17.05.2017

Angemerkt der Woche

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Da mal nachhaken …“ war ein Grundsatz des auch aus diesem Grund von mir sehr geschätzten Schriftstellers Walter Kempowski („Tadellöser & Wolff“). Mal nachhaken – das bringt einen immer wieder auf neue und unerwartete Spuren.

Bei der Lektüre eines historischen Reiseführers über Slowenien stieß ich neulich auf den Namen Paolo Santonino. Wenn Sie jetzt fragen „Wer zum Teufel ist denn das jetzt wieder?“, kann ich das nachvollziehen, es ging mir ebenso. Aber ich kann Ihnen versprechen: Es lohnt sich, sich mal eine halbe Stunde mit diesem Mann zu befassen.

Santonino begleitete Ende des 15. Jahrhunderts den Bischof von Udine nach Osttirol, Kärnten und in die Krain, wo Kirchen und Kapellen eingeweiht werden sollten. Mit Akribie beschreibt er diese Reise. Historiker schätzen seine Aufzeichnungen als wertvolle Quelle über das Leben jener Zeit.

Auch über die Mahlzeit vom 5. Oktober 1485 führte Santonino Buch. Es wurden demnach aufgetragen: gemästete Kapaune, dann Forellen und Äschen als zweiter Gang, gefolgt von Rebhühnern und Braten von jungen Gemsen, schließlich gepfeffertes Fleisch. Es folgten wiederum Äschen und Forellen und noch einmal Waldhühner. Nun habe der Bischof geglaubt, das Mahl sei beendet, notiert Santonino. Weit gefehlt: Es gibt noch Kraut „über einem Stücke Speck“, Krapfen mit Honig übergossen und Birnen „von staunenswerter Größe“.

Wer den Bischof von Udine für einen Asketen vor dem Herrn gehalten haben könnte, kommt bei den Notizen ins Nachdenken. Ich habe nachgeschlagen, der 5. Oktober 1485 war ein Sonntag. Da tischt man ja auch bei uns ganz gerne mal auf.

Ihr

Stefan Branahl