25.04.2016

Krankenkommunion

Hostie mit Pferdestärke

Mehl und Wasser. Mehr braucht es nicht für Dank und Stärkung. Dazu Gebet und Gesang. Zusammen: Kommunion – „Gemeinschaft“, wie es aus dem Lateinischen übersetzt werden kann. Im Gotteshaus wie im Wohnzimmer.

Freitagmorgen, St. Matthias in Achim – eine 30 000 Einwohner zählende Stadt kurz vor Bremen. Zu St. Matthias gehören gut 5000 Katholiken. Doch ist der Einzugsbereich der Pfarrei nicht nur auf die Stadt Achim beschränkt. Er ragt weit in den umgebenden Landkreis hinein. 45 Ortschaften in der Umgebung werden von St. Matthias aus betreut, auf gut 400 Quadratkilometern. Von der Fläche her so groß wie Andorra – oder zweimal Hannover. Die Wege sind weit in der Diaspora.

Zwölf Katholikinnen und Katholiken haben sich an diesem Freitagmorgen um 8.30 Uhr in der Kirche eingefunden. Zusammen mit dem aus Indien stammenden Pastor Sebastian Chencheril feiern sie Eucharistie. Im Halbkreis versammeln sie sich direkt um den Altar. Sie beten, sie singen, sie halten Fürbitte und Mahl.
Nach der Wandlung teilt Chenceril die große, konsekrierte Zelebrationshostie in 15 Stücke. Zwölf für die Gottesdienstbesucher, eines für ihn. Sie kommunizieren gemeinsam. Zwei Stücke des gebrochenen und geteilten Leibes Christi verbleiben auf der Patene, der Hostienschale. Chenceril legt sie nach der Kommunion in ein kleines vergoldetes Gefäß, die Pyxis.

Im Gottesdienst spricht Pastor Sebastian Chencheril die Wandlungsworte. Foto: Wala

Oftmals ein Dienst für die „Treuesten der Treuen“

Diese Dose übergibt er nach dem Segen Reiner Grusche. Seit vielen Jahren engagiert sich Grusche als Kommunionhelfer. Dabei ist dem heute 66-Jährigen das Überbringen der Krankenkommunion besonders wichtig. „Das schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit denen, die nicht mehr in den Gottesdienst kommen können“, ist Grusche überzeugt. Zumal oftmals gerade die Frauen und Männer darum bitten, die über Jahre das Leben von Kirche und Gemeinde mitgestaltet haben. „Die Treuesten der Treuen“, sagt Grusche und lächelt anerkennend.

Grusche gehört selbst zu jenen Treuen. So kümmert er sich um die baulichen Angelegenheiten von St. Paulus, der Filialkirche im benachbarten Oyten. Dazu zählt auch der „Familiengarten“ – eine Kombination aus Kindertagesstätte, Kirche und Beratungsangeboten der Caritas. Ökumene, liturgische Dienste: Sein Arbeitsbereich im Pastoralrat der Pfarrei ist groß. „Ja, da kommt was zusammen“, sagt Grusche schlicht. Früher hat er in der Bauverwaltung unter anderem Großbaustellen zur  Sanierung von Autobahnen mitbetreut.

Nach der Wandlung wird die Hostie geteilt und von Pastor Sebastian Chencheril in die Pyxis gelegt. Foto: Wala

Jetzt steigt er ins Auto. Das geteilte Brot in der Pyxis bekommt nun Pferdestärken. Knapp 20 Minuten Fahrt liegen vor Grusche. Zwei Orte weiter. Er ist vorbereitet, hat eine kleine Andacht ausgearbeitet. „Die Krankenkommunion braucht einen würdigen Rahmen“, betont Grusche. Sie sei ja kein Lieferdienst für Hostien. Wer die Kommunion zu Hause empfange, müsse spüren, „dass er zur Gemeinschaft der Glaubenden gehört und teilnimmt an unserer Feier der Eucharistie.“ Deshalb sei es so wichtig, dass die beiden mitreisenden Hostienstücke gewissermaßen vom Gottesdienst in St. Matthias weitergereicht werden.

Krankenkommunion hat für Grusche etwas mit der Erfahrung von Emmaus zu tun – jener biblischen  Erzählung, in der zwei Jünger ein Stück Weg mit dem auferstandenen Jesus gehen. Zuerst wissen sie nicht, wer mit ihnen unterwegs ist.  Erst als Christus das Brot bricht, erkennen sie ihn. Für Grusche ist die Geschichte aus dem Lukas-Evangelium zu einem Leitwort seines Engagements geworden. „Das ist doch gemeint, wenn es heißt: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“, ist er überzeugt. Wie in jeder Krankenkommunion.

Reiner Grusche bringt die Kommunion zu kranken Menschen der Gemeinde wie Margarte Herber. Foto: Wala

„Wie schön, dass du jetzt da bist“

Angekommen. Margarete Herber, 93 Jahre alt, öffnet die Tür. „Hallo, Reiner, schön, dass du jetzt da bist“. „Habe ich dir doch versprochen.“ Man kennt sich. Seit vielen Jahren. Wie viele genau? Schwer zu sagen. Halbe Ewigkeit. Aber die wiederkehrenden Besuche mit der Krankenkommunion haben aus Bekannten Freunde gemacht – vor allem seit dem Tod ihres Mannes.

Margarete Herber hat den Wohnzimmertisch gedeckt. Eine weiße Decke, drei Kerzen, ein Kreuz und ein kleiner Kelch mit Weihwasser. Kreuz und Kelch sind schon lange im Besitz der Familie. So lange, dass Margarete Herber nicht mehr weiß, woher sie stammen. „Sonst hängt das Kreuz neben der Wohnzimmertür“, erzählt sie. Margarete Herber und Reiner Grusche werden nicht allein feiern. Christa Kaufmann, 94 Jahre, ein paar Straßen weiter lebend, ist auch gekommen.

Grusche beginnt die Feier im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Schuldbekenntnis, Gebet und Lesung folgen. Worte aus dem Lukas-Evangelium, die Verheißung des Reiches Gottes. Gemeinsam wird das Vaterunser gesprochen, alle drei singen: „Beim letzten Abendmahle, die Nacht vor seinem Tod ...“ Grusche betet: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gelebt.“ Er lädt ein zur Kommunion, die beiden Frauen nehmen den Leib des Herrn – das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt.  Gebet und Segen beschließen die kleine, würdige Feier.

Für die kleine Feier hat Margarete Herber alles vorbereitet. Foto: Wala

Neuigkeiten, Erinnerungen und Geschichten

Danach bleibt noch Zeit. Heute mal für eine Tasse Kaffee, manchmal für einen Schluck Wasser. Neuigkeiten werden ausgetauscht: „Was macht denn ...“  Ein Kirchvorplatz im Kleinen. Auch Erinnerungen gehören dazu: „Früher gab es einen großen Reisebus, mit dem wir zum Gottesdienst gefahren sind“, erzählt Margarete Herber. Eine echte Herausforderung für junge Familien, rechtzeitig zur Abfahrt fertig zu sein. Später war es dann der Kirchenbully, der Gottesdienstbesucher eingesammelt hat.

„Wir wurden immer weniger und immer älter“, sagt Margarete Herber. Ohne Wehmut, nicht als Klage. Sondern weil es einfach so ist. Jetzt bleibt ein gelegentlicher katholischer Gottesdienst in der evangelischen Kirche des Ortes – und die Krankenkommunion. Für Margarete Herber und Christa Kaufmann steckt in dem kleinen Stück Brot unendlich viel: Stärkung ebenso wie das Gefühl, nicht vergessen zu sein, immer noch zur Gemeinschaft von St. Matthias dazuzugehören. „Sie glauben gar nicht, wie wichtig das ist“, sagt Margarete Herber.

Zeit zum Aufbruch. Grusche verabschiedet sich – nicht ohne das Versprechen wiederzukommen. „Ich glaube, viele normale Gottesdienstteilnehmer in der Gemeinde wissen gar nicht, dass diese Besuche die eigentliche Aufgabe von Kommunionhelfern sind“, sagt er nachdenklich:  „Auch ist wohl nur wenigen klar, dass wir die Krankenkommuion feiern – mit Gebet und Gesang:“ Gesehen werde nur das Austeilen der Hostien in der heiligen Messe.  Grusche kennt auch die manchmal bissigen Bemerkungen über das  Schaulaufen von Laien am Altar: „Aber das ist es nicht.“

Wer die Kommunion zu kranken und alten Menschen bringt, entdeckt vieles neu oder intensiver, meint Grusche. Wie versteckt dieser Dienst ist. Wie viel Freude er bringt. Wie wichtig Rituale in der Seelsorge sind. Und dass Kommunion Gemeinschaft bedeutet – mit Gott und unter den Menschen.

Rüdiger Wala