Missbrauchsskandal in Australien

"Katastrophales Versagen"

Die australischen Bischöfe geben Fehler und "kriminelles Verhalten" zu: Missbrauchsfälle seien in den letzten Jahrzehnten vertuscht und verschwiegen.

Mit 90 Prozent waren Jungen die größte Opfergruppe im australischen Missbrauchsskandal. Foto: KNA

Die führenden katholischen Erzbischöfe Australiens haben der Einschätzung eines "katastrophalen Versagens" der Kirchenführung im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs zugestimmt. Zum Ende der dreiwöchigen letzten Anhörung der Kommission über sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester und Mitarbeiter der Kirche waren die fünf Erzbischöfe von Sydney, Melbourne, Perth, Adelaide und Brisbane vor der Kommission erschienen.

"Das war ein Verbrechen, Herr Erzbischof", sagte Gail Furness, Anwältin der Kommission, laut australischen Medienberichten zu Erzbischof Philip Wilson von Adelaide. Der 66-Jährige ist wegen Vertuschung von Missbrauchsfällen vor einem Gericht angeklagt. Wilson habe geantwortet: "Ja, das stimmt."

Sydneys Erzbischof Anthony Fisher sprach demnach von "kriminellem Verhalten" angesichts "offenkundiger Probleme". Erzbischof Timothy Costelloe von Perth habe arrogantes Verhalten mitverantwortlich für den Missbrauchsskandal gemacht. Die Kirche habe lange gedacht, sie sei "einzigartig" und stehe über den Dingen, so Costelloe.

 

Nie mehr Ausreden und Vertuschungen

Erzbischof Mark Coleridge

Die Erzbischöfe wiederholten laut den Medienberichten nachdrücklich bereits früher gemachte Erklärungen, dass so etwas nie wieder passieren dürfe. Fisher betonte, dass es in seinem Erzbistum "nie mehr Ausreden, Vertuschungen und Pädophile auch nur in der Nähe unserer Kirchen und Schulen geben darf". Erzbischof Mark Coleridge von Brisbane versicherte demnach, die Kirche müsse sich "feierlich verpflichten, Teil der Problemlösung zu sein". 

"Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, dass Missbrauch wie in der Vergangenheit niemals wieder passiert und dass die Reformen umgesetzt werden, die meine Bischofskollegen und die Leiter der Orden in den vergangenen Jahren beschlossen haben", erklärte auch der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Erzbischof Denis Hart von Melbourne. Die Kirche in Australien werde die Opfer weiter unterstützen.

In den vergangenen drei Wochen hatte die Kommission mehr als 70 Zeugen, darunter auch diverse Bischöfe, über den Umgang der Kirche mit Missbrauchsfällen befragt. Im Zentrum der Schlussanhörung stand die Frage, inwiefern Klerikalismus und die hierarchische Struktur der Kirche zu dem weit verbreiteten Skandal beigetragen haben. Zudem wollte die Kommission von den Zeugen wissen, welche Maßnahmen, Strukturen und Schutzmechanismen die Kirche ergreifen wird, um künftig sexuellen Missbrauch von Kindern auszuschließen.

Zu den bewegenden Momenten der Anhörung gehörte das Eingeständnis von Bischof Vincent Long Van Nguyen, selbst als junger Mann nach seiner Ankunft in Australien als Bootsflüchtling aus Vietnam von einem Priester sexuell missbraucht worden zu sein. Bischof Long sprach sich klar gegen die gegenwärtigen hierarchischen Strukturen der Kirche aus. Titel, Privilegien und die "institutionelle Dynamik in der Kirche" seien ein Nährboden für "klerikale Überlegenheit und Elitedenken", so Long.

Zum Beginn der Anhörung Anfang Februar hatte die Kommission Daten zum Ausmaß von Missbrauch in der katholischen Kirche veröffentlicht. Demnach gingen bei der Kirche Anzeigen von 4.444 Menschen über Fälle im Zeitraum zwischen 1980 und 2015 ein. Das Durchschnittsalter der Opfer habe bei Mädchen bei 10 und bei Jungen bei 11 Jahren gelegen. Mit 90 Prozent waren Jungen allerdings die weit größte Opfergruppe.

Die Kommission zur Untersuchung des Umgangs von weltlichen Institutionen, Kirchen und Religionsgemeinschaften mit Missbrauchsfällen war 2013 von der australischen Regierung eingesetzt worden. Der Abschlussbericht wird für Dezember erwartet.

KNA