28.09.2016

Mit dem Glauben Berge versetzen

Mächtige Stimme aus dem Slum

Brutalität, Vergewaltigung, Krankheit, Tod – in seiner Heimat Liberia ist das Teil des Alltags. Schon für Kinder. „Wohin ich blicke, sehe ich Gewalt und Misshandlung …“, klagt der Prophet Habakuk. Doch anstatt wie der zu verzagen, trotzt ein junger Westafrikaner dem Leid und Elend.

Er gewann den Internationalen Kinder-Friedenspreis: Abraham M. Keita. Foto: Children's peace prize

Abraham M. Keita ist ergriffen und dankbar. Strahlend stemmt er die vergoldete Statue in die Höhe. Sie zeigt einen kleinen Menschen, der eine riesige Weltkugel bewegt. Für das, was der Teenager in seinem Land anstößt und verändert, bekommt er im November 2015 den Internationalen Kinder-Friedenspreis. Die mit 100 000 Euro dotierte Auszeichnung wird jedes Jahr in Den Haag einem Kind oder Jugendlichen verliehen, das oder der sich auf außergewöhnliche Weise für Kinder einsetzt.

Seitdem ist der heute 18-Jährige in dem gebeutelten Liberia ein gefeierter Held. Schon bei seiner Rückkehr erwarten ihn am Flughafen in der liberianischen Hauptstadt Monrovia Hunderte seiner Landsleute. Darunter viele Kinder und Jugendliche. Für sie ist Abraham Keita Vorbild und Hoffnungsträger. „Welcome Ambassador – willkommen Botschafter“, steht auf vielen Plakaten geschrieben.

Vor jedem seiner Schritte breiten begeisterte Anhänger Tücher und Blumen auf dem Boden aus, bejubeln ihn mit Megafon und Sprechchören. Wie bei Jesu Einzug in Jerusalem. „Wir waren schon immer Verehrer seiner guten Taten und Worte“, sagt ein Mitstreiter. „Doch die mächtige Stimme aus dem Slum ist jetzt noch mächtiger geworden.“

Abraham Keita wird 1998 geboren. Mitten in jenem Bürgerkrieg, der bis 2003 wüten sollte. Er wächst auf in Liberias größtem Slum: West-Point, eine mit rund 70 000 Menschen dicht besiedelte Halbinsel vor den Toren der Millionenstadt Monrovia. Hier leben Witwen und Waisen sowie ehemalige Kämpfer und Milizen. „Eine Brutstätte für Verbrechen und Gewalt“, sagt Abraham. „Kinder werden offen ausgebeutet, Mädchen vergewaltigt und Jungen sexuell belästigt.“

 

Als er fünf war, wurde sein Vater ermordet

Als er fünf Jahre alt ist, wird sein Vater, der Fahrer für eine Hilfsorganisation ist, von Rebellen ermordet. „Auch für ihn fühle ich mich verpflichtet, die Situation zu verbessern“, erklärt der junge Mann heute. Doch so hart die Umstände auch waren und sind, von Schwierigkeiten lässt sich Abraham M. Keita nicht beirren. Seinen Altersgenossen sagt er: „Gib niemals auf, lass dich nicht durch deine Ängste stoppen! Die Herausforderungen und Probleme der Gegenwart sind nur Erfahrungen und Experimente für eine bessere Zukunft.“ Das klingt nach Glauben, deutlich größer als ein Senfkorn.

Da er nach dem Tod des Vaters seine Mutter und die Geschwister unterstützen muss, bleibt kaum Zeit für die Schule. „Erst mit acht Jahren kam ich in den Kindergarten. Da nannten mich alle Kindergarten-Opa“, erinnert er sich. Doch dann holt der Junge rasant auf. Inzwischen gehört er zu einem akademischen Zirkel, in dem sich die besten Schüler und Studenten austauschen.

2007 hat Abraham ein Schlüsselerlebnis. Schockiert hört er vom kaltblütigen Mord an der 13-jährigen Angel in West Point, die vergewaltigt und erdrosselt wurde. „Das machte mich unheimlich wütend“, berichtet der Jugendliche. „Der Gedanke, dass dies morgen meinen Geschwistern, Freunden oder mir passieren könnte, ließ mich nicht los.“

 

Kürzlich diskutierte er mit US-Studenten

Von da an entwickelt der damals Neunjährige eine unerschütterliche Kraft, sich für die Rechte von Kindern einzusetzen, und wird später zu deren Sprecher. Immer wieder organisiert er Protestmärsche, fordert, Täter zu bestrafen, sammelt Unterschriften für Petitionen und klärt Gleichaltrige auf, wie sie sich besser schützen können, was sie sich nicht gefallen lassen dürfen. Unter seiner Regie entsteht die Stiftung „Afrikas Kindern Hoffnung geben“. Sie organisiert Hilfs- sowie Bildungsprojekte und unterstützt Waisenkinder.

Und er findet immer mehr Gehör. Denn der „Friedensnobelpreis für Kinder“, wie ihn liberianische Zeitungen nennen, bedeutet einen enormen Schub für die Popularität. Vor kurzem war Abraham Keita zu Besuch in den USA. Dort diskutierte er mit Studenten, war Gast in Radiosendungen und Talkshows. Abraham Keita – lebender Beweis für die Behauptung des Paulus: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

Von Heike Sieg-Hövelmann