24.03.2017

Fasten mit allen Sinnen

Immer der Nase nach

Der Mensch sieht, riecht, schmeckt, hört, tastet und kennt sogar einen sechsten Sinn. Ist es sinnvoll, die Sinne in der Fastenzeit einmal etwas zu zügeln? Im vierten Teil unserer Serie „Fasten mit allen Sinnen“ geht es um das Riechen.


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Sie entscheidet, wen wir lieben und wen wir nicht riechen können: unsere Nase. Foto: istockphoto 

 

Wer atmen will, muss riechen. Eine Methode zu erfinden, wie man in der Fastenzeit auf das Riechen verzichten könnte, gestaltet sich also ziemlich schwierig, sofern man nicht bis Ostern an Schnupfen leidet. Aber auch zum Geruchssinn gibt es inspirierende Gedanken und Übungen für die Fastenzeit. 

„Inspirieren“ kommt aus dem Lateinischen und heißt „einatmen“, aber auch „begeistern“. Der Geruchssinn ist der Sinn, der am stärksten mit unserem Gedächtnis verbunden ist: Die Kirche meiner Kindheit erkenne ich am Geruch. Auch ohne Weihrauch bilden die kalten Steine, die wächsernen Teelichter, die Sitzpolster mit Stoffgummibeschichtung, das Eichenholz der Beichtstühle und das gebleichte Papier der Gotteslobe eine komplexe wie einzigartige Duft-Komposition, die ich blind wiedererkenne. Auch Personen, Gegenstände und sogar Erlebnisse erscheinen mir vor Augen, wenn ich bestimmte Duftstoffe wahrnehme: sei es ein spezielles Waschmittel, mit dem ich einen alten Freund in Verbindung bringe, oder eine Teesorte, deren Geruch mich an den Nordsee-Urlaub vor zwölf Jahren erinnert.

Das lebenslange Sammeln von Gerüchen beginnt als Säugling: Der Körpergeruch der eigenen Mutter ist von enormer Bedeutung für die psychische Bindung. Dieser Mechanismus hilft später auch beim Verlieben: Entweder kann ich jemanden nicht riechen, oder die Chemie zwischen zwei Menschen stimmt. Ein guter Riecher fungiert auch als Frühwarnsystem für gefährliche Orte, giftige oder vergammelte Lebensmittel oder solche, die unser Körper zurzeit nicht verlangt.

Meistens funktioniert der Geruchssinn unterbewusst. In der Fastenzeit bietet es sich an, die Nase ganz bewusst in diese sechs Angelegenheiten zu stecken:

1. Nase frei machen
In Parfumgeschäften stehen Schalen mit Kaffeebohnen bereit. Wer daran riecht, soll seinen strapazierten Geruchssinn von allen Sinneseindrücken befreien können, um unvoreingenommen an den nächsten Teststreifen zu schnuppern. Auch in meinem Alltag kann ich einmal alles zurücksetzen, um mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und wer sich bewusst freimacht von dem, was seine Gedanken belastet oder seinen Terminkalender verstopft, wird empfänglich für neue Eindrücke.

2. Nase zuhalten
Manches lerne ich erst wieder zu schätzen, wenn ich eine Weile darauf verzichten muss. In der Kirche gibt es bis Ostern weder Weihrauch noch Blumenschmuck. Auch auf das volle Bouqet eines Rotweins, die würzige Chilli-Sauce, den Kräutertee oder mein herbes Parfum will ich in der Fastenzeit verzichten.

3. Immer der Nase nach
Nach diesem Prinzip kann ich etwas Neues ausprobieren ohne blind loszustürmen aber auch, ohne allzu wählerisch abzuwägen. Schnupperkurse sind wenig verbindlich, bieten mir aber wertvolle Einblicke in ein fremdes Handwerk, einen Sport oder ein Musikinstrument. Warum nicht drei Abende Salsa tanzen oder Schwedisch üben? Warum nicht mal anders abbiegen beim gewohnten Spaziergang? Darüber hinaus kann ich die Fastenzeit nutzen, um Leuten, die ich eigentlich nicht riechen kann, noch eine Chance zu geben. Möglichst unvoreingenommen will ich die Person erneut kennenlernen und die feinen Nuancen ihres Charakters ausmachen. 

vbp4. Hingehen, wo es stinkt
Am frisch gebackenen Brot riecht jeder gerne und selbst ein frisch gedüngtes Feld verbinde ich meist noch mit positiven Gedanken: Geschmäcker sind eben verschieden. Von manchem Duft in einem Altenheim oder auf einer Krankenstation werden unter Umständen jedoch viele Besucher abgeschreckt. Das sollte mich allerdings nicht daran hindern, die alte Nachbarin wieder zu besuchen.

5. Den eigenen Stallgeruch wahrnehmen
Paulus schrieb: „Dank sei Gott, der ... durch uns den Geruch seiner Erkenntnis an allen Orten verbreitet! Denn wir sind Christi Wohlgeruch für Gott unter denen, die gerettet werden, wie unter denen, die verloren gehen.“ (2 Kor 2,14f). An seinen eigenen Duft hat man sich so sehr gewöhnt, dass man ihn in der Regel kaum mehr wahrnehmen kann. Daher frage ich selbstkritisch: Wie reagieren andere auf meine Art, mein Reden und Handeln? Können sie an mir den „Wohlgeruch“ der Frohen Botschaft erahnen oder wird dieser von anderen Noten übertüncht?

6. Nase runter
Hochnäsig werde ich, wenn ich immerzu die Nase rümpfe. Was eigentlich ein natürlicher Schutzreflex gegen giftige Dämpfe ist, schlägt an, wenn ich mich ekele oder einen fremden Geruch wahrnehme. Dabei reagieren manche Nasen etwas zu sensibel: Nicht alles, was ungewöhnlich riecht oder was ich befremdlich finde, ist schlecht. An vieles kann man sich gut gewöhnen. In der Fastenzeit will ich meine Hochnäsigkeit hinterfragen. Wenn ich sonst erst ab vier Sternen ein Restaurant betrete, probiere ich den Imbiss am Bahnhof. Und andersrum: Wenn ich über Leute lache, die viel Geld für eine kleine Portion im chicen Lokal ausgeben, probiere ich genau das. Oder ich lasse mich als Chopin-Hörer mal auf Rap-Musik ein – und der Hip-Hopper entdeckt Tschaikowsky.

 

Von Philipp Adolphs