01.12.2017

Gewebte Legenden

Über 500 Jahre alt ist der Fischbecker Wandteppich.  Er berichtet von einer tausendjährigen Legende,  über die Gründung eines Damenstiftes an der Weser. In der Paramentenwerkstatt des Klosters St. Marienberg in Helmstedt wird er derzeit für eine große Ausstellung der Klosterkammer überarbeitet.

Otto I. überreicht Helmburgis die
Stiftungsurkunde für Fischbeck. Das
ist eine der sechs Szenen, die auf
dem berühmten Wandteppich des
Damenstiftes die Gründungslegende
erzählen.| Fotos: Stefan Branahl

Er liegt jetzt schon ein gutes halbes Jahr vor ihr, aber immer noch kann Sabine Kißler staunen, wenn sie ihn auf dem Tisch sieht. „Das ist schon Geschichte, die sich hier ausbreitet“, sagt sie. Als Textilrestauratorin der Paramentenwerkstatt im Kloster St. Marienberg von Helmstedt hat sie viele Schätze aus wertvollen Stoffen im Sinne des Wortes unter die Lupe genommen. Aber der Wandteppich von Fischbeck bei Hameln an der Weser ist schon eine Sache für sich. In sechs gestickten Medaillons erzählt der Teppich, gewebt 1583 in einer Werkstatt in Flandern, von der Gründung des Damenstiftes vor über tausend Jahren.

Die Webfäden laufen auf einen gemeinsamen Strang hinaus: die Legende von Helmburgis, der Stiftsgründerin. Ihr Ehemann ist aus dem Krieg heimgekehrt und bezichtigt sie, blind vor Wut, ihn mit einem Trunk vergiften zu wollen. Helmburgis will durch ein Gottesurteil ihre Unschuld beweisen und geht dreimal betend unversehrt durch ein loderndes Feuer. Das reicht dem Grafen Ricpert nicht, er lässt Helburgis und ihre Magd auf einen Karren binden und von wilden Pferden fortreißen. Doch auch diesmal wird sie gerettet. Dankbar will Helmburgis nur noch Gott dienen, erzählt die fromme Geschichte.  Die wichtigsten Szenen aus dem Leben der Stiftsgründerin – unter anderem die Übergabe der Gründungsurkunde durch König Otto I., den späteren Kaiser, erzählt der Wandteppich, der normalerweise im Stift Fischbeck im Damenchor hängt.

Den Anfang machte die Ur-Urgroßtante

Hier gehört er eigentlich zu den Höhepunkten der Führungen. Aber die Besucher vermissen ihn seit Monaten. „Unser Wandteppich wird für eine wichtige Ausstellung restauriert“, sagt Äbtissin Katrin Woitack. Im kommenden Jahr dokumentiert das Landesmuseum Hannover aus Anlass des 200-jährigen Bestehens der Klosterkammer, wie mit ihrer Unterstützung die von ihr betreuten Klöster lebendige Orte bleiben und ihre Schätze auch in Zukunft bewundert werden können. Wie eben der Fischbecker Wandteppich. Aus gutem Grund wird an ihm in Helmstedt gearbeitet, denn die Paramentenwerkstatt des Klosters hat sich darauf spezialisiert, alte Stoffe zu restaurieren. Seit gut 150 Jahren gibt es hier eine Fachwerkstatt, erzählt Domina Mechthild von Veltheim.
 

Domina Mechthild von Veltheim (links)
und Restauratorin Sabine Kießling
staunen immer wieder über die
handwerkliche Kunst des Fischbecker
Wandteppichs, der in der Paramenten-
werkstatt des Klosters St. Marienberg
für eine große Ausstellung der
Klosterkammer im kommenden Jahr
vorbereitet wird.

Wer bei dem Wort Domina zusammenzuckt: Die Vorsteherin des Klosters kennt seine Bedeutung in heutiger Zeit, legt aber großen Wert auf den Ursprung und will ihn auch so verstanden wissen. „Die Domina ist die Hüterin des Hauses“, sagt sie, und in diesem Fall kann sie auf eine lange Familientradition zurückblicken. Schon seit Generationen sind Frauen der von Veltheims mit der Leitung des Helmstedter Klosters beauftragt. Eine ihrer Vorfahrinnen, Charlotte von Veltheim, hat damit begonnen, Paramente, wertvolle christliche Textilien also, der Nachwelt zu erhalten. „Als meine Ur-Urgroßtante 1862 in das damals verfallene Klos­ter einzog, fand sie alte Stoffe, die vermutlich vor den plündernden Soldaten Napoleons versteckt worden sind“, sagt die Domina. Nach der Reformation waren liturgische Stoffe in der Tradition der katholischen Kirche ja eher aus der Mode gekommen.

Nur im bayerischen Neuendettelsau gab es bereits eine Werkstatt, die sich mit der Erhaltung der Paramente beschäftigte. Charlotte von Veltheim sah also eine Chance darin, mit solchen Restaurierungsarbeiten für Gemeinden in Norddeutschland ein sicheres Standbein  für ihr Kloster zu schaffen. Ein altes Foto zeigt sie selbst am Webstuhl sitzend.

Nicht nur historische Gewänder und liturgische Stoffe werden heute in Helmstedt für die Nachwelt erhalten. Auch angehende Pastorinnen und Pastoren lassen sich hier neu einkleiden. In der Schneiderei können sie aus den Mustertalaren wählen, die längst Alternativen bieten zum klassischen Lutherrock.

Sogar das Osmanische Zelt wurde hier restauriert

Alerdings bleibt die Paramentenwerkstatt ein wichtiger Faktor. Und weil hier fachlich gute Arbeit geleistet wird, kommen auch Aufträge aus dem nichtkirchlichen Raum: Als vor Jahren Sabine Kießling und ihre Mitarbeiterinnen das große Osmanische Zelt des sächsischen Königs August des Starken für die Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden restaurierten, sorgte das für Schlagzeilen.

Trotzdem: „Ein Projekt wie der Fischbecker Wandteppich hat für uns nach wie vor seinen großen Reiz“, sagt die Restauratorin. „Wir spüren, wie an diesem Stoff Geschichte und Gegenwart unserer Kirche miteinander verknüpft sind.“

Stefan Branahl