22.07.2016

Wie funktioniert Gemeinde in einem Pastoralen Raum? Ein Beispiel aus dem Nachbarbistum im Norden

Kirche ist ständige Veränderung

St. Annen in Hamburg-Ochsenzoll hat keinen eigenen Pfarrer mehr. Die über 60 Jahre alte Kirche im Hamburger Norden gehört jetzt mit zwei Nachbargemeinden zu einem Pastoralen Raum. Darin sind die Ehrenamtlichen besonders gefordert. Vielleicht sogar überfordert?

Pastoraler Raum statt Gemeinde: St. Annen in Hamburg-Ochsenzoll hat den Wandel vollzogen und steckt mitten im Veränderungsprozess. Foto: Sendker
Pastoraler Raum statt Gemeinde: St. Annen in Hamburg-Ochsenzoll hat den Wandel vollzogen und steckt mitten im Veränderungsprozess.
Foto: Sendker

Ute Meßfeldt–Strutz (54) ist in St. Annen Ansprechpartnerin für die Senioren. Zehn Seniorennachmittage organisiert sie im Jahr. Rund 25 bis 28 Teilnehmer zählt sie an jedem Nachmittag. Es ist eine offene Veranstaltung, zu der gelegentlich auch Patienten aus der benachbarten Asklepios Klinik Nord-Ochsenzoll, einer der größten psychiatrisch-psychotherapeutischen Kliniken Deutschlands, kommen.

Doch trotz der zahlreichen Besucher hat sich etwas verändert, erzählt Meßfeldt-Strutz. Früher wurden die Nachmittage wie nebenbei organisiert, die Frauen wuselten in der Küche herum, das war alles ganz selbstverständlich. „Heute ist die Organisation anstrengend.“ Generell werde von den einzelnen Ehrenamtlichen viel Durchhaltevermögen verlangt, findet sie. „Das kirchliche Leben ist nun mal rückläufig. Die Zahl der Gemeindemitglieder wird stetig kleiner, und wer heute über 65 ist, geht nicht unbedingt zum Seniorenkreis.“

Früher kamen die Großeltern, die Eltern, die Kinder. Heute ziehen die Kinder weg. Da ist jeder, der bleibt, mehr gefordert, jeder wird gebraucht. Droht eine Überforderung der Ehrenamtlichen? „Das liegt ja an jedem selbst, wie viel er sich zumutet“, sagt Meßfeldt-Strutz. Ihr jedenfalls mache die ehrenamtliche Arbeit viel Freude. Die engagierte Frau ist Pragmatikerin: „Der Pastorale Raum ist ein guter Ansatz. Ob wir das so wollen, diese Frage stellt sich ja nicht. Es geht nicht anders.“

Aus drei mach eins: Die Pfarrei St. Katharina von Siena wurde im April 2014 offiziell errichtet aus den Gemeinden St. Annen, Ochsen­zoll, Heilige Familie, Langenhorn und St. Hedwig, Norderstedt. Vorausgegangen war ein dreijähriger Entwicklungsprozess, in dem sich Aktive und Vertreter aller kirchlichen Einrichtungen und Verbände der Gemeinden – von der Schule über die Kitas, vom der Kolpingsfamilie bis zum Caritaskreis, als „Orte kirchlichen Lebens“ miteinander vernetzten und ein Pastoralkonzept für die künftige Großpfarrei erarbeiteten.

Großpfarrei war ein tiefer Einschnitt

Seither hat St. Annen keinen eigenen Pfarrer mehr. Ein Team aus Hauptamtlichen mit Pfarrer Dietmar Wellenbrock, einem weiteren Geistlichen, drei Gemeindereferentinnen, einer Pastoralreferentin und einem Pastoralassistenten teilt sich die Arbeit. Rudolf Kemme, der letzte Seelsorger von St. Annen, hatte kurz vor der Errichtung der Großpfarrei seine Wohnung geräumt und war in den Ruhestand getreten. Für viele Gemeindemitglieder war das ein tiefer Einschnitt.

In der früheren Pfarrerwohnung sitzt jetzt zum Beispiel Margret May: Die Gemeindereferentin, Pädagogin und Trauerbegleiterin koordiniert in der neuen Großpfarrei die karitative Arbeit und kümmert sich um die Flüchtlingshilfe. „Andere Themen sind eher ortsgebunden. Das Thema Flüchtlingsarbeit dagegen verbindet alle Gemeinden im neuen Pastoralen Raum miteinander“, sagt sie. „Themenzeit Flucht“ heißt ihr Angebot zum Austausch der ehrenamtlich Engagierten im Pastoralen Raum. Allein das Thema verbindet. „Fast alle sind katholisch, aber den meisten ist es nicht mehr wichtig, eine Gemeindegruppe zu sein.“

Mit der Zentralbuchhaltung des Erzbistums hat sich ein weiterer Themenbereich in der alten Pfarrwohnung angesiedelt. Zwei Buchhalterinnen übernehmen dort jetzt die Arbeit der früheren Rendanten. In der alten Haushälterinnenwohnung ist ein Gästeappartement eingerichtet, das allen offensteht: Praktikanten, Bedürftigen oder dem Bischof. Oft klingelt noch die alte Kundschaft des ehemaligen Pfarrers an der Haustür. Dann gibt es ein gutes Wort, ein Brot und fünf Euro, und ein Gruß an den alten Pfarrer kommt zurück.

Daniela Braker hat ebenfalls ein Büro im Haus bezogen. Die Pastoralreferentin kümmert sich um die Themen Theologie und Liturgie. Neue Gottesdienstformen will sie fördern. „Das Schöne ist, dass ich nicht weiß, wie es früher in den einzelnen Gemeinden ablief. In der neuen Pfarrei geht es um die Chance, Größeres zu gestalten, nicht immer nur um das eigene Wohnzimmer“, sagt sie.

St. Annen mit über 3500 Mitgliedern ist eine durchschnittliche Gemeinde quer durch alle soziale Schichten hindurch. St. Annen ist auch eine Grenzgemeinde: Die Landesgrenze zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein führt mitten durch sie hindurch. Über den alten Ochsenweg, der dem Stadtteil den Namen gab, wurden einst die Ochsen von Jütland über die Elbe und weiter in den Süden getrieben. Später wurde am Ochsenzoll die Zollstation zwischen Dänemark und Hamburg errichtet. Der Schmuggelstieg, über den sich so mancher am Zoll vorbei­schmuggeln wollte, ist heute eine Geschäftsstraße mit Wochenmarkt. Dort steht die St.-Annen-Kirche. Das große Kreuz am Gemeindehaus ist von Weitem gut zu sehen.

Gemeindeleben vor Ort stärken

Die Kirche musste vor ein paar Jahren wegen schwerer Dachschäden kurzfristig geschlossen werden. Das Kirchendach ist – ebenso wie das Gemeindehausdach – inzwischen saniert worden. Zur finanziellen Unterstützung wurde 2005 der Freundes- und Förderverein „Wir in St. Annen“ ins Leben gerufen. Galt es zunächst die Kirche zu erhalten, geht es den Vereinsmitgliedern mittlerweile ebenso darum, die Identität von St. Annen im Pastoralen Raum zu bewahren. Ein Verbundenheitsgefühl in der Großpfarrei zu entwickeln für eine Region, die vom Hamburger Stadtteil Langenhorn bis nach Henstedt-Ulzburg im Süden Schleswig-Holsteins reicht, und zugleich das Gemeindeleben vor Ort zu stärken, ist eine Herausforderung.

Die Türen stehen offen: Kita-Leiterin Stefanie Holschemacher sieht eine verbesserte Zusammenarbeit in der Gemeinde.
Die Türen stehen offen: Kita-Leiterin Stefanie Holschemacher sieht eine verbesserte Zusammenarbeit in der Gemeinde. Foto: Sendker

„Wo stehen wir heute?“  Stefanie Holschemacher (46), Leiterin der Katholischen Montessori Kindertagesstätte St. Annen, muss nicht lange nachdenken, wenn sie auf die vergangenen Entwicklungen zurückblickt. „Die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Gremien in der Pfarrei – vom Kita-Ausschuss bis zur Gemeindekonferenz – hat sich intensiviert.“ Und damit häufen sich auch die Termine in ihrem Kalender.

Insgesamt zieht die Kita-Leiterin ein positives Fazit:„Es würde mir schwerfallen, etwas zu finden, was negativ am Pastoralen Raum ist.“ Die Orte kirchlichen Lebens seien gut miteinander verknüpft: „Wir haben für die Kitas der drei Gemeinden eine gemeinsame Ver­waltungskraft eingestellt, die Verfahren und Abläufe vereinheitlichen soll.“ Auf die Unterstützung der Eltern kann Stefanie Holschemacher zählen. „Aber den Schritt weiter in die Gremienarbeit der Gemeinde, den machen Eltern nicht.“ Diese Arbeit liegt in den Händen von Ehrenamtlichen. Und die Verantwortung, die sie übernehmen, ist in  den Augen der Kita-Leiterin übergroß: „Ich wäre aufgeschmissen, wenn ich nicht so einen engagierten Kitaausschuss-Vorsitzendenden hätte.“ Das könnten zeitlich nur Menschen schaffen, die nicht mehr im Berufsleben stehen.

Neue Formen ausprobieren

Ulrike Hagemann (57) ist so ein Mensch. Früher, als Kinderdorfmutter, hat sie sich um neun Kinder gekümmert, jetzt bereitet sie sich auf den Ruhestand vor. Über die  Erstkommunionvorbereitung ist sie schon vor vielen Jahren nach und nach in die ehrenamtliche Gemeindearbeit hi­neingewachsen. Jetzt hat sie mehr Zeit und will sich noch mehr einbringen. Sie ist Sprecherin des Gemeindeteams und hat mit einem Minijob den Küsterdienst übernommen. Und als Gottesdienstbeauftragte möchte sie neue Gottesdienstformen ausprobieren und lädt deshalb neuerdings zur „Aus.Zeit“ ein. „Ich habe immer davon geträumt, die Kirche zu öffnen, wenn wir auf dem Schmuggelstieg donnerstags den Markt haben“, erzählt sie. Marktbesucher sind  eingeladen zu einer Viertelstunde mit Orgelmusik, Impulsen und Gebeten.

Es hat sich viel verändert in St. Annen, findet Ulrike Hagemann. Früher gab es einen festen Kreis von Aktiven. „Die Aktiven, die sich langfristig engagieren, werden immer weniger. Die Menschen leben anders, die Arbeitszeiten werden flexibler, der Nachwuchs fehlt.“ Früher gab es große Gemeindefeste, das Helferfest für alle Ehrenamtlichen zum Beispiel und vor Weihnachten den großen Basar. Altes und Traditionelles gehe, aber es komme auch Neues, findet die Gemeindeteam-Sprecherin. Die  Kita-Eltern organisieren seit Neuestem zwei Mal im Jahr einen Flohmarkt. Und an Stelle des Helferfestes ist das Herbstfest getreten, das seit zwei Jahren zu Erntedank gefeiert wird. „Mit Mittagessen, Kaffee und Kuchen und vielen Spielen für Kinder“, erzählt Hagemann. Insgesamt tue sich die Gemeinde jedoch schwer, sich für Neues zu öffnen, sagt sie selbstkritisch. „Neue Gemeindemitglieder klagen oft, dass es mühsam sei, bei uns reinzukommen.“ Um auf die Neuen zuzugehen, hat sie einen offenen Treffpunkt mitorganisiert, zu dem Interessierte zweimal im Monat an den Markttagen auf einen Kaffee eingeladen sind.

Der Pastorale Raum bringt viele Veränderungen mit sich, betonen Pfarrer Dietmar Wellenbrock und Ulrike Hagemann, Sprecherin des Gemeindeteams St. Annen.
Der Pastorale Raum bringt viele Veränderungen mit sich, betonen Pfarrer Dietmar Wellenbrock und Ulrike Hagemann, Sprecherin des Gemeindeteams St. Annen.
Foto: Sendker

Das Leben ist anders geworden in St. Annen, das sagt auch Pfarrer Dietmar Wellenbrock (50). „Vieles ist mit dem Pastoralen Raum weggebrochen, und das empfindet so mancher als Verlust. Was ja auch verständlich ist.“ Nicht jedem gefalle es zum Beispiel,  dass an den großen kirchlichen Feiertagen künftig zentral nur ein Gottesdienst auf der Pfarrebene gefeiert werden soll. „Da gab es gleich Beschwerden: Wie sollen denn die alten Leute in der Osternacht nach Norderstedt kommen?“, erzählt Hagemann. Es wurde viel diskutiert, aber auch eine Lösung gefunden: Jetzt wird ein Fahrdienst organisiert.

Zu den Sonntagsgottesdiensten sieht Pfarrer Wellenbrock mittlerweile in jeder der drei Kirchen immer häufiger Gesichter aus den anderen beiden Gemeinden. „Da sind wir schon im Fluss“, findet er. Auch sonst ist er ganz zufrieden mit der Entwicklung: Manches Neue sei noch nicht vertraut, Vieles müsse noch eingeübt werden, aber so langsam kehre doch Gewohnheit ein. Die Gefahr, dass die Ehrenamtlichen in der Großpfarrei überfordert werden, sieht aber auch er. „Allein die Verwaltungsarbeit ist nebenbei kaum zu leisten. Die Kirche der Zukunft wird eine Kirche der Älteren, denn nur sie haben Zeit, sich zu engagieren.“

Wie die Zukunft der Pfarrei St. Katharina von Siena aussehen wird, soll nun Thema eines Projektes werden: „Wir können nicht mehr sagen: Augen zu und durch. Wir müssen uns fragen, wo wir in fünf oder zehn Jahren stehen.“  Das Ergebnis könnte im schlimmsten Fall sein, dass einer der drei Gemeindestandorte in der Großpfarrei aufgegeben werden muss. Aber so weit will Wellenbrock noch nicht denken. „Es braucht alles seine Zeit. Kirche ist doch ständige Veränderung.“

Von Monika Sendker

 

Jetzt gilt: Alle für eine

Die Entwicklung Pastoraler Räume hat im Erzbistum Hamburg 2010 begonnen und erstreckt sich nach und nach über das gesamte Bistum. So soll angesichts des Priestermangels und rückläufiger Mitgliederzahlen die Struktur der Gemeinden neu geordnet werden.

Dazu vernetzen sich mehrere Pfarreien und alle darin vertretenen Einrichtungen und Verbände als sogenannte „Orte kirchlichen Lebens“ zu einem Pastoralen Raum und entwickeln ein Pastoralkonzept, das die Grundlage für die künftige Zusammenarbeit bildet. Der Pastorale Raum wird nach einem dreijährigen Entwicklungsprozess dann eine einzige Pfarrei.

Die Leitung der Pfarrei liegt in der Hand eines Pastoralrates, bestehend aus dem Pfarrer, den Priestern, Diakonen und Mitarbeitern und den Gemeindeteams. Auf Gemeindeebene werden die Aktivitäten über die Gemeindekonferenzen bestimmt.

Der Pastorale Raum Drei-Einigkeit mit St. Annen war einer der ersten im Erzbistum, der den Entwicklungsprozess 2014 mit der Errichtung der Pfarrei St. Katharina von Siena abgeschlossen hat.