18.06.2017

Das Verhältnis zum "alten Bund"

Hat Gott gekündigt?

In der Lesung bietet Gott dem Volk Israel seinen Bund an. Jesus sagt: „Dies ist der neue Bund in meinem Blut.“ Ist der „Alte Bund“ nun hinfällig und sind die Christen seitdem „das besondere Eigentum Gottes“?


Foto: kna
Rom 1986: Als erster Papst besucht Johannes Paul II. eine Synagoge und wird von Rabbi Elio Toaff begrüßt. Foto: kna

 

Genauso ist es!, hieß es lange: Der „Verwahrer der göttlichen Verheißungen“ war das Volk Israel „nur bis Jesus Christus“, steht etwa in einem Text des „Heiligen Offiziums“ aus dem Jahr 1928. Die Juden sind das „einst auserwählte Volk Gottes“, abgelöst vom „neuen Volk Gottes“, der Kirche, weil sie Jesus von Nazaret nicht als den gesandten Messias anerkannten. Schluss mit der Sonderstellung in den Augen Gottes, Chance vertan. Nur die Bekehrung könnte jetzt noch helfen. Nicht wenig Antisemitismus und Judenfeindlichkeit in den christlichen Kirchen fußt auf diesem Urteil. Dass es ein Fehlurteil war, ist heute weitgehend unumstritten. Doch der Weg zu dieser Einsicht war lang und kompliziert.

 

1. Der erste Anstoß von Martin Buber: 

Es war im Januar 1933, bekanntlich eine schwere Zeit für Juden in Deutschland, als sich der schon damals bekannte jüdische Theologe Martin Buber im jüdischen Lehrhaus in Stuttgart einer Diskussion mit dem evangelischen Neutestamentler Karl Ludwig Schmidt stellt. Schmidt stand in der gerade geschilderten Tradition: die Kirche ist das „von Gott in Jesus Christus berufene Volk“, dem sich das Judentum bestenfalls anzuschließen habe. Erzählerisch veranlagt, wie Martin Buber ist, antwortet er darauf nicht dogmatisch, sondern mit einer Geschichte. Er erzählt von Worms, seiner Heimatstadt, von ihrem prächtigen, „vollkommenen“ Dom. Und von dem jüdischen Friedhof mit seinen schiefen, kaputten Steinen. Und dann sagt Buber: „Ich stelle mich da rein, blicke von diesem Friedhofsgewirr zu einer herrlichen Harmonie empor, und mir ist, als sähe ich von Israel zur Kirche auf ... Ich habe da gestanden und habe alles selber erfahren, mir ist all der Tod widerfahren: all die Asche, all der lautlose Jammer ist mein; aber der Bund ist mir nicht aufgekündigt worden. Ich liege am Boden, hingestürzt wie diese Steine. Aber gekündigt ist mir nicht. Der Dom ist, wie er ist. Der Friedhof ist, wie er ist. Aber gekündigt ist uns nicht worden.“

2. Das Dekret über die nichtchristlichen Religionen

Vielleicht hat es die Katastrophe des Holocaust gebraucht, damit die Christenheit ihr Verhältnis zum Judentum neu bedenken konnte. Die katholische Kirche tat dies 1965 im Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über die nichtchristlichen Religionen. Darin wurde zwar, wie der Bonner Theologe Hans Hermann Henrix sagt, „die These vom ungekündigten Bund Gottes mit Israel noch nicht eigens ausgesprochen, aber bereits kräftig vorbereitet“. Es heißt dort: „Die Kirche hat stets die Worte des Apostels Paulus vor Augen, der von seinen Stammverwandten sagt, dass ,ihnen die Annahme an Sohnes Statt und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen gehören‘“. Die Juden blieben trotz der Nichtannahme des Evangeliums „immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich“ (Nostra Aetate 4).

In den folgenden Jahren nehmen kirchliche Texte diesen Gedanken auf, besonders deutlich 1973 die französische Bischofskonferenz: „Der erste Bund ist durch den Neuen Bund nicht hinfällig geworden. Der erste Bund ist die Wurzel und die Quelle des Neuen Bundes, sein Fundament und seine Verheißung.“

3. Papst Johannes Paul II.

Während die wissenschaftliche Theologie bis in die 1990er Jahre hinein vorsichtig blieb in Sachen „nie gekündigter Bund“, schritt das Lehramt voran in Person von Papst Johannes Paul II. Die Versöhnung mit dem Judentum war eines der großen Anliegen des polnischen Papstes. So trifft er während seiner ersten Deutschlandreise im Jahr 1980 Vertreter des Judentums und spricht vom christlich-jüdischen Dialog als „Begegnung zwischen dem Gottesvolk des von Gott nie gekündigten Alten Bundes und dem des Neuen Bundes“. Ähnlich klingt es in dem von ihm zugelassenen Katechismus der Katholischen Kirche von 1993: „Der Alte Bund ist nie widerrufen worden“ (Nr. 121). Und im Heiligen Jahr 2000 lautete die Vergebungsbitte des schon recht gebrechlichen Papstes gegenüber den Juden: „Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen, dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes.“ 

Hans Herrmann Henrix fasst das „Herzstück der Israelsicht“ von Johannes Paul II. so zusammen: „Der mit Mose geschlossene Alte Bund ist von Gott nie gekündigt worden. Gott hat niemals aufgehört, sein Volk zu lieben. Das jüdische Volk steht nach wie vor in einer unwiderruflichen Berufung und ist immer noch Erbe jener Erwählung, der Gott treu ist.“

Und: Weil Jesus Jude war, ist die jüdische Religion für die Kirche nicht etwas Äußerliches, sondern gehört „in gewisser Weise“ zur christlichen Religion hinzu. „Zu ihr haben die Kirche und Christen Beziehungen wie zu keiner anderen Religion. Die Juden sind unsere bevorzugten oder unsere älteren Brüder. Der Antisemitismus ist eine Sünde gegen Gott und die Menschheit.“ 

4. Die weitere Diskussion:

Johannes Paul II. und andere christliche Theologen beziehen sich in ihrer Neubewertung des „nie gekündigten Bundes“ auf den Römerbrief (Kapitel 9–11), in der Paulus diese Lehre vorlegt. Aber keine Frage: Es gibt auch andere Stellen im Neuen Testament, etwa im Hebräerbrief. Oder wenn im Petrusbrief die heutige Lesung auf die Kirche bezogen wird: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde“ (1 Petr 2,9). 

Diskutiert wird auch, in welchem Verhältnis „Alter Bund“ und „Neuer Bund“ stehen: Sind es zwei? Oder nur einer? Haben wir Christen etwa „nur“ Anteil und das Volk Israel die Priorität? Oder überragt der „Neue Bund“ sein Fundament, auf dem er ruht? Und was sagen eigentlich die Juden dazu, wenn wir „ihren“ Bund mit Gott (auch) für uns beanspruchen wollen?

Theologische Debatten über Dinge, die in Gottes Hand liegen. Wichtig bleibt aber: Keiner darf sich der Liebe und Treue Gottes gewisser sein, als der andere.

Von Susanne Haverkamp