05.01.2018

Heimliche Taufe im Krieg

Es ist eine Geschichte von Mut in Zeiten von Terror und Gewaltherrschaft und die Geschichte eines unerschütterlichen Glaubens. Im November 1941 tauft Pastor Bernhard Görge in Bremerhaven-Lehe auf Wunsch der Mutter und gegen den erklärten Willen des Vaters, einem Mitglied der NSDAP, heimlich den damals wenige Wochen alten Dieter Riebschläger. Görge, ein Gegner der Nationalsozialisten, wird 1944 von der Gestapo verhaftet und stirbt 1947 an den Langzeitfolgen der Haft im Konzentrationslager.

Blättert in alten Unterlagen: Dieter Riebschläger
wurde während des Krieges heimlich getauft. 
Foto: Martina Albert

Ein bisschen mutet die Taufgeschichte von Dieter Riebschläger aus Langen bei Bremerhaven wie ein kleines Weihnachtswunder an. Geboren im Oktober 1941 mitten in den Wirren des Zweiten Weltkrieges, ist der kleine Dieter nach drei Töchtern der langersehnte Stammhalter seines Vaters. Und als solchem hat sein Vater Großes mit ihm vor. Er soll wenn möglich eine der Eliteschulen der Nationalsozialisten besuchen. Undenkbar für ein getauftes Kind, so die Argumentation des Vaters. Daher verweigert er Dieter Riebschlägers Mutter, einer gebürtigen Eichsfelderin, die - wie der heute 76-jährige Dieter Riebschläger erzählt, „treu und etwas stur im Glauben“ war, anders als bei den drei Töchtern die Zustimmung zur Taufe. Für Berta Riebschläger undenkbar. Sie widersetzt sich ihrem Mann, nimmt Kontakt zu Pastor Görge auf und entscheidet sich für eine heimliche Taufe an einem Alltagsvormittag im November 1941 als der Vater auf seiner Dienststelle ist. Anwesend sind damals nur der Pfarrer, Pfarrschwester Adelheid Buss, Berta Riebschläger und der Täufling. „Von der eigentlichen Taufe berichtete meine Mutter mir später nur sehr wenig“, erzählt der pensionierte Lehrer. 

Eine angstvolle Stille herrschte in der Kirche

Es habe aber wohl eine „angstvolle Stimmung“ geherrscht. Schwester Adelheid sei zwischen Taufbecken und Kirchentür hin- und hergerannt, um an der Tür „Schmiere“ zu stehen. Doch alles geht gut, die Taufe bleibt unbemerkt bis nach dem Kriegsende irgendwann die Erstkommunion ansteht. „Zum Glück lebte damals noch die Pfarrschwester, die meine Taufe bestätigen konnte und so stellte der damalige Kaplan Adolf Herr viele Jahre nach meiner Taufe endlich eine Taufurkunde aus.“ 

Dieter Riebschlägers Vater weiß bereits seit der Einschulung seines Sohnes an einer katholischen Schule über die Taufe Bescheid. „Er hatte wohl aber damals nach Kriegsende keine Einwände mehr“, so der 76-Jährige. Er ist stolz auf seine Mutter, dass sie damals Mut bewies und ihn taufen ließ. Der Glaube hat für den Langener bis heute eine wichtige Bedeutung. Begonnen hat es im Kindesalter mit dem Dienst als Messdiener, später dann als Religionslehrer.

Pastor Görge, der ihn 1941 getauft hat, ist zu diesem Zeitpunkt allerdings schon lange tot. Er war im November 1944 von den Nationalsozialisten verhaftet worden. Seit Beginn der Machtübernahme war er erklärter Kritiker der Nazis und hatte stets erklärt, dass Christentum und Nationalsozialismus unvereinbar seien. 

1937 kommt Görge zum ersten Mal mit den Nationalsozialisten in Konflikt. Im Oktober 1936 soll er sich im Religionsunterricht positiv über den letzten Reichskanzler vor Hitler, den 1934 im „Röhm-Putsch“ ermordeten General Schleicher, geäußert haben, wovon ein Schüler seinem Vater berichtet. Ein Ermittlungsverfahren wird in Gang gesetzt, das die Oberstaatsanwaltschaft Hannover im April 1937 mit der Feststellung abschloss, dass die Äußerungen Görges den Eindruck erweckten, General Schleicher könne zu Unrecht erschossen worden sein. Damit habe der Pfarrer gegen Persönlichkeiten des Staates oder der NSDAP hetzen wollen. Dennoch wird das Verfahren eingestellt. „Hierbei ist aber zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte als politischer Hetzer noch nicht hervorgetreten ist. Ich beabsichtige deshalb, das Verfahren einzustellen, zumal es auch nicht wünschenswert erscheint, dass die Vorgänge, die zum Tode Schleichers geführt hatten, in einer Verhandlung erörtert würden“, so der Oberstaatsanwalt.

Pfarrer Bernhard Görge bei der Feier seines
25-jährigen Weihejubiläums 1939. 
Foto: Sammlung Arnold Schmitt/Stadtallendorf

Im KZ gab ihm sein Glaube Halt und Kraft

Ein offener Konflikt erfolgte nach dem zerstörerischen Bombenangriff auf Bremerhaven im September 1944, der weite Teile der Stadt verwüstete. Die Stadtverwaltung verfügte die Schließung der Leher Kirche zwecks Aufnahme von Möbeln. Soldaten waren schon gekommen, um die Bänke wegzuräumen. Pfarrer Görge aber verweigerte die Räumung, „es gäbe ja noch freie Kino- und Schulräume“. Wenige Wochen später wird er verhaftet. Er kommt erst für mehrere Monate in Einzelhaft in das KZ Außenlager Fulsbüttel und später dann in ein Arbeitserziehungslager in Kiel. 

Bis heute ist Dieter Riebschläger beeindruckt vom Wirken des Pastors. „Der Mut, den es damals gekostet hat, gegen das Regime aufzustehen, ist beeindruckend.“

Stütze und Halt findet Bernhard Görge in der Haft im Glauben. In einem Brief schreibt er aus der Einzelhaft: „Alles will nach oben ziehen, aber es ist ja so viel Leid. Ich bin gefasst. Man kann schon vieles ertragen. Nur ein Leid drückt mich, dass nun die Gemeinde und dass meine alte Mutter noch so etwas erleben müssen. Das Leid, das man anderen antut, ist das größere, sein eigenes erträgt man. Wir Menschen machen Pläne und Gott lässt seinen Willen doch immer geschehen. Darum ist das Wichtigste, dass wir uns ihm völlig anheimgeben.“ Zwei Wochen nach Kriegsende im Mai 1945 kehrt der Geistliche völlig entkräftet in seine Kirchengemeinde nach Bremerhaven zurück, widmet sich  aber dennoch dem Wiederaufbau, bis ihn sein Gesundheitszustand schließlich einholt. Im Juni 1947 stirbt er im Alter von 57 Jahren während eines Genesungsurlaubs in seiner Heimatgemeinde Allendorf.

Von Martina Albert