Bischof Norbert Trelle wird 70 Jahre alt

Grundsätzlich optimistisch

Als Norbert Trelle vor knapp sieben Jahren zum Bischof von Hildesheim ernannt wurde, war er in einem Alter, in dem andere bereits an den Ruhestand denken. Am 5. September ist Bischof Trelle 70 Jahre alt geworden – und er hat in den nächsten Jahren noch einiges vor.

Ein Bischof mit Bodenhaftung: Norbert Trelle steht seit fast sieben Jahren an der Spitze des Bistums. Foto: Jens Schulze
Ein Bischof mit Bodenhaftung: Norbert Trelle steht seit fast sieben Jahren an der Spitze des Bistums. Foto: Jens Schulze

Die Zahl der Gläubigen und vor allem der Priester geht zurück, in den Gemeinden wächst die Überalterung, das Engagement sinkt. Die Beerdigungen übersteigen die Zahl der Taufen, alljährlich treten mehrere Tausend Menschen aus der Kirche aus. Gotteshäuser werden geschlossen, Gemeinden zusammengelegt. Und zu allem Überfluss erschütterten Berichte über Missbrauchsskandale die Kirche. Manch einer würde angesichts dieser Lage verzweifeln. Bischof Trelle ist sich der schwierigen Situation bewusst, aber er resigniert nicht. Er sucht nach Lösungen, ändert die Blickrichtung.

„Es lässt sich nicht leugnen, dass sich die Kirche derzeit in einem Prozess des Rückgangs befindet. Doch in der Krise und der Dias­porasituation gibt es immer auch Hoffnung für einen Aufbruch. Die Zahl ist noch kein Indikator für die Lebendigkeit einer Gemeinschaft. Eine Bergtour macht man besser mit zehn Leuten statt mit 200 – und auf den Gipfel führt keine Autobahn,“ sagt er. Und so setzt er – grundsätzlich optimistisch – auf die Aufbrüche, die sich im Bistum hinter dem Stichwort Lokale Kirchenentwicklung verbergen, geht neue Wege, ruft Laien in Leitungsverantwortung.

Umbrüche in der Kirche rufen bei den davon Betroffenen durchaus Unmut hervor. Und den bekommt der Bischof dann zu spüren. Ein Bischof könne nicht everybodys darling sein,  er müsse auch immer wieder unpopuläre Entscheidungen treffen, ist sich Trelle bewusst. Und so muss der Bischof auch manche Kritik aushalten. „Das gehört dazu, und als Bischof möchte ich nicht anders behandelt werden als andere“, sagt er. Allerdings: Wenn die Kritik über das Ziel hinausschießt, gehässig und ehrverletzend wird, fällt es ihm schwer, damit umzugehen. „Das perlt nicht an mir ab wie Wasser an einer Ente, dann bin ich eine Zeit lang angefressen“, gibt der Bischof zu.

Gartenarbeit gegen den Stress

Bischof Norbert Trelle ist ein Gartenfreund. Foto: Jens Schulze
Bischof Norbert Trelle ist ein Gartenfreund. Foto: Jens Schulze

Aber auch in solchen Fällen weiß sich Trelle zu helfen. Er nimmt die Dinge mit ins Gebet, hat aber auch ganz profane Strategien, sich abzureagieren: Gartenarbeit, Radfahren, Spazierengehen: „Dann ist das meiste bald verraucht.“ Der Bischof neigt ohnehin nicht zu übertriebenen Gefühlsausbrüchen. Wer ihn kennt, weiß, dass er ein ruhiger und besonnener Gesprächspartner ist, ein Mann, der nie die Bodenhaftung verloren hat. Anders als sein Vorgänger Josef Homeyer nimmt sich Trelle immer wieder Auszeiten, in denen er Kraft für seine Aufgaben schöpft. Jemand, der nicht mehr genießen könne, werde selbst schnell ungenießbar, ist er überzeugt.

Energie braucht Trelle nicht nur als Oberhirte des Bistums Hildesheim, sondern auch als stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und als Vorsitzender des Verwaltungsrates der Deutschen Diözesen. Deutschlandweit hat sich Norbert Trelle einen Namen als „Migrationsbischof“ gemacht. Als Vorsitzender der „Migrationskommission“ der Deutschen Bischofskonferenz erhebt der Bischof immer wieder seine Stimme, wenn er die Rechte von Migranten, Asylanten und Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus bedroht sieht.

Geprägt von der Familie

Dass er sich auch mit seinen 70 Jahren noch diesen Aufgaben stellen kann, hat auch damit zu tun, dass er sich getragen weiß von seinen Mitarbeitern und dass er menschliche Beziehungen pflegt.

Geprägt wird Norbert Trelle durch seine Familie. Er wächst in Kassel in einfachen Verhältnissen auf und erlebt, wie Menschen in der Diaspora ihren Glauben leben. Als er sich 1962 entschließt Theo­logie zu studieren, ruft das bei seinen Mitschülern Kopfschütteln hervor. „Hast Du eigentlich einen Knall, Pfaffe zu werden?“, wird Trelle gefragt. Er lässt sich davon nicht erschüttern, geht seinen Weg und wird Priester im Erzbis­tum Köln. 25 Jahre ist er in der Gemeindeseelsorge tätig, die meis­te Zeit davon in Wuppertal, wo es viele soziale Brennpunkte gibt. „In meinem Gemeindegebiet lag der Endpunkt der Schwebebahn, aber man hörte dort auch im übertragenen Sinn auf zu schweben“, erzählt der Bischof. In Wuppertal begann Adolf Kolping sein Werk, aber auch der Politiker Friedrich Engels und der Fabrikant Friedrich Bayer haben dort ihre Anfänge – für Trelle ein spannendes Pflaster.

Als er 2006 nach Hildesheim kommt, hat er nicht nur langjährige Erfahrung als Gemeindeseelsorger, sondern ist auch seit 14 Jahren Weihbischof in Köln. Als Weihbischof in diesem Erzbistum muss man immer damit rechnen, auf einen frei gewordenen Bischofsstuhl berufen zu werden. Dennoch kommt die Ernennung Trelles zum Bischof von Hildesheim überraschend – sowohl für ihn selbst, als auch für die Menschen im Bistum. In Hildesheim war über ganz andere Namen spekuliert worden.

Trelle ist Ortswechsel gewohnt, doch der Umzug vom Rhein an die Innerste bedeutet trotzdem eine Umstellung. Aber mittlerweile sind er und seine Zwillingsschwester Gisela, die mit ihm im Bischofshaus am Domhof lebt, längst in Hildesheim heimisch geworden. Er habe viele gute Beziehungen geknüpft und sei froh und dankbar hier zu sein, sagt der Bischof. Was ihn immer wieder aufbaut, sind die Begegnungen mit Menschen im ganzen Bistum. Die angeblichen Mentalitätsunterschiede zwischen den fröhlichen Rheinländern und den knorrigen Niedersachsen hält er inzwischen für Klischees, beide Typen gebe es hier wie dort.

Dialogprozess ist der nächste Schwerpunkt

Wenn Trelle voraussichtlich in fünf Jahren in den Ruhestand tritt, wollen er und seine Schwester Hildesheim treu bleiben. Doch bis dahin ist noch Zeit. Erst einmal warten noch Herausforderungen auf Bischof Trelle: Zunächst stehen das 50-jährige Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils und der gerade begonnene Dialogprozess an. Im Bistum Hildesheim soll in den kommenden zwei Jahren die Strukturreform zu Ende geführt und die Zusammenlegung von Pfarrgemeinden beendet werden. Und dann warten zwei Großereignisse auf den Bischof: die Wiedereröffnung des sanierten Domes 2014 und die Feier des 1200-jährigen Bistumsjubiläums 2015.

Trelle hat sich immer für die Sanierung des Domes und für die Feier des Bistumsjubiläums stark gemacht. Dabei steht für ihn fest, dass der Blick bei diesen Ereignissen weniger zurück als vielmehr nach vorn gehen muss: „Wir sind als Kirche nicht Museum, wir leben mit dem Erbe“, sagt er. Sein Wunsch für das Bistumsjubiläum: „eine geistliche Frischzellentherapie“.

Matthias Bode

 

Weiteres zum Thema: