25.10.2017

Wie gelingt Selbstliebe?

"Gut, dass ich da bin"

Jesus sagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Wie aber gelingt Selbstliebe? Dazu ein Gespräch mit Bodo Karsten Unkelbach. Der Psychiater ist Autor des Buches „Heute liebe ich mich selbst!“


Foto: privat
Bodo Karsten Unkelbach ist Chefarzt der Klinik
für Suchtmedizin und Psychotherapie im Zentrum
für Seelische Gesundheit Marienheide. Foto: privat

Nächstenliebe ist für Christen ein großes Thema. Sie aber plädieren für mehr Selbstliebe. Warum?
Weil ich glaube, dass Selbstliebe die Voraussetzung für Nächstenliebe ist. Wenn ich mich selbst nicht für liebenswert halte, wird’s mir sehr schwerfallen, meinen Nächsten zu lieben.


Inwiefern?
Wenn ich davon ausgehe, dass ich bedeutungslos bin und einfach nicht wertvoll, wie soll ich dann jemand anderem vermitteln, dass er all das ist? Wie soll er mir das glauben? Das ist dann nicht authentisch. Weil ich etwas anderes lebe, als ich sage.


Sehen Sie in der Aufforderung zur Selbstliebe nicht die Gefahr, dass sie zu mehr Egozentrik führt – dazu, nur um sich selbst zu kreisen?
Die Gefahr sehe ich. Deswegen grenze ich das auch ganz klar ab: Selbstliebe versus Egoismus, Selbstliebe versus Narzissmus.


Wo sehen Sie den Unterschied zum Egoismus?
Der Egoist, der will immer haben, haben, haben – hat aber nie genug. Bei der Selbstliebe hingegen ist es das Ziel, dass man sich sagen kann: Ich habe, was ich brauche. Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe – und deswegen kann ich abgeben. Deswegen kann ich meine Liebe weitergeben.


Wie grenzen Sie die Selbstliebe zum Narzissmus ab?
Der Narzisst ist permanent damit beschäftigt, Kränkungen abzuwehren. Bei der Selbstliebe aber geht es darum, sich selbst anzunehmen und zu sagen: Ich bin gut so, wie ich bin. Wenn mich jemand kritisiert, dann meint er Anteile von mir, die vielleicht nicht so gut funktionieren, die werde ich dann selbstkritisch betrachten. Aber das ändert nichts daran, dass ich grundsätzlich liebenswert bin.


Haben Sie den Eindruck, dass sich viele Leute mit der Selbstliebe schwertun?
Zumindest sind seelische Erkrankungen auf dem Vormarsch. Eine wesentliche Ursache für die Entwicklung von Depressionen, Angststörungen und Suchtkrankheiten ist eine unzureichende Selbstfürsorge. Das ist ein Riesenthema. Viele Menschen haben größte Schwierigkeiten damit, wenn sie morgens in den Spiegel gucken, einfach zu sagen: Gut, dass ich da bin! Schön, dass es mich gibt!


Was raten Sie Menschen, die sich mit der Selbstliebe schwertun?
Der Beginn der Selbstliebe ist, sich selbst zuzuhören. Man kann sich, wenn man mal alleine zu Hause ist, aufs Sofa setzen, alle Medien ausschalten, das Telefon stillstellen und dann 20 Minuten drauf achten, was einem alles durch den Kopf schießt. Wenn einem das unheimlich ist, kann man ein Tagebuch nehmen und seine Gedanken aufschreiben.


Und dann?
Dann kann man anfangen, seine Gedanken wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Was beschäftigt mich? Was bewegt mich? Was ist mit mir los? Das können viele Kleinigkeiten sein, aber man wird auch auf größere Fragen stoßen. Bestimmt gibt es da irgendein Thema, von dem ich denke: Da müsste ich mal mehr auf mich achten. Oder: Das will ich schon ganz lange machen und schiebe es immer vor mir her. Jetzt werde ich das endlich angehen.


Wenn wir uns so mit uns selbst beschäftigen, kann es dann sein, dass wir Gott und die Mitmenschen aus dem Blick verlieren?
Eine Zeitlang kann das sein, ja. Es ist wichtig, meine Beziehung zu meinem Nächsten zu überprüfen: Was nehme ich da für Rollen ein? Will ich das wirklich so? Es kann auch sein, dass ich zu bestimmten Leuten erst mal auf Distanz gehe, um meine eigene Position zu finden, aber nicht als Selbstzweck, sondern um mich anschließend mit für mich geklärten Standpunkten wieder neu auf die Beziehung einzulassen.


Die Beziehung zu Gott …
… ist ja auch nicht eindimensional, sondern vielschichtig. Und es gibt ja auch einfach Zweifel. Wenn ich mich auf mich selbst fokussiere, kann es sein, dass sich auch mein Gottesbild noch mal neu sortiert. Wobei ich das nicht ungewöhnlich finde. Denn wenn ein Mensch reifer wird, verändert sich sein Gottesbild sowieso mit zunehmender Lebenserfahrung.


Können Sie sagen, was am wichtigsten ist: Selbstliebe, Nächstenliebe oder Gottesliebe?
Nein. Ich verstehe die Selbstliebe nicht als Konkurrenz zur Nächstenliebe oder zur Gottesliebe. Sondern ich will mit mir selbst gut umgehen, ich will mit anderen gut umgehen, und ich will einen lebendigen Glauben haben. Das soll sich gegenseitig ergänzen und befruchten.


Wie sähe unsere Gesellschaft aus, wenn jeder Mensch sich selbst lieben könnte?
Unsere Kommunikation wäre dann klarer. Die Menschen würden gelassener. Sie könnten viel besser sagen, was sie wollen und was sie nicht wollen. Jeder würde sich denken: Okay, ich weiß genau, was ich will – und ich weiß genau, was der andere will. Dann kriegen wir doch irgendwie gemeinsam einen Kompromiss hin.


Klingt gut.
Ja, und es gäbe auch viel weniger Angst unter den Menschen, etwa vor Fremden. Denn wenn ich genau weiß, wer ich bin, kann ich mich auch auf einen Fremden viel besser einlassen. Dann habe ich einen festen Standpunkt, und ein Fremder mit einem ganz anderen Standpunkt kann mich nicht so schnell verunsichern. Ich kann dann mit ihm über die verschiedenen Standpunkte ins Gespräch kommen – ohne den Anspruch zu haben, die Wahrheit herauszufinden.

Interview von Andreas Lesch