31.05.2017

Jetzt mit „Werte und Normen“

Es ist ein Test: An zehn Grundschulen in Niedersachsen will das Kultusministerium das Fach „Werte und Normen“ erproben. Nicht als Ersatz für den konfessionellen Religionsunterricht, sondern als Ergänzung.

Grundschüler in Niedersachsen können demnächst
auch im Fach Werte und Normen unterrichtet
werden. | Fotos: Archiv

Eines will Kultusministerin Frauke Heiligenstadt gleich klarstellen – und das mit Nachdruck: „Wenn wir jetzt Werte und Normen an Grundschulen erproben wollen, ist das eine Alternative zum konfessionellen Religionsunterricht und kein Ersatz.“ Dem Religionsunterricht komme eine besondere Rolle zu: „Dazu bekennen wir uns als Landesregierung. Der Religionsunterricht ist als einziger Unterricht grundgesetzlich verankert und hat auch im Niedersächsischen Schulgesetz einen besonderen Stellenwert.“

Dennoch könne sich Heiligenstadt nicht vor einen spürbaren gesellschaftlichen Entwicklung verschließen: „Wir vernehmen vermehrt den Wunsch von Eltern nach einem Alternativfach für Grundschülerinnen und Grundschüler, die nicht an einem bekenntnisorientierten konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen möchten.“ Diese Alternative –  das Fach Werte und Normen – gibt es erst ab Klasse fünf in Niedersachsen und nicht an den Grundschulen.

25 Prozent der Schüler sind konfessionslos

Aktuelle Zahlen, die die Sozialdemokratin vorlegt, sprechen für sie eine eindeutige Sprache: Rund 280 000 Sechs- bis Zehnjährige besuchen zurzeit die Grundschulen in Niedersachsen. Gut 72 000 von ihnen gehören keiner Konfession an – knapp 25 Prozent. „Eine starke Gruppe, das hat mich doch sehr überrascht“, sagt Heiligenstadt. Rund 123 000 Kinder sind evangelisch, fast 47 000 katholisch, um die 21 000 muslimisch, und 14 000 Mädchen und Jungen gehören einer anderen Religionsgemeinschaft an – jüdisch, alevitisch oder orthodox.

Bisher nehmen 91 Prozent der Grundschulkinder am Religionsunterricht teil – in durchaus unterschiedlichen Formen: bekenntnisorientiert oder konfessionell-übergreifend. Grundsätzlich gilt: Religionsunterricht ist einzurichten, wenn mindestens zwölf Schüler einer Schule hierfür infrage kommen.

Die hohe Teilnahme ändert sich mit Blick auf die weiterführenden Schulen. Ab Klasse fünf sind es rund 29 Prozent der Schüler, die sich für Werte und Normen entscheiden. Für Heiligenstadt ein Grund mehr, auch den Eltern von Grundschülern diese Wahlmöglichkeit zu geben. In Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es bereits ein entsprechendes Angebot.

 

Kultusministerin Frauke Heiligenstadt: Am Religions-
unterricht wird nicht gerüttelt.

Ethischer Wegweiser und Grundzüge der Religion

Warum nun eine Testphase: „Man kann nicht einfach ein Fach einführen“, betont Heiligenstadt.  Zunächst müssten Grundlagen geschaffen werden.  Was soll genau unterrichtet werden – wenn das Fach sowohl eine Art ethischer Wegweiser für das gesellschaftliche Zusammenleben sein, aber natürlich auch die Grundzüge der Weltreligionen vermitteln soll: „Das muss an den teilnehmenden Schulen auch mit den Religionslehrkräften abgestimmt werden.“ Und weiter: „Es geht uns um einen offenen Dialog zwischen Glauben und Nichtglauben.“

Für den Schulversuch will Heiligenstadt Lehrer mit Facherfahrung einsetzen: „Das sind Lehrer, die bereits über einen Lehrbefähigung für Werte und Normen an weiterführenden Schulen verfügen und an Grundschulen andere Fächer unterrichten.“  Ob das Fach an allen niedersächsischen Grundschulen eingeführt wird, soll nach einer Auswertung des Versuchs entschieden werden. Kommt es dazu, müssten pädagogische Ausbildungsgänge und Bildungspläne entwickelt und das Schulgesetz geändert werden: „Das ist ein großer Aufwand, deshalb wollen wir in Ruhe die Erfahrungen auswerten.“

Für das Bistum Hildesheim begrüßt Dr. Jörg-Dieter Wächter die Entscheidung des Kultusministeriums: „Es ist eine schon lange erhobene Forderung der Kirchen, eine angemessene Alternative zum Religionsunterricht an Grundschulen zu ermöglichen.“ Kinder haben ein Recht auf religiöse oder weltanschauliche Bildung: „Die wichtigen, die wirklich entscheidenden Fragen des Lebens haben immer etwas mit Glauben oder Ethik zu tun – auch an der Grundschule.“

Rüdiger Wala

 

Richtig – und überfällig
Religion ist ein beliebtes Fach, auch an Grundschulen. Nachdenken über Gott und die Welt, über das, was wichtig ist im Leben – ein wichtiges Angebot. Umso besser, wenn zumindest an zehn Testschulen jetzt auch  Werte und Normen eingeführt wird. Für die, die mit Religion nichts anfangen können. Das stärkt auch den Religionsunterricht. Denn wenn es ein zusätzliches, von Eltern gewünschtes Angebot gibt, kann „Reli“ nicht so leicht in unattraktive Randstunden abgeschoben werden. Insofern ist die Entscheidung des Kultusministeriums richtig – und überfällig.  Werte und Normen wird sich als Fach aber bewähren müssen. Der konfessionelle Religionsunterricht hat inhaltlich hohe Standards gesetzt. Daran wird sich Werte und Normen messen lassen müssen.