Angemerkt der Woche

Liebe Leserin, lieber Leser,

41 Bauwerke und Naturschönheiten zählt die Liste der UNESCO-Welterbestätten in Deutschland. Rund ein Viertel von dem, was die Kulturorganisation der Vereinten Nationen hierzulande für schützenswert hält, sind Dome, Kirchen oder religiöse Gedenkstätten. Seit 1985 stehen auch die Hildesheimer Michaeliskirche und der Hildesheimer Dom mit seinem einzigartigen Domschatz auf der Liste der Welterbestätten.

Seit 2003 fördert die Unesco nicht nur großartige Bauten oder einmalige Landschaften, sondern regt auf nationaler Ebene auch den Erhalt von Alltagskulturen an. Da finden sich beispielsweise die deutsche Genossenschaftsidee, das Schützenwesen, die Brotkultur und das niederdeutsche Theater. Seit der vergangenen Woche ist die Liste um einiges länger geworden, gleich 34 neue Kulturformen wurden von der Kultusministerkonferenz neu aufgenommen. Darunter sind das deutsche Hebammenwesen, Kirchenmalerei-Techniken und – ganz in der Nähe des Bistums Hildesheim – die Heiligenstädter Palmsonntagsprozession.

Die Prozession findet enorme Aufmerksamkeit, weit über das kleine Heiligenstadt hinaus: Zwischen 5000 und 20 000 Menschen nehmen daran teil. Auch während der DDR-Zeit strömten die Gläubigen zu der Prozession.

Dass die Heiligenstätter Palmsonntagsprozession nun den Sprung in das deutsche Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes geschafft hat, ist eine schöne Auszeichnung. Doch nicht nur das: Der Vorgang macht deutlich, wie prägend allen Unkenrufen zum Trotz das kirchliche und religiöse Erbe für unsere Kultur bis heute ist. Mag die Zahl der Christen auch zurückgehen, mag die enge kirchliche Bindung schwinden: Deutschland und ganz Europa sind ohne das christliche Erbe kaum denkbar. Das belegen nicht nur die Unesco-Listen. Wer wachen Auges durch die Welt geht, findet beinah überall Spuren, sei es bei einer Alpenüberquerung oder im Fernsehen: Am 19. und 21. Dezember strahlt das ZDF einen Zweiteiler über den Bau des ersten Gotthard-Tunnels in den Jahren 1872 bis 1880 aus. Namensgeber für den alten wie den neuen Tunnel sowie das gesamte Schweizer Gotthardmassiv ist der heilige Godehard von Hildesheim, der schon bald nach seinem Tod 1038 Verehrung in weiten Teilen Europas fand. Bis heute sind über 400 Kir-chen, Kapellen, Orte und Einrichtungen nach ihm benannt.

In einer Zeit, in der vieles in Bewegung ist und mancher Unsicherheit spürt, kann ein Blick auf unsere tiefen und reichen Wurzeln ein Stück zu unserer Gelassenheit beitragen. Diese wünsche ich Ihnen am 4. Adventssonntag und in den hoffentlich nicht zu hektischen letzten Tagen vor Weihnachten.

Ihr Matthias Bode