachlässigten immer im Blick. Gemeindeseelsorge an Orten, wo es sonst keine Priester gab – das waren die Aufgaben der ers­ten Patres. Wer Vergleiche zieht, der merkt, dass das heute vielfach wieder so ist. Die sechs Patres in Steterburg kommen alle aus der außerordentlichen, der kategorialen Seelsorge. Pater Paulus zum Beispiel betreut unter anderem die 1500 Mitglieder der KAB. Pater Aperdannier ist neben der Notfallseelsorge auch Begleiter der 1700 Mitglieder der Caritas-Konferenzen. Superior Clemens Freisleben betreut neben seiner Aufgabe als geistlicher Begleiter für die katholischen Kindergärten der Region die Studenten der Theologie im Fernkurs.

„Viele kommen und sagen, sie finden in den Pfarreien keine Basis mehr für theologische Diskussionen“, berichtet er von seinen Studenten. Freisleben gestaltet für sie Lehrbriefe und Präsenzseminare. Der Pater stammt aus der DDR, studierte nach seiner Ausbildung zum Elektromechaniker Theologie in Erfurt und trat 1988, mit 21 Jahren, in den Orden ein. Als gewählter Oberer des Klosters ist er zudem für die ganze Verwaltung zuständig.

Der Alltag einer Pfarrei ist immer wieder Thema

Die Tür steht Besuchern immer offen: Das Redemptoristenkloster Steterburg liegt passgenau im Klos­terweg der kleinen Ortschaft im Stadtteil Thiede. Foto: Christian Schlichter
Die Tür steht Besuchern immer offen: Das Redemptoristenkloster Steterburg liegt passgenau im Klos­terweg der kleinen Ortschaft im Stadtteil Thiede. Foto: Christian Schlichter

Die Patres leben von den Gestellungsgeldern des Bistums für ihre Dienste sowie wenigen Spenden. Von den Einnahmen führen sie eine feste Abgabe an den Orden ab, mit dem Rest wirtschaften sie und unterhalten das ordenseigene Kloster. Die Pfarrkirche St. Bernward nebenan gehört dem Bistum, an ihr haben die Redemptoristen jedoch die Seelsorge übernommen. Das hat Pater Engelbert Mencher (64) gebürtig aus dem Hunsrück, in der Hand. Er bringt quasi immer wieder den normalen Alltag einer Pfarrei in die Gespräche der Patres mit ein. Pater Bernd Finke (Jahrgang 1957) ist Krankenhausseelsorger in Salzgitter und betreut die „Grünen Damen“ im Bistum. Der Sechste im Bunde ist Pater Karl-Heinz Ditzer. Mit seinen 77 Jahren ist er längst pensioniert als ehemaliger Dozent für Psychologie an der Fachschule für Gemeindereferenten.

Eine bunte Mischung ist die Gemeinschaft in Kloster Steterburg. „Jeder Tag ist anders“, sagt Pater Paulus. „Natürlich gibt es auch Streit, das ist normal“, berichtet Pater Aperdannier über diesen Alltag. „Aber wir raufen uns zusammen und gehen dann weiter unseren Weg.“ „Manches muss man ertragen, manches lässt sich gut ertragen, bei anderem muss man einschreiten“, schildert der Superior Freisleben mit weiser Zurückhaltung.

Wie es wäre, Bistumspriester zu sein? „Manchmal denke ich: wie schön wäre ein eigenes Pfarrhaus und die Beheimatung in einer Pfarrei“, sagt Pater Freisleben. Seinen Entschluss für das Ordensleben hat er dennoch nicht bereut.

Autokennzeichen verraten manchmal auch etwas über den Beruf. Bei Superior Clemens Freisleben sind sie Ausdruck seiner Berufung. Denn er hat mit der Nummer SZ-PX 88 das Christusmonogramm und sein Eintrittsjahr in den Orden auf dem Nummernschild. Dass er überzeugter Redemptorist ist, will er nicht verstecken. Dass das schon am Auto zu erkennen ist, ist allerdings eher etwas für Eingeweihte.

Von Christian Schlichter

 

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