23.10.2014

Eine Kolpingsfamilie macht ausgediente Räder wieder flott und leiht sie gratis aus

Kostenlose Fahrräder für alle

Ausrangierte Fahrräder möbelt die Kolpingsfamilie im münsterländischen Emsdetten wieder auf und stellt sie im Innenstadtbereich kostenlos zur Nutzung für jedermann auf. Das Projekt verbindet Generationen, nutzt der Umwelt und hat sogar die Zahl der Fahrraddiebstähle vor Ort reduziert.

Maria steigt am Bahnhof in Emsdetten nach einem Stadtbummel im 32 Kilometer entfernten Münster aus dem Zug. Sie hat mehr eingekauft als geplant. Ein Taxi nehmen? Zu Fuß gehen? Da stechen ihr die Kolping-Leihfahrräder in leuchtendem Orange vorm Bahnhof ins Auge. Maria packt noch ein paar Sachen um in ihren Rucksack, hängt zwei Einkaufstüten ans Lenkrad und radelt nach Hause. Dort angekommen, stellt sie das geliehene Vehikel an der Hausmauer ab – zur Nutzung für den nächsten.

Mehr als 130 ausrangierte Fahrräder setzte die „Schraubertruppe“
der Kolpingsfamilie Emsdetten instand. Foto: Heike Sieg-Hövelmann

Die Idee zur Aktion „Kostenloses Kolping-Leihfahrrad“ kam Vorstandsmitglied Joachim Behrla im Jahr 2009 bei den regelmäßigen Kolping-Schrott-Sammelaktionen. Dabei holen die Aktiven zur Finanzierung der Jugendarbeit und sozialer Projekte Altmetall von privaten Haushalten ab. „Oft fanden sich ausrangierte Fahrräder darunter – viel zu schade zum Wegwerfen“, erinnert sich der 54-Jährige. Er suchte nach Gleichgesinnten im Verband. Gemeinsam wurden die Räder repariert. Manchmal entstand aus den noch gebrauchsfähigen Teilen von drei, vier Drahteseln ein einziges funktionstüchtiges Modell. Die fertigen Fahrräder stellten Behrla und sein Team am Bahnhof und in der Innenstadt ab. Die Aktion kam von Anfang an gut ins Rollen. Heute befinden sich in der rund 35 000 Einwohner zählenden Stadt 130 Fahrräder im Umlauf. 

Eine ähnliche Aktion lässt sich überall verwirklichen

„Wer ein Rad braucht, nimmt es sich, und stellt es später wieder ab, wo es der Nächste brauchen kann“, erklärt Behrla das einfache Prinzip. Oft kämen die Fahrräder am Bahnhof zum Einsatz, aber auch nach einer Fete, einem Disko- oder Kneipenbesuch. Bemerkenswert: Die Zahl der Fahrraddiebstähle in Emsdetten geht seit dem Kolping-Engagement deutlich zurück – von 918 in 2009 auf 598 im vorigen Jahr. 

Zweimal in der Woche treffen sich zehn bis 20 Freiwillige –  darunter auch Jugendliche und Rentner – abends für zwei Stunden, im Sommer in der Gartenscheune, im Winter im Keller des Kolpinghauses. Sie flicken Schläuche, ölen rostige Ketten, reparieren die Bremsen oder streichen den Rahmen in leuchtend Kolping-Orange – Erkennungszeichen der Fahrräder. 

„Alle Räder verlassen nur verkehrstüchtig unsere Werkstatt“, versichert Behrla. Zur Absicherung für den Verband finden sich auf den Seitenblechen neben dem gut lesbaren Hinweis „Kolping-Leihrad“ noch Infos zur Nutzung. Denn beim Fahrrad besteht keine Halter-, sondern Nutzerhaftpflicht. Als Aufschrift ist dort zu lesen: „Kostenlos maximal 3 Tage, anschließend verkehrsgerecht und unabgeschlossen im Innenstadtbereich abstellen. Nur in verkehrsgerechtem Zustand auf eigene Gefahr nutzen.“

Joachim Behrla hält es für möglich, die Aktion überall zu realisieren – im Dorf wie in der Stadt. „Auch wir haben klein angefangen, mit gerade mal zehn Rädern.“ In Emsdetten sei der Leihradservice mit der Zeit zu einem Selbstläufer geworden. Und es gehe auch ohne eine allgemeine Schrottsammelaktion. Stattdessen könne es regelmäßige Sammlungen speziell für ausrangierte Fahrräder geben.

Wer sich ein neues Rad kauft, spendet das alte

„Mittlerweile identifiziert sich ganz Emsdetten mit dem Projekt“, sagt der dreifache Familienvater stolz. So rufe die Polizei an, wenn sie Räder zu vergeben hätte. Oft kämen Spenden von Senioren, die sich ein neues Elektrobike anschaffen. Der Service ist sogar so ausgeklügelt, dass Bürger, die ein lädiertes Kolping-Fahrrad irgendwo entdecken, die Fundstücke bequem über ein Kontaktformular auf der Homepage des Verbandes melden können. Behrla: „Wir gehen dann hin und holen die Räder wieder ab.“

Joachim Behrla gibt bei Fragen zum Projekt gern Auskunft. E-Mail: Behrla@t-online.de

Von Heike Sieg-Hövelmann