24.10.2011

Pilgern im Bistum

Heidesand und Jakobsmuscheln

Sie durchquerten das Bistum Hildesheim auf dem Weg ins Heilige Land, nach Rom oder Santiago. Manche mittelalterlichen Pilger, von denen wir wissen, waren im Bistum aufgebrochen. Andere hatten schon den weiten Weg aus Skandinavien hinter sich. Später wurden die Wege kürzer: Die Wallfahrer suchten und fanden Ziele in ihrer Nähe.

Pilgern begeistert – nicht erst seit Hape Kerkeling. Es war im Jahr 1470, als sich ein gewisser Kunze Schadewolf auf dem Nikolausberg bei Göttingen die Kleider vom Leib riss. Nicht nur seine gesamte Barschaft, sondern auch alles, was er am Leib trug, opferte er zu Ehren des Heiligen Nikolaus. Das nüchterne Erwachen kam wohl erst, nachdem der Pilger in seine Heimatstadt Kassel zurückgekehrt war. Jedenfalls zeugt das Bistumsarchiv davon, dass sich der Rat der Stadt Kassel energisch bemühte, Kleider und Bargeld zurück zu bekommen.

Rom ist immer ein beliebtes Ziel

Pilger sind auf der Suche nach greifbaren Erfahrungen mit Gott: Sie suchen Orte auf, wo andere Menschen solche Erfahrungen gemacht haben - oder wo das Heilige in Form von Reliquien berührbar erscheint. Auch aus dem Bistum Hildesheim sind schon immer Christen ins Heilige Land, nach Rom und zum Grab des Apostels Jakobus nach Santiago de Compostela gepilgert. Archäologen förderten im Hafen von Stade und in der Weser bei Bremen jede Menge Belege dafür zu Tage: Jakobsmuscheln von der nordspanischen Küste und andere Pilgerzeichen. 1236 brach der Benediktinerabt Albert von Stade in Richtung Rom auf. Er wollte vom Papst die Erlaubnis erbitten, seine lax gewordenen Mitbrüder der strengeren Regel der Zisterzienser zu unterwerfen. Nach seiner Rückkehr beschrieb er in seiner Chronik „Annales Stadenses“ den Weg nach Rom über Bremen und die Rückreise über Braunschweig und Celle.

Einen anderen Weg Richtung Rom  nahm der Isländer Haukr Erlendsson, wie er in seinem „Hauksbók“ beschreibt. Auch er reiste durch Braunschweig, umging aber lieber den Harz in westlicher Richtung. Die schwedische Nationalheilige Birgitta hat alle drei großen Pilgerziele besucht. Ihr vermuteter Weg von Stralsund nach Lüneburg wird heute als „Birgittaweg“ vermarktet.

„Via Scandinavica“ nennt man den Abschnitt des Jakobsweges, auf dem die Pilger aus den Ländern der Mitternachtssonne durch Norddeutschland reisten. Doch „den“ Pilgerweg gab es nicht, die Vorlieben der Wallfahrer waren verschieden. Viele scheuten den Weg durch die Lüneburger Heide, wo der Wind die Spuren verwehte und Fuhrwerke sich nur mühsam durch den Sand quälten, und machten lieber den Umweg über Braunschweig. Im Leinetal galt es die Entscheidung zu treffen zwischen dem bequemen Handelsweg, der allerdings die Räuber anlockte, oder dem ruhigen, aber beschwerlichen Höhenweg.

Die Heiligtümer in der Nähe ziehen Pilger an

Im Lauf des Mittelalters zeichnete sich ein Trend ab: Neben den großen Pilgerzielen des Abendlandes zog es immer mehr Wallfahrer in die kleineren Heiligtümer in ihrer Umgebung. Im Bistum wurde nach Bergen und Wienhausen, nach Wolterdingen, Mandelsloh, Föhrste, Wrisbergholzen, Jeinsen und auf den Spiegelberg bei Lauenstein gepilgert. Dem versuchten die Landesherren nach der Reformation einen Riegel vorzuschieben. Doch die Pilger ließen sich kaum aufhalten: Sie beteten einfach vor der verschlossenen Kirche und warfen ihre Opfergaben durch die Fenster. 1773 wurde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Gnadenbild vom Spiegelberg nach Hannover abtransportiert. Noch nicht einmal der Fuhrmann durfte wissen, welche Fracht er da geladen hatte.

In der Barockzeit blühte die Pilgerbewegung wieder auf. Im Bistum kamen neue Wallfahrtsorte hinzu, die bis heute zahllose Pilger anziehen: Germershausen im Eichsfeld und Ottbergen im Landkreis Hildesheim. Das Wort „Sinn“, wissen Sprachwissenschaftler, geht auf das alte Wort für „gehen“ oder „reisen“ zurück. Pilgern stiftet Sinn – das wusste man in Bistum Hildesheim schon immer.