08.06.2017

Die Geschichte der Toten an der DDR-Grenze

Jüngstes Opfer war sechs Monate alt

Eine neue Studie erzählt die Geschichten der Toten: an 327 Schicksale wird in dem Handbuch erinnert.

Foto: kna
Gedenkstelle der Mauer zur ehemaligen DDR in Berlin
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Rainer Balhorn erreichte am 18. Dezember 1970 zwar noch das rettende Ufer beim niedersächsischen Hitzacker. Aber wenig später musste der 15-Jährige den eisigen Wassertemperaturen der Elbe Tribut zollen, die er zuvor bei seiner Flucht aus der DDR mit einem Freund schwimmend durchquert hatte. Balhorn starb an Unterkühlung und Entkräftung.

Franziskanerin Sigrada Witte aus dem damaligen Katholischen Waisen- und Erziehungshaus Oschersleben wurde am 10. August 1951 tot bei Hötersleben in Sachsen-Anhalt aufgefunden - sie war auf dem Weg zu ihrem Vater im Sauerland. Offiziellen Angaben zufolge starb die Ordensschwester an einem Herzschlag; vermutlich jedoch wurde sie beim Grenzübertritt erschossen.

Zwei Schicksale von 327, die das am Mittwoch präsentierte Handbuch "Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze" in Erinnerung ruft. Viele von ihnen starben auf der Flucht, manche aufgrund fataler Zufälle; einige Polizisten und Soldaten töteten sich selbst, weil sie die unmenschlichen Zustände an der deutsch-deutschen Grenze nicht mehr ertrugen. Insgesamt überprüften die Projektleiter Klaus Schroeder und Jochen Staadt vom Forschungsverbund "SED-Staat" an der Freien Universität Berlin mit ihrem Team 1.492 Verdachtsfälle, die sich von 1949 bis 1989 zwischen Lübecker Bucht und der damaligen Tschechoslowakei zutrugen.

Ursprünglich wollten die Wissenschaftler ihre Studie bereits 2015 zum Abschluss bringen, wie der MDR berichtet. Doch die Recherche und Suche in Archiven verlief schwieriger als angenommen. Manche Unterlagen seien erst im dritten Anlauf bereitgestellt worden. Auch Akten aus Ermittlungsverfahren gegen DDR-Grenzsoldaten habe man erst "nach Überzeugungsarbeit" einsehen können.

 

Schwierige, aber notwendige Analyse

Das allein mag zeigen, wie notwendig die Analyse dieses düsteren Kapitels der deutsch-deutschen Geschichte auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Wende ist. Für Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), deren Haus mit den Ländern Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Hessen das rund 642.000 Euro teure Vorhaben finanzierte, weist die Bewältigung der Vergangenheit auch in die unmittelbare Gegenwart.

"Spätestens seit Demagogen, Populisten und Nationalisten auch in Deutschland wieder Beifall für ihre Angriffe auf demokratische Institutionen und Errungenschaften bekommen, ist offensichtlich, wie sehr wir die bitteren Erkenntnisse aus der Aufarbeitung von NS-Terrorherrschaft und SED-Diktatur brauchen", so die CDU-Politikerin. Die Freiheit brauche auch dort Verteidiger, "wo die Selbstentfaltung nicht an Mauern, Stacheldraht und Minenfeldern endet".

Ebenso wichtig sei aber das Gedenken an die Toten selbst. Der jüngste von ihnen, ein sechs Monate alter Säugling, erstickte im Juli 1977 im Kofferraum eines Fluchtfahrzeugs. Der älteste, ein Landwirt aus dem niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg war 81 Jahre alt, als er im Sommer 1967 irrtümlich in den "Todesstreifen" geriet. Landminen rissen ihm beide Beine ab. "Sein Todeskampf dauerte mehr als drei Stunden", halten die Forscher fest. Der schwer verletzte Mann "verblutete unter den Augen eines DDR-Regimentsarztes, der sich nicht in den verminten Grenzstreifen wagte".

Mit dem jetzt vorgelegten Handbuch ist laut Angaben der Projektleiter Schroeder und Staadt die Aufarbeitung der Todesfälle an der innerdeutschen Grenze abgeschlossen. Zuvor hatten Untersuchungen für Berlin zusätzliche 39 Tote vor dem Bau der Mauer 1961 und weitere 139 in der Zeit danach ergeben. Allerdings, so betonen die Wissenschaftler, seien zu Todesfällen von DDR-Bürgern bei Fluchtversuchen über die Ostsee und über Grenzen anderer Ostblockstaaten weitere Recherchen nötig.

Eine eigenes Thema ist die juristische Aufarbeitung des Geschehens. Die für Mord- und Totschlag an der innerdeutschen Grenze politisch und militärisch verantwortlichen DDR-Funktionäre seien nach der deutschen Vereinigung nur milde bestraft worden seien, sagt Schroeder. "Die Verfahren gegen DDR-Grenzpolizisten und Grenzsoldaten, denen eine tödliche Schussabgabe auf Flüchtlinge an der DDR-Grenze nachgewiesen werden konnte, endeten entweder mit Freisprüchen oder Bewährungsstrafen." 

kna