Angemerkt der Woche

Liebe Leserin, lieber Leser,

als ich vor rund dreieinhalb Jahrzehnten meinen Dienst bei der KirchenZeitung begann, gab es um ein Thema in der Redaktion keine großen Diskussionen: Homosexualität. Das lag nicht daran, dass uns irgendjemand in dieser Sache einen Maulkorb verpasst hätte, es hatte mehr damit zu tun, dass sich die KiZ-Macher im Wesentlichen einig waren. Schwule (von Lesben war nicht die Rede) galten irgendwie als abnorm. Und mit dieser Einschätzung stand die KiZ-Redaktion weder in der Kirche noch in der Gesellschaft allein.

Am letzten Wochenende ist mir bewusst geworden, was sich seitdem auf diesem Feld getan hat. Auf der Trauerfeier für den FDP-Politiker Guido Westerwelle sprach Prälat Karl Jüsten, ein Jugendfreund des Verstorbenen. Jüsten würdigte dabei nicht nur Westerwelle, sondern auch dessen Beziehung zu seinem Lebenspartner Michael Mroz – vor 35 Jahren ein undenkbarer Vorgang. Dabei ist Jüsten nicht irgendein Priester, sondern Leiter des Kommissariates der deutschen Bischöfe in Berlin. Er vertritt die Interessen der Kirche gegenüber der Bundesregierung und dem Bundestag.

Homosexuelle gab es auch vor 35 Jahren. Auch in meiner Pfarrgemeinde. Doch man redete nicht über das Thema, und falls doch, nur hinter vorgehaltener Hand. Ich habe im Laufe der Jahre manches dazugelernt und habe mein Verhältnis zu homosexuellen Menschen geändert. Eine Entwicklung, die nicht nur mich, sondern auch die Kirche erfasst hat.

Spannungsfrei ist die Beziehung zwischen Homosexuellen und katholischer Kirche trotz mancher beachtenswerten Fortschritte bis heute aber nicht. Es gilt weiter der Erwachsenenkatechismus, der zwar vor einer Diskriminierung und ungerechten Behandlung von Homosexuellen warnt, gleichzeitig aber sexuelle Handlungen strikt ablehnt. Eine Regel, die theologisch tief begründet wird, aber praxisfern ist.

Nahezu zeitgleich mit dieser KirchenZeitung erscheint an diesem Freitag im Vatikan das Schlussdokument der Weltbischofssynode zum Thema Familie. Theologen spekulieren darüber, ob darin auch das Thema Homosexualität aufgegriffen wird und falls ja, mit welchem Tenor. Wir dürfen gespannt sein. Doch gleichgültig ob und was in dem Dokument darüber geschrieben steht, seit der Westerwelle-Trauerfeier steht fest: Ein unverkrampfter Umgang mit Homosexualität ist möglich. Wir dürfen uns daran in unseren Gemeinden ein Beispiel nehmen.

Beste Grüße,

Matthias Bode