17.09.2015

Gespräch mit Bischof Norbert Trelle über das Schicksal von Flüchtlingen und die Hilfen aus dem Bistum

Gemeinsam ist vieles möglich

Bischof Norbert Trelle hat das Malteser-Notaufnahmelager in Celle-Scheuen besucht und sich ein eigenes Bild von der dortigen Lage gemacht. Die niedersächsischen Bischöfe hatten zuvor bereits die Politiker zu einem ernsthaften gemeinsamen Bemühen um Lösungen für die aktuellen Herausforderungen aufgerufen. Ein Gespräch mit Bischof Norbert Trelle über Flüchtlinge und die Hilfen der Gemeinden. 

Eine große Hilfsbereitschaft erfahren Flüchtlinge durch Gemeinden und Einrichtungen der Kirche, wie im ökumenischen Projekt Neuland in Garbsen. Für dieses Engagement ist Bischof Norbert Trelle sehr dankbar. Foto: Neuland

Wie stellt sich Ihnen die Situation der vielen Flüchtlinge in unserem Land derzeit dar?

Deutschland steht mit den großen Zahlen von Flüchtlingen vor besonderen Herausforderungen. Menschen kommen zu uns mit schrecklichen Erfahrungen und der Hoffnung, dass die Flucht ihnen eine Zukunft ermöglicht. Unvorstellbare Bilder haben uns in den letzten Wochen erreicht. Man muss all denen dankbar sein, die sich in der Situation nicht beirren lassen, sondern beherzt zupacken. Ich freue mich, dass Politiker und viele gesellschaftliche Verantwortungsträger die Botschaft stark machen, dass wir diese Aufgaben meistern werden. Wir haben nicht zuletzt deswegen eine konstruktive Stimmung und viel Bereitschaft zum Engagement in unserem Land. Das müssen wir stark halten. Nicht zuletzt gibt Deutschland hier international ein wichtiges positives Signal.

Und in unserem Bistum?

Ich erlebe in diesen Tagen viel beeindruckendes Engagement in unseren kirchlichen Organisationen und in unseren Kirchengemeinden:  Egal, ob ich nach Friedland sehe, wo das Grenzdurchgangslager mit mehr als 3000 Menschen belegt ist und wo die Caritas Enormes leistet, oder nach Celle, wo die Malteser ein Zeltlager für 500 Menschen aufgebaut haben. Die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe kümmern sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und die Migrationsdienste und Flüchtlingssozialarbeiter helfen nicht nur vielen Flüchtlingen sehr konkret, sondern unterstützen auch viele ehrenamtliche Initiativen in den Gemeinden.

Das klingt wirklich beeindruckend…

Ja, die Herausforderungen durch die Flüchtlinge haben in unserer Gesellschaft und ganz besonders in unseren Kirchengemeinden ein großes zivilgesellschaftliches und ehrenamtliches Engagement wachgerufen, wie wir das lange nicht erlebt haben. An vielen Stellen arbeiten die Engagierten aus unseren Gemeinden mit Christen aus anderen christlichen Kirchen zusammen. In vielen Bereichen sind sie beteiligt an örtlichen runden Tischen und lokalen Initiativen. Ich bin den hauptberuflichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern sehr dankbar. Sie geben damit ein Zeugnis für eine lebendige Kirche, die sich nicht um sich selber dreht, sondern um diejenigen, denen sich Jesus besonders zugewandt hat: die Fremden, die Kleinen, die Belasteten.

Neben dieser großartigen Hilfsbereitschaft gibt es aber auch Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen. Viele Menschen, durchaus  auch in christlichen Gemeinden, sind skeptisch und sagen: „Wir können nicht alle aufnehmen …“ Was entgegnen Sie?

Ja, es gibt skeptische Stimmen und ich kann verstehen, wa­rum sich Menschen Sorgen machen.  Aber wir können hier in Deutschland, wir können als Christen nicht die Augen vor dem Elend in der Welt verschließen. Einwanderung muss als Chance begriffen werden – für die Gesellschaft, aber auch für uns als Kirche. Abschottung ist keine Lösung. Das bedeutet aber auch, dass Aufnahme von Flüchtlingen nicht zur finanziellen und organisatorischen Überforderung für strukturschwache Kommunen wird. Dafür muss politisch Sorge getragen werden.

Bischof Norbert Trelle hat sich im Malteser-Notaufnahmelager Celle-Scheuen bei Flüchtlingen über deren Situation informiert.  Foto: Malteser

Es gibt sogar Initiativen, die das christliche Abendland gegen Flüchtlinge verteidigen wollen.  Sind „Fremde“ eine Bedrohung?

Das beste Zeichen gegen eine solche irrationale Feindseligkeit gegenüber Flüchtlingen wurde in den vergangenen Tagen und Wochen gesetzt: Menschen kommen spontan in Bahnhöfe, bringen Kleidung und Lebensmittel mit, applaudieren ankommenden Flüchtlingen. Darin liegt unsere christliche Verantwortung: Fremde beherbergen ist ein Werk der Barmherzigkeit. Für die Bibel sind die Berichte über Flucht, Vertreibung und Rettung von zentraler Bedeutung. Das ist die Wurzel unserer christlichen Ethik des Teilens und der Solidarität – und nicht die Angst gegenüber denen, die zu uns kommen.

Das Bistum hat mit der Caritas einen Nothilfefonds in Höhe von 800 000 Euro aufgelegt. Was passiert mit dem Geld?

Ein Schwerpunkt ist die personelle Aufstockung der Flüchtlingssozialarbeit der Caritasverbände. Diese kümmern sich offensiv um die Begleitung von Ehrenamtlichen, um die Verbesserung der Rahmenbedingungen und um die Organisation der Akteure vor Ort. Sie leisten von daher einen wichtigen Dienst. Ein zweites Feld ist die Einzelfallhilfe. Hier geht es uns ganz  besonders um die Familienzusammenführungen. Oft ein Thema mit vielen Hürden und Hindernissen. Und das dritte Feld sind Kleinprojekte bis zu 5000 Euro. Viele und vielfältige Projekte gibt es hier: Sprachkurse, Begegnungscafés, Begleitung bei Behördengängen und Hilfe beim Einleben in den Alltag in Deutschland.
Besonders gefreut haben mich Projekte, bei denen jugendliche Flüchtlinge und Jugendliche aus Deutschland miteinander Fahrräder gesammelt und repariert haben. Das führt zu guten Begegnungen und verbessert die Mobilität der jungen Flüchtlinge.

Die Möglichkeiten und auch die Finanzen des Fonds sind ja endlich. Reicht das denn aus?

Wir werden die Arbeit des Nothilfefonds weiter unterstützen und die Entwicklungen gut beobachten. Wir wissen, dass das Geld unter Umständen nicht reichen wird. Aber zum Glück sind wir nicht allein. Gerade hat das Land 5 Millionen Euro für die Flüchtlingssozialarbeit und 1 Million  Euro für die Förderung des Ehrenamtes zur Verfügung gestellt.  Das ist ein wichtiger und anerkennenswerter Schritt. Wir brauchen aber auch Spender, die gerade an dieser Stelle ihre Aufgabe sehen.

Ein großes Problem ist der Wohnraum für Flüchtlinge. An leer stehenden Immobilien mangelt es im Bistum nicht…

Das Thema Wohnraum ist in der Tat sehr wichtig. Einige Pfarreien und kirchliche Einrichtungen sind hier schon tätig geworden. Allerdings kann man am Thema Wohnraum auch deutlich machen, wie unterschiedlich die Situationen vor Ort sind: Wir haben sehr schwierige Situationen in den Großstädten, die kaum noch Unterbringungsmöglichkeiten haben, und wir haben ländliche Räume, in denen das kein Thema ist.
Unser Engagement im Bereich der Flüchtlingsarbeit ist sehr dezentral aufgestellt. Die Kirchengemeinden, die Caritas vor Ort, die Einrichtungen – das sind die wichtigen Akteure. Von Seiten des Bistums versuchen wir zu ermutigen, zu  beraten und zu unterstützen, wo immer wir das können. Ich bitte alle Verantwortlichen vor Ort zu prüfen, ob die kirchlichen Gebäude, zum Beispiel profanierte Kirchen, als Winterquartiere für Flüchtlinge hergerichtet werden können. Als Bistum werden wir jede Unterstützung, die uns möglich ist, leisten.

Haben Sie eine abschließende Botschaft für die Engagierten in unserem Bistum?

Ich will meinen Dank wiederholen für alle, die sich in diesem Feld engagieren. Im Moment gibt es wohl kaum ein Feld, an dem das, was Kirche ist, so deutlich wird wie an der Gastfreundschaft für die Fremden. Ich wünsche Ihnen einen langen Atem. Lassen Sie sich nicht zu schnell irritieren. Und ich ermutige Sie: Sprechen Sie andere Menschen an, sich mit ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten einzubringen. So wird uns gemeinsam vieles möglich sein.