31.03.2017

Fasten mit allen Sinnen

Körperkontakt mit Gott

Der Mensch sieht, riecht, schmeckt, hört, tastet und kennt sogar einen „sechsten Sinn“. Ist es sinnvoll, die Sinne in der Fastenzeit einmal etwas zu zügeln? Im fünften Teil unserer Serie „Fasten mit allen Sinnen“ geht es um das Tasten.


Foto: fotolia
Bitte nicht anfassen! Das Tasten ist in unseren Breiten ein eher vernachlässigter Sinn. Foto: fotolia

Der Tastsinn funktioniert über das größte Sinnesorgan, das der Mensch hat: die Haut. Mit ihr spüren wir Kälte und Wärme, Druck, Schmerz, Streicheln. Wir werden berührt, wir berühren. Fasten mit dem Tastsinn? Soll ich jetzt darauf verzichten, andere Menschen zu berühren? Meine Kinder nicht mehr in den Arm nehmen, sie nicht mehr streicheln? Das kann es doch nicht sein. 

Gott ertasten? Wie soll das denn gehen?

Also nicht verzichten, sondern bewusst einsetzen. Wahrnehmen, was ich erfühle und berühre, wer oder was mich berührt. Unbestritten, dass Berührungen und körperliche Nähe für Menschen überlebenswichtig sind. Nicht zu verschweigen, dass Berührungen in Ekstase versetzen können. Auch religiöse Erlebnisse können sicher unter die Haut gehen. Aber Gott ertasten? Meinen Tastsinn einsetzen, um mich Gott zu nähern, mehr von ihm zu verstehen, mein Leben stärker nach ihm auszurichten?

In Südeuropa und in der orthodoxen Kirche sind Gläubige ständig im Körperkontakt mit Gott oder seinen Heiligen: Sie berühren und küssen Ikonen, Heiligenfiguren, Kreuze. Typisch auch, die eigenen Finger nach dem Kreuzzeichen zu küssen. Gesten, die man in Deutschland umso seltener sieht, je weiter man nach Norden kommt. 

Was Berührungen angeht, bin ich auch eher norddeutsch distanziert. In meiner Heimatgemeinde käme ich nie auf die Idee, die Marienfigur oder den heiligen Josef anzufassen. Bei einer Pilgerreise zum Jahr der Barmherzigkeit nach Rom im vergangenen Jahr hatte ich beim Durchschreiten einer Heiligen Pforte dann aber doch das Bedürfnis, diese anzufassen. Ein kurzes Innehalten. Die Hand an die schwere Holztür, die Augen geschlossen. „Herr, lass mich deine Barmherzigkeit erfahren und deine Barmherzigkeit weitergeben.“ 

Oder beim Katholikentag in Leipzig: Dort war ich bei einem Taizé-Gebet. Gegen Ende wurde ein Kreuz in die Mitte der Halle gelegt. Viele Teilnehmer wollten das ohnehin schon tiefgehende gesungene Gebet durch eine Berührung des Kreuzes verstärken, mit Gott auch handgreiflich in Kontakt kommen. So können Berührungen einen Gedanken, ein religiöses Erleben, ein Gebet intensiver werden lassen. 

Im kirchlichen Alltag bei uns muss man solche Berührungen schon aufmerksam suchen. Aber es gibt sie: Priester küssen in der Messe den Altar und das Evangeliar. Sie brechen das Brot, halten den Kelch, breiten die Arme aus zum Gebet und segnen, manchmal sogar durch Handauflegung.Bei der Priesterweihe ist sogar vorgeschrieben, dass ein angedeuteter Kontakt nicht ausreicht, die Hand des Bischofs muss den Kopf des Kandidaten tatsächlich fest berühren.

Wer in der Bank sitzt, hat wenig zu berühren

Logo: Gabi von HebelWer dagegen als einfacher Laie im Gottesdienst in der Bank sitzt, hat erst einmal wenig zu berühren – das raue Holz der Bank, den kühlen Plastikeinband des Gotteslobs. Aber das sind technische Berührungen, keine sinnlichen Erfahrungen.

Eine starke Berührung steht zu Beginn der Fastenzeit: Am Aschermittwoch besprengt der Priester Asche mit Weihwasser und segnet sie. Das hat auch einen praktischen Zweck, bleibt sie doch so besser haften. „Bekehre dich und glaube an das Evangelium“ – mit diesem Satz zeichnet er mir das Aschenkreuz auf die Stirn, das ich noch Minuten später dort feucht-kalt spüre, eine körperlich wahrnehmbare Ermahnung, in den Wochen vor Ostern umzukehren, das Leben neu auszurichten, Gott mehr Raum zu geben. Sonst ist mir das nie aufgefallen. Die Recherche für diesen Text lässt mich in diesem Jahr solche Momente entdecken. Ein Schlüssel für das Fasten mit allen Sinnen: sensibel sein, den Empfindungen nachgehen.

Eine andere Berührung ist das Kreuzzeichen, ob mit oder ohne Weihwasser: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ – damit bekenne ich meinen Glauben an den dreifaltigen Gott, bitte um seinen Segen, stelle mein ganzes Ich unter das Zeichen der Erlösung. Meine starke und schwache Seite, mein Denken und Fühlen. Alles soll von Gott durchdrungen sein, alles unter seinem Schutz stehen. Ein Zeichen, das ich weitergeben kann. Etwa, wenn ich abends unsere Kinder segne. So, wie es Eltern oder Großeltern bei Kindern oft machen. Aber warum nicht auch mal andere Menschen, etwa den Partner, segnen? Beim Eröffnungsgottesdienst des Ökumenischen Kirchentags in München vor einigen Jahren wurden wir aufgefordert, unseren Nachbarn zu segnen, ihm oder ihr ein Kreuz auf die Stirn oder in die Hand zu zeichnen. Ich stand neben einem Kollegen. Im Redaktionsalltag kämen wir nie auf die Idee, uns so zu berühren oder diesen Segen zu wiederholen – in dem Moment aber war es eine passende Geste und starke Erfahrung. 

Das Händeschütteln beim Friedensgruß

Ein bisschen alltagstauglicher:  der Friedensgruß. „Der Friede sei mit dir“, schnell gesagt, die Hand geschüttelt. Ende. Versuchen Sie doch beim nächsten Mal, Ihrem Nachbarn den Frieden ganz bewusst, aus vollem Herzen zu wünschen. Mit einem kurzen inneren Gebet: „Gott, schenke diesem Menschen wirklich deinen Frieden. Lass es ihm gutgehen.“ Das können Sie auch machen, wenn Sie außerhalb der Kirche jemandem die Hand zur Begrüßung reichen. Ich habe beides ausprobiert. Eine Kleinigkeit, aber eine schöne Erfahrung, ein Weg, mit Gott durchs Leben und den Alltag zu gehen. Spannend wird es, wenn ich jemandem die Hand reichen muss, mit dem ich nicht gut klarkomme. Das muss ich aber selbst noch testen ...

Von Ulrich Waschki