18.07.2017

Aufklärung der Übergriffe bei den Regensburger Domspatzen

Gewalt, Angst, Hilflosigkeit

Die Aufklärung der Übergriffe ist beendet: 547 Domspatzen wurde seit 1945 Gewalt angetan. Eltern und Behörden tragen eine Mitverantwortung.


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Die Aufklärung der Übergriffe bei den Regensburger Domspatzen ist beendet. Foto: kna


Der Regensburger Sonderermittler Ulrich Weber hat eine traurige Bilanz von zwei Jahren Arbeit präsentiert: 547 Regensburger Domspatzen wurde seit 1945 von 49 Tätern körperliche und teils auch sexuelle Gewalt angetan. Eine "Kultur des Schweigens" habe verhindert, dass dies so lange unbeachtet geschehen konnte, so der Jurist. Auch Eltern sowie kirchliche und staatliche Aufsichtsbehörden trügen eine Mitverantwortung.

Gemessen an den nackten Zahlen handelt es sich um den bisher größten Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in Deutschland. Allerdings war das Ausmaß der Übergriffe schon länger absehbar, spätestens seit Webers erstem Zwischenbericht vor mehr als einem Jahr. Damals wie heute taxiert er die Gesamtzahl der zu erwartenden Opfer einschließlich des Dunkelfeldes auf rund 700.

Längst hat sich das Interesse an dem Fall von den Zahlen auf prominente Kirchenmänner verlagert, die in den "Dreiklang aus Gewalt, Angst und Hilflosigkeit" verwickelt sind. Was wusste Papstbruder Georg Ratzinger, was tat oder unterließ Gerhard Ludwig Müller als Regensburger Bischof bei der Aufarbeitung?

Wer dazu aufregende Enthüllungen erwartet hatte, wird womöglich enttäuscht sein. Den von einzelnen Domspatzen erhobenen Vorwurf, Domkapellmeister Ratzinger habe auch von Missbrauch gewusst, erhält Weber entgegen eigener früherer Aussagen nicht mehr aufrecht. Ratzinger, so heißt es nun in dem Bericht, sei "aufgrund seines Naturells sicherlich nicht der bevorzugte Ansprechpartner für Hinweise auf Vorfälle sexueller Gewalt" gewesen.

Bei körperlicher Gewalt habe der Domkapitular allerdings aktiv "weggeschaut", schreibt Weber. Dass er nicht eingeschritten sei und eine Konfrontation vermieden habe, sei zwar "verständlich, bleibt jedoch vorwerfbar".

 

Die Rolle des ehemaligen Regensburger Bischofs Müller

Wesentlich ausführlicher setzt sich Weber mit Müllers Rolle bei der Aufarbeitung auseinander. Doch auch hier zeichnet er ein weitaus differenzierteres Bild, als es bisher manche öffentliche Anklage tat, wenn von Blockade, sogar Vereitelung die Rede war. Der Bericht hält fest, dass Müller, wie dieser auch stets für sich in Anspruch genommen hat, die Aufarbeitung 2010 initiierte.

Dass dieser Prozess zu Beginn zunächst Mängel gehabt habe, erscheint Weber nicht als "per se kritikwürdig". Schließlich habe es an Vorkenntnissen gefehlt, auch die Dimension der Gewalt sei zunächst nicht erkennbar gewesen. Deutlich markiert der Anwalt indes, dass diese Mängel schon früher hätten korrigiert werden können. So sei zu lange an der Einzelfallbetrachtung festgehalten worden. Auch sei der zunächst von den Opfern "vielfach sehr positiv aufgenommene erste Austausch" irgendwann eingeschlafen.

Als "mindestens unglücklich" bewertet der Bericht, dass der heutige Kardinal persönlich an ihn gerichtete Briefe von Opfern nicht persönlich beantwortet habe. Auch seien "verschiedene mediale Äußerungen" des Bischofs für den Aufarbeitungsprozess "kontraproduktiv" gewesen.

Am Rande von Webers Pressekonferenz äußerten mehrere Opfer gegenüber Journalisten ihre Genugtuung darüber, dass Papst Franziskus sich kürzlich von Müller als Präfekt der Glaubenskongregation getrennt hat. Zu einer von Einzelnen erbetenen Aussprache mit dem Kardinal ist es bisher nicht gekommen. Man erwartet sich eine solche auf Seiten der Opfer offenbar auch nicht mehr.

Aufhorchen ließ im Anschluss an die Vorstellung des Abschlussberichts Generalvikar Michael Fuchs mit einem Bekenntnis: "Wir haben alle Fehler gemacht, viel gelernt und sehen heute, dass wir früher manches hätten besser machen können." So aber habe das Bistum ein "Glaubwürdigkeitsproblem" bekommen. Als einen der größten Lerneffekte bezeichnete es Fuchs, dass mit den Opfern, die sich öffneten, zusammen ein Weg beschritten werden müsse.

Auf Nachfrage ließ er wissen, auch Kardinal Müller teile heute die Einschätzung, dass die "nach bestem Wissen und Gewissen" begonnene Aufarbeitung wegen ihrer Mängel habe weiterentwickelt werden müssen.

kna