08.09.2011

Die KiZ blickt hinter die Kulissen der Vinzenzpforte

Mahlzeit

Was nicht alles hinter Klostermauern passiert: Da werden Heiratsanträge gemacht, Tränen vergossen und Brote im Akkord geschmiert. Für einen Tag habe ich im Mutterhaus der Vinzentinerinnen in Hildesheim in der Suppenküche geholfen.

Am Ende des Monats wird das Geld im Portemonnaie weniger und die Warteschlange vor dem Mutterhaus der Vinzentinerinnen länger. Ich bin erstaunt, wer sich alles einreiht: Obdachlose, aber auch elegant gekleidete ältere Damen und sogar Jugendliche.

Als sie den Essensraum betreten, merke ich, dass es einigen peinlich ist, dass ich sie hier sehe. „Viele von ihnen schämen sich für ihre Armut“, sagt Teresa Kosubek, mit der ich Brötchen für die Bedürftigen belege.

Viel Zeit zum Reden haben wir nicht. Vor mir liegt noch ein Stapel Brote, die ich alle mit Butter beschmieren muss. Dazu gibt es Wurst, Käse und einen Kaffee zum Aufwärmen – alles kostenlos. Niemand muss hier Unterlagen vorlegen, um zu beweisen, dass er auch wirklich arm ist.

Das ist nicht überall so. Bei den bundesweit aktiven „Tafeln“ müssen Bedürftige ihre Armut mit amtlichen Bescheinigungen belegen. Manchmal haben sie sogar eine Nummer zu ziehen, die angibt, wann sie sich das Essen holen dürfen. „Bei uns ist das nicht so“, betont Teresa Kosubek.

Die Lebensmittel werden nicht von Supermärkten gesponsert, die ihr Image aufhübschen wollen. Das Essen stammt aus dem von den Vinzentinerinnen geführten Altenheim St. Paulus und vom Mutterhaus selbst.

Vor dem Mittagessen wird gebetet

Wertschätzen kann jedoch nicht jeder das Angebot der Schwestern. Kosubek erzählt von Bedürftigen, die ihr belegtes Brot in den Mülleimer werfen. „Das macht mich sehr wütend“, sagt sie. Außerdem hätten viele Obdachlose ein großes Problem: Sie können ihre Finger nicht von der Schnapsflasche lassen. Wie man ihnen helfen kann? „Ohne therapeutische Hilfe geht es nicht“, sagt Kosubek.

Nachdem das Essen verteilt ist, heißt es für uns: putzen, putzen, putzen. Der Boden, das Badezimmer, in dem sich die Obdachlosen duschen, und der Flur müssen auf Vordermann gebracht werden. Das Geschirr waschen die Männer und Frauen selber ab. Danach geht es gleich weiter mit dem Mittagessen. Schwester Cäcilia unterstützt uns dabei. Aus der Küche riecht es schon nach Kartoffeln und Koteletts. Doch bevor die Bedürftigen zu Messer und Gabel greifen, spricht Schwester Cäcilia ein Tischgebet. Manche Obdachlose stehen auf, bekreuzigen sich und falten ihre Hände. Andere schauen nur zu.

Offenes Ohr für die Obdachlosen

Die Ordensfrau und Teresa Kosubek sind ein eingespieltes Team. Ruckzuck verteilen sie das Essen. Ich habe Mühe bei dem Tempo mitzuhalten. Nach dem Essen kommt ein Obdachloser auf Schwester Cäcilia zu, der an seiner Hand Wunden hat. Die Ordensschwester schmiert Salbe auf die verletzte Stelle – auch das gehört dazu. Ein anderer Mann macht ihr aus heiterem Himmel einen Heiratsantrag. Schwester Cäcilia lacht. „Nein danke. Ich bin schon vergeben.“ Zuletzt wird sie gefragt: „Für wen machen Sie das eigentlich? Für die Menschen oder für Jesus?“ Schwester Cäcilia antwortet: „Na für die Menschen natürlich und für Jesus. Unser Herr ist doch in jedem Menschen.“

Die Obdachlosen zwanghaft zum Glauben bekehren wolle man hier nicht. „Gut zu den Menschen sein, ist das Wichtigste“, sagt die Schwester.

 

Silvia Pucyk