18.10.2017

Angemerkt der Woche

Wir dürfen nicht wegschauen

Der vergangene Montag hat mich niedergeschmettert. Ich habe erlebt, wie das Bistum Hildesheim eines der schwärzesten Kapitel seiner Geschichte aufgearbeitet hat: den vielfachen Missbrauch eines Priesters an jungen Menschen und den Vorwurf an seinem hochgeschätzten ehemaligen Oberhirten der Nachkriegszeit, sich an einem Ministranten vergangen zu haben.

Das Gutachten des Instituts hätte deutlicher nicht ausfallen können: Naivität, Verantwortungslosigkeit, Wegschauen, Schutz des Täters statt der Opfer – das waren einige der Ergebnisse, die in der Pressekonferenz am vergangenen Montag präsentiert worden sind.
Trotzdem war ich stolz auf unser Bistum. Bei allem Versagen, das eingeräumt wurde, ging mir in diesem Moment durch den Kopf: Das Bistum selbst hat die Initiative ergriffen, sein Verhalten infrage zu stellen, mit allen Konsequenzen. Und selten habe ich Kirchenvertreter erlebt, die eigene Fehler in dieser Deutlichkeit eingestanden haben. Die sehr persönlichen und manchmal mit stockender Stimme vorgetragenen Stellungnahmen der Weihbischöfe waren unmissverständlich: Wir haben Fehler gemacht. Wir haben begriffen! Es gibt kein „Weiter so“!

In der Redaktion haben wir uns gefragt, ob wir bei aller grundsätzlichen Loyalität zur Kirche dieses System unterstützt haben. Wir können sagen: Nein, das haben wir nicht. Als uns vor vielen Jahren die ersten Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester unseres Bistums bekannt wurden, haben wir darüber gegen alle Widerstände berichtet. Diese Widerstände übrigens kamen nicht nur von der damaligen Bistumsleitung, sondern auch aus den Gemeinden.

Sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen. In der Dimension hat es unsere Gesellschaft noch nicht begriffen. Die katholische Kirche hat – so der Anschein – wieder einmal die schlechtesten Karten. Aber Missbrauch gibt es nicht nur in der katholischen Kirche, es gibt ihn in der Familie, bei evangelischen Jugendfreizeiten oder im Sommerlager der Freiwilligen Feuerwehr. Missbrauch ist alltäglich, so schwer es uns fällt, das zur Kenntnis zu nehmen. Wir müssen darüber reden, damit wir ihn verhindern.

Gewalt gegen Schutzbefohlene, überhaupt Gewalt, dürfen wir nicht hinnehmen oder verharmlosen.

Stefan Branahl