Die Sehnsucht zu überwinden, macht selbstbewusst

Heimweh ist ganz normal

Wenn Kinder zum ersten Mal allein verreisen, schleicht sich oft ein unerwünschter Begleiter unter die Bettdecke oder in den Schlafsack: Heimweh. Eltern können einiges tun, damit die Sehnsucht nach zu Hause nicht zu stark wird.

„Du brauchst keine Angst zu haben“, sagt Ben, „ich bin ja bei dir.“ Fest drückt der Achtjährige seinen Teddy an sich und schaut auf die anderen schlafenden Kinder in seinem Zelt. Das Kuscheltier sieht genauso fröhlich drein wie immer, doch der Junge wälzt sich hin und her. Was die jetzt wohl gerade zu Hause machen? Vielleicht kuscheln alle auf unserer gemütlichen Couch, und Mama liest noch eine Geschichte vor. Wie gern wäre er jetzt auch dort, und nicht hier, wo vieles noch fremd ist und anders als daheim. „Ich will nach Hause“, denkt er immer wieder und spürt eine unangenehme Last auf seinem Herzen.

Kinder auf Reisen „vermissen nicht nur die Eltern, sondern sie haben auch Heimweh nach der vertrauten Umgebung, den bekannten Abläufen, vielleicht nach dem Essen, den üblichen Ritualen, den Geschwistern oder auch dem Haustier“, erklärt Eva-Maria Zenses, Teamleiterin bei der Erziehungsberatung des Caritasverbandes für Stadt und Landkreis Hildesheim. „Und diese Sehnsucht tut dann weh, ist aber ein ganz normales Gefühl. Gerade bei Kindern, die noch nie für längere Zeit von zu Hause weg waren.“

Kinder sollten Gelegenheit haben, sich abzunabeln
Psychologisch habe dies mit zwei an sich widersprüchlichen Bedürfnissen zu tun: dem  menschlichen Wunsch nach Sicherheit und der gleichzeitig verlockenden Herausforderung, bekannte Pfade zu verlassen und Neues zu erleben – wie in einem Zeltlager oder einer Ferienfreizeit mit anderen Kindern. „Heimweh auszuhalten und zu überwinden, ist eine starke Erfahrung. Das hebt Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl.“ Ein Schritt in Richtung Abnabelung, der für die Persönlichkeitsentwicklung unerlässlich ist. Denn Schwellensituationen, wo Kinder den familiären Rahmen verlassen müssen – angefangen beim Kindergarten, über Schule bis zu den ersten Ferien allein oder Klassenfahrten – gehörten nun mal auch zum kindlichen Leben. Deshalb sei es unerlässlich, ihnen Gelegenheit zu bieten, sich diesen Ängsten zu stellen.

Auch Eltern müssten lernen, loszulassen, gibt die Psychologin zu bedenken. „Für sie ist es genauso aufregend, wenn das Kind zum ersten Mal für länger allein unterwegs ist.“ Natürlich machen sie sich Sorgen und hoffen, dass es ihm gefällt. Sie sollten das Kind ermutigen und mit ihm die Vorfreude auf die Reise teilen: Fotos vom Zielort anschauen, eine Landkarte oder das Programm begeisternd durchstöbern. Wichtig: ein kurzer und zuversichtlicher Abschied, der signalisiert: „Du wirst es packen, und wir kommen auch sehr gut alleine zurecht.“ Sätze, wie: „Wir vermissen dich schon jetzt“ oder „Du wirst uns fehlen“ besser vermeiden, damit sich das Kind nicht womöglich um die Eltern ängstigt und Heimweh bekommt.

Ben ist am nächsten Morgen wieder bester Laune. Voller Freude genießt er die Spiele in der Gruppe. Bei der ganzen Ablenkung ist das Heimweh wie weggeblasen. Doch abends taucht es plötzlich wieder auf: dieses nagende Gefühl der Sehnsucht und Traurigkeit. Der Junge muss weinen. „Gerade in den ersten Tagen kann es zu Heimwehattacken kommen, besonders wenn die Kinder zur Ruhe finden oder freie Zeit für sich haben“, erklärt Jan-Hendrik Wernsing, Zeltlagerleiter in St. Nikolaus im niedersächsischen Ankum.  „Wir geben Eltern immer den Tipp: Rufen Sie Ihr Kind am Anfang bitte erst einmal gar nicht an, damit es sich gut eingewöhnt.“ Erfahrungsgemäß verschwindet Heimweh dann schnell. Auch wenn mal ein paar Tränen fließen, sei dies kein Grund zur Panik. „Das hilft, weil so die Gefühle von Verlassenheit und Sehnsucht rauskommen. Dann ist schon mal ein großer Teil vom Schmerz weg“, beruhigt der erfahrene Betreuer.

Im Zeltlager helfen die Gruppenleiter

Soll man vor der Reise explizit über Heimweh sprechen? „Darüber gehen die Meinungen auseinander“, weiß Wernsing. Tabu sind jedoch seiner Ansicht nach Aussagen wie: „Wenn es dir dort nicht gefällt, holen wir dich sofort ab.“ Besser sei es, im Vorfeld in Ruhe zu besprechen, worauf sich das Kind besonders freut, aber auch nachzuhorchen, ob es mögliche Unsicherheiten oder Ängste hat. Eltern täten gut daran, die Kinder zu ermutigen, sich ihren Gruppenleitern anzuvertrauen. Denn vor Ort ließen sich die Ursachen am besten abklären und beseitigen. Denn das Kind könne auch belastet sein, weil es versteckte Streitereien gab oder es sich noch nicht so wohlfühlt in der Gruppe. Mit Anrufen sollten sich Eltern zurückhalten, denn auch das könne Heimweh auslösen oder hervorrufen. Am besten halten sich die Eltern an die Absprachen, die in der Regel dazu vor den Freizeiten getroffen werden. „Wir geben Eltern mit auf den Weg: Wenn sich Ihr Kind nicht meldet, ist alles okay.“ 

Schafft es ein Kind partout nicht, die Trennung zu ertragen, und bei extremem Heimweh, ist es natürlich möglich, es abzuholen. Jedoch sollte das immer die letzte Lösung sein. Besser ist es zu beschwichtigen. „Du hattest doch so viel Spaß. Schlaf erst mal darüber.“ Verlässt es die Freizeit eher, bloß keine Vorwürfe machen. „Du hast es schon so lange geschafft. Wir sind stolz auf dich. Beim nächsten Mal klappt es sicher noch besser.“ Das komme aber höchst selten vor, betont Wernsing: „Ich habe es noch nie erlebt.“

Ben hat sein Heimweh übrigens so gut überstanden, dass er am Ende der Reise sagt: „Ich freue mich auf zu Hause, aber auch aufs nächste Jahr. Dann möchte ich auf jeden Fall wieder beim Zeltlager dabei sein.“

Heike Sieg-Hövelmann

 

Fünf Tipps, um Kinder auf die Ferienfreizeit vorzubereiten:

Üben: Die Übernachtung ohne Eltern bei Freunden, Paten oder Großeltern trainieren. Je mehr Erfahrung, umso leichter fällt es, sich anderswo allein zurechtzufinden und zu vergnügen. Um die Umstellung vor einem Zeltlager zu erleichtern, im Schlafsack probeschlafen.

Reiselust wecken: Die Vorfreude steigern durch Beschäftigung mit dem Reiseziel und dem Mitmachprogramm sowie gemeinsames Einkaufen und Kofferpacken. Positive innere Bilder vermitteln.

Tröster: Beim Zubettgehen in der Ferne kann der gewohnte Geruch eines Kuscheltieres oder Schlafkissens hilfreich sein. Eventuell einen aufmunternden Brief mitgeben oder ein Familienfoto für den Brustbeutel.

Notfallplan: Kinder sollten wissen, an wen sie sich unterwegs wenden können. Über heimwehgefährdete Kinder vorab informieren und besprechen, wie mit Eltern kommuniziert wird.

Sich zurückerinnern: Meldet sich das Kind, weil es unter Heimweh leidet, ruhig bleiben und überlegen, was einem selbst in einer solchen Situation geholfen hat. Herausfinden, was zuvor passiert ist: Möglicherweise handelt es sich nur um eine akute Verstimmung. Das Kind ernst nehmen, aber auch auf schöne Ereignisse aufmerksam machen, die noch vor ihm liegen. Es ermuntern, sich an Aktivitäten zu beteiligen und versichern: „Traurige Gefühle können vergehen, das hast du doch schon erlebt.“ Kleine Ziele abstecken und vereinbaren, wann es wieder einen Austausch mit den Eltern geben soll. (hsh)