Dialogprozess der Kirche

Im Blick: Was das Bistum bewegt

Mannheim, 8./9. Juli: Auftakt zum Dialog. 300 Teilnehmer – Laien, Priester, Bischöfe –  diskutieren über Perspektiven für die Kirche von morgen. Mit einem Dialog-Tag am 3. Oktober beginnt jetzt der Diskussionsprozess im Bistum. Was bringt ein solcher Tag? Darüber sprach Rüdiger Wala mit Elisabeth Eicke und Generalvikar Werner Schreer.

Frau Eicke, Sie waren beim bundesweiten Dialog-Auftakt in Mannheim dabei. War es eine gelungene Veranstaltung?

Eicke: Das war es. Deutlich wurde, wie wichtig der Dialog ist. Schließlich ist das Dialogische etwas sehr

Die Vorsitzende des Diözesanrates, Elisabeth Eicke

Christliches – auch Gott ist mit uns im Dialog, gerade in Krisensituationen. Miteinander im Dialog sein,  mit allen, denen Kirche am Herzen liegt: Das ist eine große Aufgabe. Ich habe in Mannheim eine große Sehnsucht  verspürt – die Sehnsucht, dass die Kirche in unserer Welt, in unserem Land weiterleben kann. Der Auftakt-Dialog war von einer großen Offenheit geprägt. Alle Sorgen um die Kirche wurden ernst genommen. Ich habe da viel Leidenschaft bei den Gesprächen mitbekommen. Als große Herausforderung wurde übereinstimmend eine Frage gesehen: Wie überwinden wir die Sprachlosigkeit in der Kirche genauso wie die Sprachlosigkeit nach außen?

Herr Generalvikar, Sie waren in Mannheim zwar nicht dabei, aber ein aufmerksamer Beobachter aus der Ferne. Was ist Ihr Fazit?

Schreer: Ich kann mich nur auf Medien oder Gespräche berufen. Mein genereller Eindruck ist, dass diese Auftaktveranstaltung gelungen ist. Es war ein Anfang, der ermutigt, auf dem man aufbauen kann. Große inhaltliche Erklärungen waren ja im Vorfeld nicht zu erwarten. Es hat sich vor allem eine Atmosphäre des Gesprächs entwickelt, ist die belastbar. Man darf unterschiedliche Meinungen haben. Das ist beim Ringen um den richtigen Weg von zentraler Bedeutung.

Nun beginnt mit einem Dialogtag, getragen von Diözesan- und Priesterrat wie der Bistumsleitung, der Gesprächsprozess zwischen Cuxhaven und Hann. Münden. Frau Eicke: Was erwarten, was erhoffen Sie?

Eicke: Dialog zwischen Laien und Klerus, zwischen Gemeinden und Leitung, ist grundsätzlich nichts Neues für das Bistum. Denken Sie nur an die Modellprojekte oder die Prozesse lokaler Kirchenentwicklung, die angestoßen wurden. An vielen Orten haben wir schon Dialogprozesse, kommen gut miteinander voran. Ich freue mich sehr, dass der Bischof zum Dialogtag einlädt. Ich erwarte vor allem die Bereitschaft, gut zuzuhören.  Ich erhoffe, dass alle Teilnehmer sagen, was sie bewegt, dass keine Ängste entstehen. Wenn wir eine Kultur des Vertrauen finden, wenn wir uns gegenseitig ernst nehmen, dann verspreche ich mir eines: Dass der Geist Gottes weht, und wir Wege aus der Krise finden. Denn eine Krise, in der wir Kirchen schließen, haben wir auch in unserem Bistum. Das ist keine Frage.

Deckt sich das mit Ihren Erwartungen, Herr Generalvikar?

Generalvikar Dr. Werner Schreer

Schreer: Das deckt sich. Ich würde gerne ergänzen, dass ein Dialog auf verschiedenen Ebenen nötig ist. Das heißt: Wenn es auf bundesdeutscher Ebene einen Dialogprozess gibt, muss auch ein Fenster auf Bistumsebene eröffnet werden. Schon allein, damit sich möglichst viele Menschen einbringen können. Deshalb wird es beim Dialogtag darum gehen, wie wir diesen Prozess im Bistum gestalten. Man kann nicht sagen: Wir haben jetzt mit dem Diözesanrat und dem Priesterrat die beiden großen Gremien und die machen das schon. Wir sind eine Kirche, an der jeder getaufte und gefirmte Christ teilhaben kann. Für die Teilhabe müssen wir Orte schaffen, an denen das möglich ist. Und vielleicht entdecken wir ja über Pfarreien und Gremien hinaus ganz neue Orte.

Den Prozess anstoßen, ist das eine. Aber welche Themen sollen ins Gespräch eingebracht werden? Geht es eher um die großen Fragen nach Zölibat und Frauenpriestertum oder um die vermeintlich kleinen der lokalen Kirchenentwicklungen? Was möchte der Diözesanrat ansprechen?

Eicke: Es ist ein offener Prozess und alle entscheiden, welche Themen festgelegt werden. Insofern kann ich da nicht für den ganzen Diözesanrat sprechen. Die Frage ist, geht es an erster Stelle um die großen Themen oder brennt den Teilnehmern und den Katholiken im Bistum nicht etwas anderes im Herz.

Frau Eicke, über welche Themen würden Sie denn persönlich sprechen wollen, was brennt Ihnen im Herz?

Eicke: Glaubwürdigkeit hängt von Glaubenserfahrungen ab. Wenn wir nicht gemeinsam Glaubenserfahrungen sammeln, dann können wir nicht glaubwürdig sein. Ich würde gern darüber reden, wo es uns schon gelingt, Glauben miteinander zu teilen. Daraus folgt: Wie kann das ausgebaut werden? In Glaubensdingen haben wir eine große Sprachlosigkeit. Zweites Thema: die Teilhabe. Menschen, die sich als getaufte und gefirmte Christen dazu berufen fühlen, Kirche zu gestalten, verdienen die Chance, das zu tun. Dafür müssen wir Chancen und Räume ermöglichen.

Was würden Sie gern als Themen einbringen?

Schreer: Ich bin da genauso zurückhaltend wie Frau Eicke. Denn wir wollen beim Auftakt darüber ins Gespräch kommen, welches die Themen sind, für es sich lohnt, Zeit und Kraft zu investieren. Da bin ich gespannt, was wir miteinander vereinbaren. Ich möchte das gern offenhalten.

Trotzdem nachfragt: Worüber möchte der getaufte und gefirmte Christ Werner Schreer sprechen?

Schreer: Verstehen Sie bitte meine Vorsicht. Ich möchte nicht über die KirchenZeitung den Eindruck erwecken: Der Generalvikar hat schon mal gesagt, über das und das müssen wir reden. Punkt. Das liegt mir fern. Daher nur eine grundsätzliche Bemerkung: Es geht meiner Ansicht nach um das, was uns im Bistum bewegt. Wir werden kleiner. Wir schließen Gebäude und profanieren Kirchen. Wir haben einen Mangel an Priestern – und an einer ganzen Reihe anderer Dinge. Dem müssen wir uns stellen.

Also der Blickwinkel auf das eigene Bistum?

Schreer: Um nicht falsch verstanden zu werden, noch mal in aller Deutlichkeit: Dialog heißt zu schauen, wo gibt es Punkte, die uns besonders drücken. Wir müssen uns darüber verständigen, worum geht es eigentlich. Es ist nicht so, dass der Bischof die Themen vorgibt und es gibt nichts anderes zu beraten. Das wäre nicht gut. Ich bin gespannt darauf, welche Themen als entscheidend herauskristallisieren werden. Es werden sicher Themen sein, die die Weiterentwicklung unseres Bistums betreffen. Vor allem, wo wir wirklich miteinander Gestaltungsräume haben.

Das betrifft, Frau Eicke, da auch ein neues Miteinander von Laien und Klerus?

Eicke: So neu ist dieses Miteinander nicht. Wir sind in den vergangenen Jahren viele Schritte aufeinander zugegangen. Das ist Ausdruck des oft genannten und wichtigen gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen. Wenn Priester- und Diözesanrat gemeinsam den Dialogtag als Auftakt gestalten, hat das eine neue Qualität. Es knüpft an die vielen Arbeitsebenen an, wo wir versuchen, dieses veränderte Miteinander zu leben. Da gibt es in Gemeinden und Dekanaten viele Beispiele dafür. Denn eines ist doch klar: Weder der Diözesanrat- noch der Priesterrat können die Kirche von Hildesheim alleine gestalten

Was sagt ein Priester dazu?

Schreer: Wir entwickeln weiter, was schon gibt. Schließlich hat sich unsere Kirche verändert. In einer Kirche mit vielen Priestern,wie vor 40 Jahren, sind viele Aufgaben bei den Priestern zentriert worden. Da gab es faktisch keine Notwendigkeit des Miteinanders. Das hat sich geändert. Zum Zweiten: Es geht auch um den Stil, um den Ausgang eines Dialogs. Das gemeinsame Priestertum aller Getauften und Gefirmten bildet die Grundlage. Auf dieser Basis gibt es dann unterschiedliche Funktionen und Ämter – und nicht andersrum. Dieses veränderte Miteinander von Gläubigen und Priestern gelingt vor Ort an vielen Stellen – und manchmal misslingt es auch.

Es wird auf dem Dialogtag auch gemeinsam gebetet. Eine Pflichtübung?

Schreer: Nein, ganz und gar nicht.  Ich würde zwischen Dialog und Gebet keine starre Grenze ziehen. Wo Dialog gelingt, wo man sich öffnet, da ist der Heilige Geist dabei. Das ist schon ein geistliches Geschehen – und damit auch ein Gebet. Im Gebet wird etwas, das schon da ist, sprachlich anders gefasst, auch an einem anderen Ort. Lassen Sie mich das bitte am Sonntagsgottesdienst verdeutlichen. Gottesdienst heißt ja nicht: Es gibt diese eine Stunde, die dem lieben Gott gehört und alle anderen 167 Stunden in der Woche gehören mir. Die 167 Stunden bündeln sich eher in der einen Stunde. Gebet ist nicht Weltentrücktes.

Eicke: Das sehe ich genauso. Das gemeinsame Gebet an diesem Tag ist nicht etwas, was wir mal eben so hinter uns bringen. Es macht uns offen für das Wirken des Heiligen Geistes. Es öffnet Räume für Überraschungen. Wir können alles vor Gott legen, was uns berührt. Wir können spüren, was wirklich Bedeutung hat. Unser gemeinsames Gebet ist Ausdruck einer Haltung, wie wir den Dialog gestalten wollen. Ich gehe ja nicht zu einer Parlamentsdebatte.

Schreer: Das weist auf den Unterschied zwischen Debatte und geistlichem Dialog hin. Debatte meint: Unterschiedliche Interessengruppen kommen zusammen, diskutieren und jede versucht für sich möglichst viel herauszuholen. Das ist legitim. Das haben wir auch in der Kirche, wenn beispielsweise über das Verteilen von Geld gesprochen wird. Dialog wäre, gemeinsam zu schauen, was für unsere Kirche der beste Weg ist – unter der Führung des Heiligen Geistes. Das ist gar nicht unsere Entscheidung. Sondern wir müssen spüren, wo Gott uns hinführt. Das ist auch Ziel des Bischofs. Natürlich leitet er das Bistum. Aber um das gut zu tun, muss er mit vielen reden. Denn der Heilige Geist redet nicht exklusiv mit ihm. Auch nicht exklusiv mit dem Generalvikar. Sondern mit allen.

Frau Eicke, welche Hoffnung verbinden Sie mit dem Dialog-Tag?

Eicke: Weiter auf dem Weg zu gehen, miteinander Kirche sein. Ein solcher Tag kann uns dabei stärken. Es geht doch auch um die Gewissheit, dass Gott in unserer Kirche gegenwärtig ist. Gottes Nähe und seine Liebe sind es, die unsere Kirche lebendig erhält, die in uns und durch uns wirken. Ich hoffe, dass wir die Kraft finden, Menschen mitzunehmen, mehr Teilhabe an Kirche ermöglichen. Dabei dürfen wir uns aber nicht nur mit uns selbst beschäftigen: Wir sind schließlich von Gott in die Welt gesandt.

Und Ihre Hoffnung, Herr Generalvikar?

Schreer: Wenn ich am Ende des Tages nach Hause gehen und sagen kann: Wir haben aus Sorge um das Bistum die wesentliche Fragen gefunden, denen wir uns bistumsweit widmen müssen, wäre ich wirklich zufrieden. Dann gilt das Engagement aller Beteiligten der Kirche von Hildesheim und nicht einem einzelnen Interesse. Dann verzetteln wir uns nicht im Kampf um C-Kirchen oder in Fragen, die wir nicht lösen können.

 

Interview: Rüdiger Wala

Kommentare

Mehr (Interview-) Deutlichkeit war wohl schier nicht möglich. Die Hoffnungen (verkürzt wiedergegeben) von Frau Eicke beruhen also darauf "weiter auf dem Weg zu gehen, miteinander Kirche sein", und der Herr Generalvikar Dr. Schreer hofft, die wesentlichen Fragen fürs Bistum zu finden, sich jedoch nicht in unlösbaren Fragen zu verzetteln. Das klingt für reformengagierte KatholikInnen nicht nach einem - der dramatischen Kirchenkrise angemessen - spannenden Dialog-Tag. 
Peter Sutor (Sprecher der KirchenVolksBewegung im Bistum Hildesheim)