31.08.2017

Vom Ärger, von Gott zu Reden

"Hier stehe ich ..."

"Hier stehe ich und kann nicht anders!“, soll Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms gesagt haben. Auch wenn der Satz Legende ist: Da ging es ihm wie Jeremia, der von Gott reden musste, auch wenn es ihm nur Ärger einbrachte.


Foto: wikimedia
Luther auf dem Reichstag in Worms. Glasfenster von Joseph Ehrismann (1880-1937) in einer evangelischen Kirche im Elsass. Foto: wikimedia

 

Jeremia ging vor etwa zweieinhalbtausend Jahren den Bewohnern von Jerusalem mit seinen düsteren Prophezeiungen auf die Nerven. Als er publikumswirksam einen Weinkrug im unheimlichen Hinnomtal zerschlug, wo man Menschenopfer dargebracht hatte, und er erklärte, genauso werde dieses Volk und diese Stadt in Scherben brechen, da handelte er sich Prügel ein. 

Damals entstand dieses aufrührerische Gebet in der ersten Lesung. Eine von Frust und Selbstzweifel, Sinnlosigkeitsgefühlen und Wut geprägte Auseinandersetzung mit Gott, der seinem Propheten eine Lebensaufgabe gegeben hat und ihn dann ganz offensichtlich allein lässt, als er Hohn und Spott und Verfolgung erntet. Und trotzdem kann Jeremia nicht anders: „Wenn ich nicht mehr in seinem Namen spreche, so war es mir, als brenne in meinem Herzen ein Feuer.“

Luthers langes Ringen um einen Gott der Liebe

Zwei Jahrtausende später schrieb sich ein deutscher Augustinermönch ganz ähnliche Gefühle von der Seele, offenbarte er eine grässliche Furcht vor einem Gott, der nur aus Zorn und Rache-
bedürfnissen zu bestehen scheint: „Da gibt‘s keine Flucht, keinen Trost, weder innerlich noch äußerlich, sondern alles klagt an.“ Immer wieder Angst. Angst vor der ewigen Verdammnis, Angst vor dem eigenen Versagen. „Ich bin oft vor dem Namen Jesu erschrocken“, erinnert sich Martin Luther, „und wenn sein Name genannt wurde, so hätte ich lieber den Teufel nennen hören, denn ich dachte, ich müsse so lange gute Werke tun, bis Christus mir dadurch zum Freund und gnädig gemacht wurde.“

Sein Ordensoberer Johannes von Staupitz hatte damals erkannt, was hinter der Angst und zwanghaften Selbstüberforderung des jungen Luther stand: eine glühende Sehnsucht nach Liebe, nach vertrauensvollem Glauben. Und das wird der Bruder Martin in einem schmerzlichen, mühsamen Prozess lernen: Zwischen Mensch und Gott gibt es nicht die Regeln einer Geschäftsbeziehung, sondern nur das Gesetz der Liebe. Luther stellt fest:  „Ich konnte den gerechten, die Sünder strafenden Gott nicht lieben, im Gegenteil, ich hasste ihn sogar.“ Bis er begriff, dass Gottes Gerechtigkeit das Antlitz der Barmherzigkeit trägt – wie es schon die Propheten Israels verkündet hatten, auch Jeremia, der nicht nur Gottes Gericht ausmalt, sondern auch einen neuen Bund ankündigt. Und wie Jesus, der von einem zärtlichen Gott spricht, den man „Abba“ nennen darf: lieber Vater. In der mittel-
alterlichen Kirche war dieses Gottesbild zurückgedrängt worden von einer lähmenden Angst und vom Versuch, den himmlischen Richter mit Riten und Leistungen gnädig zu stimmen.

Er wollte keine neue Kirche gründen

Im Streit um den Ablass predigte Luther diese wiederentdeckte Theologie der Liebe Gottes einer ganzen Nation und am Ende der gesamten Christenheit. Wenn Christus den Menschen befreit und gerecht gemacht hatte, dann erübrigte sich all das furchtsame Rechnen mit Fegfeuerjahren und Bußwerken. Vom römischen Imperium, das um seine Kontrolle über die sündigen Menschen und den „Gnadenschatz“ der Kirche fürchtete, musste er sich freilich einen Ketzer schelten lassen – und bekannte doch wieder und wieder, dass er keine neue Kirche gründen, sondern lediglich die von ihm geliebte und anerkannte Kirche wieder an die einzige Autorität Christi und der Heiligen Schrift binden wollte. Auch wenn es um seinen Kopf ging: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“

Während Luthers Ideenwelt die Christenheit erobert und erneuert, verfällt er selbst immer wieder in trostlose Melancholie, stehen die alten Gespenster und unerledigten Konflikte in ihm auf, muss er reaktionären Feinden und fanatischen Freunden widerstehen. Seine Bewegung verselbstständigt sich, wird zum Spielball der Politik.

Kein Anspruch auf die rechte Lehre

Er hat Angst, reale Angst vor dem Teufel – und hält sich tapfer an der Hoffnung fest, dass „der kleinste von den Engeln, welche uns behüten, stärker ist als alle Teufel“. „Stoßen können sie, fällen können sie mich nicht“, freut er sich. „Ins Gefängnis bringen können sie, zwingen können sie nicht; hindern können sie, wehren können sie nicht; Zähne blecken können sie, fressen können sie nicht.“ 

Einen „armen stinkenden Madensack“ nennt er sich, einen „Mäusedreck“, der „keines Meister“ sein will und keinen Anspruch auf die rechte Lehre erhebt, nicht „bloß davon reden und die Worte erzählen“, sondern „sich von Herzen auf das Wort verlassen“ will und auf Christus, dessen Namen „in mein Herz gedrückt“ ist: „Dieser König kommt zu mir mit aller Sanftmut und Gnade und hilft mir von Sünden, Tod, Teufel und Hölle.“

Die Menschenseele ist dieselbe geblieben: Auch von Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King, von Mutter Teresa und Frére Roger aus Taizé sind ganz ähnliche Zweifel an Gottes Nähe und Auftrag überliefert. „Für mich schaut der Himmel wie ein leerer Platz aus“, notiert Mutter Teresa und entschließt sich, dann eben „Gottes verborgenes Angesicht anzulächeln“, weil sie von der Liebe zu ihm und zu den Menschen nicht lassen kann. 

Jeremia und Luther haben Nachfolger

Und Martin Luther King, der in den USA eine Revolution anführte und Reden hielt wie ein Volkstribun, war ein scheuer Mensch mit einem Hang zur Selbstquälerei, unter Hass und Unverständnis seiner Gegner leidend. Aber er musste eine Botschaft ausrichten: „Vor zweitausend Jahren sagte eine Stimme aus Betlehem, dass alle Menschen gleich sind. Es ist nicht falsch, über Straßen zu reden, in denen Milch und Honig fließen. Aber Gott hat uns befohlen, uns um die Slums hier unten zu sorgen und um seine Kinder, die nicht einmal drei ausreichende Mahlzeiten pro Tag erhalten.“ Da stand er und konnte nicht anders.

Und zum Schluss noch die Auflösung, was Luther wirklich sagte, bevor die Biografen den Satz verfälschten. Er sagte: „Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann ich und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“ Und das hätte auch Jeremia sagen können.

Von Christian Feldmann