08.11.2017

Mahnmal aus Holz und Hartschaum

Im November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. Die Nationalsozialisten und ihre willigen Helfer wüteten gegen die Juden. Es war der Einstieg in die systematische Vernichtung. Studenten in Braunschweig bauen Modelle der zerstörten Synagogen. Demnächst sind sie im Rahmen einer Ausstellung in New York zu sehen.

Museumsleiter Dirk Stroschein am Modell der Seesener
Synagoge. Das Städtische Museum informiert in einer
Dauerausstellung über den Gründer des liberalen
Judentums, Israel Jacobson. | Foto: Stefan Branahl

Es war ein bemerkenswert schönes Gebäude, und seine Fachwerk-Architektur passte gut in die Gegend der Harz-Ausläufer. Doch die Synagoge von Seesen war mehr als das: von hier aus verbreitete sich im 19. Jahrhundert das liberale Judentum in alle Welt. Wie andere Synagogen in Deutschland wurde sie in der Reichspogromnacht vor 79 Jahren zerstört.  Ein Modell im Städtischen Museum  steht heute im Mittelpunkt einer Dauerausstellung, die sich den fortschrittlichen Ideen des Synagogen-Stifters Israel Jacobson widmet. Gebaut wurde das Modell vor 20 Jahren von Braunschweiger Architekturstudenten. Zwei Dutzend weitere sind seitdem entstanden.
 

In der Werkstatt der TU Braunschweig bauen die
Architekturstudenten Joachim Bauer und Valentina
Sehner ein Modell des New Yorker Tempels Emanu
El. Gemeinsam mit Ulrich Knufinke besprechen
sie die Umsetzung der Pläne. | Foto: Stefan Branahl

In der Werkhalle des Instituts für Baugeschichte an der Technischen Universität Braunschweig entsteht derzeit der Tempel Emanu El von New York im Maßstab 1:50. Das 1920 an der Fifth Avenue eingeweihte Gebäude zählt mit 2500 Sitzplätzen zu den größten Synagogen weltweit. Nicht nur wegen seiner Dimensionen, sondern auch wegen seiner romanischen und byzantinischen Stilelemente, die an eine Kathedrale erinnern, ist der Nachbau für die Architektur-Studenten eine echte Herausforderung. Immer wieder müssen Valentina Sehner und Joachim Bauer die Pläne studieren, bevor sie Teil für Teil aus Hartschaum sägen und mit Furnierholz verkleiden. Projektleiter Ulrich Knufinke staunt über die Ideen, mit denen die beiden sich an die technischen Herausforderungen machen. Um zum Beispiel das Holz für die Bögen in Form zu bringen, spannen sie es in feuchtem Zustand über passende Rundhölzer und lassen es trocknen. Schon jetzt ahnt Knufinke: Dieses Tempel-Modell dürfte ein echter Hingucker sein bei der für kommendes Jahr geplanten Wanderausstellung durch die Vereinigten Staaten. Zu sehen sind dann auch die Modelle der Synagogen von Bingen, Köln, Halberstadt oder Worms.
 

Die komplette Einrichtung der
Hornburger Synagoge ist heute
im Braunschweiger Landesmuseum
zu sehen. | Foto: Museum

Jüdische Architektur vor dem Vergessen zu bewahren ist das Ziel der Bet-Tfila-Forschungsstelle, die der TU Braunschweig angegliedert ist. Geleitet wird sie von Alexander von Kienlin, Professor für Baugeschichte. „In Deutschland hat sich vor rund 200 Jahren eine spezifische Synagogen-Architektur entwickelt. Sie steht im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Emanzipation der Juden“, erläutert er. Vom Harz-Städtchen Seesen aus entwickelte sich das Reformjudentum, das nicht nur in den Gottesdiensten, sondern auch bei der Gestaltung der Synagogen Folgen hatte: „Die Frauenempore hatte keine Gitter mehr, und mancherorts wurde sogar eine Orgel eingebaut.“

So wie in Seesen, wo bisher das einzige der in Braunschweig entstandenen Modelle zu sehen ist – als Erinnerung an eine  zerstörte jüdische Kultur.

Stefan Branahl