Eine Hildesheimer Punkfamilie mit Hund

Gesucht: Vier Wände mit Hund

Das Buch ist ein Bestseller, der Film läuft gerade in den Kinos: Bob, der Streuner. Es ist die rührende Geschichte eines Obdachlosen und eines Katers. Nicht weit von der Wirklichkeit entfernt. Eine Begegnung.

Eine Hildesheimer Punkfamilie

Eine Hildesheimer Punkerfamilie mit Hund: Kralle, Fiedel und Cherry haben sich gefunden.
Foto: Rüdiger Wala

Cherry ist 36, die Seitenhaare sind kurzgeschoren und lang auf dem Scheitel. Und blau. Ein Punk. Cherry ist sein Straßenname: „So nennen mich alle, ich reagiere auf nichts anderes mehr.“ Wir treffen ihn an der Vinzenzpforte. In unmittelbarer Nähe des Hildesheimer Mutterhauses der Vinzenttinerinnen holt er sich regelmäßig sein warmes Essen.

 

„Für Fiedel tue ich alles“

Immer an seiner Seite: Fiedel, ein Jack Russell Terrier. Klein, drahtig, aufgeweckt, freundlich. Und gepflegt: „Für Fiedel tue ich alles.“ Gutes Futter, mal geschenkt, mal gekauft, ist selbstverständlich. Wie regelmäßige Besuche beim Tierarzt: „Wer einen Hund hat, übernimmt Verantwortung. So ein Tier ist doch kein Ausstellungsstück oder Statussymbol.“

Es ist die Musik, die Cherry zum Punk bringt. „Das war so was wie eine Flucht in eine andere Welt.“ Rückblick: Die Familie in der sich auflösenden DDR ist brüchig, in der Schule ist Cherry meist das Opfer. Mit 13 Jahren wird Musik zum Halt – wie das andere Aussehen. Drei Ausbildungen, unter anderem als Maurer und Maler – abgebrochen. Irgendwann Leben auf der Straße, Alkohol, Gewalt, irgendwann rüber nach Niedersachsen. Und seit wenigen Monaten ist da auch Kralle.

Wieder ein Straßenname. „Habe ich mir verdient“, sagt die 18-Jährige. Fingernägel, scharf zugefeilt. „Habe ich mal gebraucht“, erzählt sie. Jetzt nicht mehr, schließlich gibt es jetzt Cherry und Fiedel. „Meine Familie“, meint Kralle – und meint es ernst.

Kralles Geschichte ist ähnlich wie die von Cherry, nur zwei Jahrzehnte jünger und in Deutschland-West. Sie wächst bei ihrer Großmutter auf, der Vater weg, die Mutter verstorben: „Meine Omi liebe ich echt, wir telefonieren auch noch viel miteinander.“ Zeitweilig lebt sie bei ihrer Halbschwester, die fast doppelt so alt ist wie Kralle. Es geht schief. Und Schule: „Da wurde ich viel gemobbt.“ Wer angeschlagen ist, wird gerne von anderen als Blitzableiter benutzt. Punkmusik wird Zuflucht. Irgendwann fallen die Haare auf der einen Seite und die auf der anderen werden rot, mal auch zum Irokesen aufgetürmt.

Hunde haben im Leben von Kralle immer eine große Rolle gespielt. Neben Oma und Punk der große Halt. Von allen ‚ihren‘ Hunden hat sie Fotos auf dem Mobiltelefon. Sie zeigt sie gern und zu jedem Tier gibt es mindestens drei Geschichten zu erzählen.

 

Den Tieren ist das Aussehen egal

Und jetzt Fiedel. Der Terrier hat sich gerade auf ihrem Schoß, auf ihren zerrissenen Jeans eingekuschelt. Es ist Liebe. Gegenseitig: „Das ist doch das Tolle an Tieren. Denen ist es egal, wie du aussiehst. Für sie ist wichtig, dass man ihnen Liebe schenkt. Das geben sie vielfach zurück.“ Kralle streichelt Fiedel. Intensiv und dauerhaft. Wäre er Bob, der Kater, würde er schnurren.

Für viele, die auf der Straße leben, ist der Hund der beste Freund. „Manchmal auch der einzige“, sagt Cherry. Etwas, wofür sich weiterzumachen lohnt. Mehr als einmal hat er erlebt, dass Bekannte für ihren Hund den letzten Euro hergegeben haben. „Ja, das sagt sich so leicht: Wenn ihr kein Geld habt, dann gebt doch wenigstens den Hund weg“, meint Cherry. Er hat das auch schon von Passanten gehört, wenn er nach etwas Geld gefragt hat. Verständnis hat er dafür nicht: „Man gibt doch auch seine Kinder nicht weg.“

Die drei haben zurzeit keine eigene Wohnung, schlafen bei Freunden und Bekannten, essen in Suppenküchen und Armenpforten. Für Fiedel fällt da immer etwas ab. „Das liegt auch daran, dass wir uns gut um den Hund kümmern“, sagt Kralle.

Vier Wände zur Miete – das wäre der größte Wunsch. Aber nur mit Fiedel. Kralle würde gerne mit ihrer Ausbildung weitermachen. Angefangen hat sie als Medientechnologin im Siebdruck: „Soll doch keiner sagen, wir können nichts, nur weil wir anders aussehen.“

Von Rüdiger Wala